Auswahl per Videochat Was Sie bei Bewerbungsgesprächen über Skype beachten müssen

Viele Firmen interviewen Bewerber per Skype, um Reisekosten zu sparen. Doch die Methode ist problematisch, nicht nur wegen des Datenschutzes. Was erlaubt ist - und was nicht.

Videochat per Skype (Archivbild)
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Videochat per Skype (Archivbild)

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Kein Wunder, dass Arbeitgeber zukünftige Mitarbeiter gern per Skype aussuchen: Es fallen keine Reisekosten an, kein Besprechungszimmer muss gebucht werden, der Kandidat kann sich zuschalten, wo immer er gerade ist.

Die Bewerberauswahl über Skype ist inzwischen so etabliert, dass es das Regierungspräsidium Stuttgart im Januar in die Schlagzeilen schaffte, weil es sich gegen die Verwendung des Onlinedienstes wehrte. Die Behörde sagte einer Lehrerin ab, die gern an einer Grundschule in Baden-Württemberg angefangen hätte.

Die Pädagogin wohnte in Malaysia und hatte das Bewerbungsgespräch mit der Schulleitung über Skype geführt, die sie daraufhin gern einstellen wollte, berichtete unter anderem die "Heilbronner Stimme".

Das Regierungspräsidium verhinderte das jedoch, denn die "persönliche Teilnahme" am Bewerbungsgespräch sei "nicht verhandelbar". Nach der medialen Aufregung, die darauf folgte, kündigte das baden-württembergische Kultusministerium an, die Regeln für Online-Bewerbungen lockern zu wollen.

Dabei sehen Datenschützer das Casting von Bewerbern über Skype durchaus kritisch - und Arbeitgeber sollten einige Dinge beachten, um sich rechtlich möglichst nicht angreifbar zu machen.

Was kritisieren Datenschützer?

Microsoft könne auf die Daten der Skype-Nutzer zugreifen, diese offenlegen und aufbewahren, warnt die Berliner Beauftragte für Datenschutz, Maja Smoltczyk, in ihrem aktuellen Jahresbericht. "Der Dienst garantiert die Vertraulichkeit von Nutzerbeiträgen, wozu auch Videokonferenzen zählen, ausdrücklich nicht", heißt es aus ihrem Büro.

Darüber hinaus würden die Metadaten der Nutzer verarbeitet, ohne dass die Zwecke konkret genannt würden. In den Metadaten wird erfasst, wer wann mit wem wie lange gesprochen hat. Smoltczyk empfiehlt deshalb, "von der Nutzung von Skype in Bewerbungsverfahren abzusehen".

Was müssen Arbeitgeber beachten, wenn sie Skype dennoch nutzen wollen?

"Um rechtlich auf der sicheren Seite zu sein, muss das Skype-Interview freiwillig erfolgen", sagt Christian Althaus, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Kümmerlein in Essen. Bisher reiche es üblicherweise, wenn ein Bewerber sich auf das Auswahlgespräch per Skype einlasse, ohne zu protestieren. "Das ist jedoch eine Grauzone, die nicht klar geregelt ist", warnt Althaus. Er rät Arbeitgebern deshalb, das Einverständnis vorsichtshalber schriftlich einzuholen.

Der Berliner Datenschutzbeauftragten Smoltczyk würde allerdings selbst das nicht genügen. Die Einwilligung müsse nicht nur freiwillig, sondern auch informiert sein, sagt ihre Sprecherin Dalia Kues. Da jedoch weder Arbeitgeber noch Bewerber absehen könnten, wer bei dem US-Dienst auf die Nutzer-Daten zugreife und für welche Zwecke Skype sie womöglich verwende, könne eine informierte Einwilligung gar nicht erteilt werden.

"Wir nehmen Sicherheit und Privatsphäre ernst", teilte Microsoft dazu mit. Man habe eine transparente Datenschutzerklärung, die mit geltenden Datenschutzgesetzen in der EU übereinstimme. Zudem habe jeder Nutzer die Möglichkeit, in seinem Profil Einstellungen zum Datenschutz vorzunehmen.

Wenn ein Bewerber dennoch datenschutzrechtliche Bedenken äußert, verprellt er damit womöglich den Arbeitgeber und setzt seinen künftigen Job aufs Spiel. Es sei deshalb nie sicher, ob solche Einwilligungen nicht doch unter Druck abgegeben wurden, sagt Kues. Für eine echte Freiwilligkeit müsse der Arbeitgeber auch Alternativen anbieten.

Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

Die "persönliche Teilnahme", auf die das Stuttgarter Regierungspräsidium beharrt, dürfte vielen Firmen schlicht zu teuer sein, besonders wenn sich Kandidaten aus anderen Städten oder Ländern bewerben. Denn Arbeitgeber sind verpflichtet, die Reisekosten zu erstatten.

Die Berliner Datenschutzbeauftragte rät deshalb, einen Videokonferenzanbieter mit Sitz in der EU zu wählen. Den hat keiner der bekannteren Anbieter wie Facebook Messenger, Yahoo Messenger, Viber, Facetime, Line, ICQ, WeChat oder Google Hangouts.

Wo die Rechenzentren stehen, über die Videochats per Skype laufen, können Firmen nur mit Microsoft aushandeln, wenn sie sich für das kostenpflichtige Skype for Business entscheiden.

Ebenfalls kostenpflichtig sind deutsche Anbieter wie Connect4Video GmbH aus Rüsselsheim, AhoyRTC aus Kiel oder Unify aus München. Allerdings garantiere der europäische Firmensitz allein noch keine Rechtskonformität, mahnen die Berliner Datenschützer. Arbeitgeber müssten die Konditionen deshalb sorgfältig prüfen.

Firmen könnten auch einen eigenen Instant-Messaging-Dienst aufzusetzen - oder mit den Kandidaten einfach ein "herkömmliches Telefonat" führen. Verschlüsselte Videochats per Smartphone bietet seit kurzem der Messenger Signal an.

Firmen können all diese Möglichkeiten erwägen und beim Bewerber sogar womöglich punkten, wenn sie deutlich machen, dass ihnen Datenschutz wichtig ist.

In welcher Zwickmühle stecken Bewerber?

Sie können den Arbeitgeber zwar auf Alternativen zu Skype ansprechen - riskieren damit aber, aus dem Auswahlverfahren zu fliegen. "Wenn eine Firma keine Alternative anbietet, wäre das ein Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz", sagt Arbeitsrechtsanwalt Althaus.

Um dieses Risiko sowie mögliche Reisekosten zu umgehen, siebten Arbeitgeber nicht selten Kandidaten aus, die nicht von sich aus ein unkompliziertes Auswahlgespräch per Videochat vorschlagen. In manchen Fällen könne es außerdem helfen, wenn Bewerber signalisieren, dass sie die Reisekosten selbst zahlen wollen, sagt Althaus.

Was geht nicht?

Sowohl die Berliner als auch die nordrhein-westfälische Datenschutzbeauftragte berichten von Arbeitgebern, die ihre Bewerber verpflichteten, in einem Video einheitliche Fragen zu beantworten - und die Aufzeichnungen später auswerteten. Das sei in der Regel "rechtwidrig" und "datenschutzrechtlich unzulässig", sagen die Datenschützer.

Es sei zwar praktisch, auf diese Weise eine Vorauswahl unter den Kandidaten zu treffen, aber unbedingt erforderlich seien die zeitversetzten Videointerviews nicht. Sie griffen jedoch viel stärker in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung ein als gewöhnliche Auswahlgespräche, kritisiert die NRW-Datenschutzbeauftragte Helga Block.

"Im Unterschied zu flüchtigen, weil nicht reproduzierbaren Wahrnehmungen in einem Gespräch ermöglicht die Aufzeichnung von Ton und Bild eine detailliertere und intensivere Auswertung auch des nonverbalen Verhaltens (etwa Mimik, Gestik, Tonfall)", schreibt Block. Das könne höchstens für Berufe bei Fernsehsendern erforderlich und dann womöglich zulässig sein.

Auch Arbeitsrechtler Althaus warnt, dass Firmen solche Videos nicht einfordern, sondern allenfalls freiwillig erstellen lassen dürften. "Und es ist definitiv unzulässig, die Aufzeichnungen an andere Abteilungen oder gar extern, zum Beispiel an Recruiter weiterzugeben." Außerdem müsse der Arbeitgeber das Material nach einer bestimmten Zeit wieder löschen. "Alles über sechs Monate ist schwer zu rechtfertigen", sagt Althaus.

Neben Bedenken beim Datenschutz gibt es noch einen Grund, Bewerber lieber doch nicht per Video, live oder nicht, auszuwählen. Vor einigen Jahren ergab eine Studie, dass dabei alle Beteiligten schlechter abschneiden als in persönlichen Gesprächen. Nicht nur die Bewerber kommen weniger attraktiv rüber, sondern auch die Unternehmen.

Lesen Sie hier die Berichte von SPIEGEL-ONLINE-Lesern über absurde Erlebnisse in Bewerbungsgesprächen:

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rumpel84 24.08.2017
1.
Wer will denn bei einer Firma anfangen, die schon zu geizig ist ein Vorstellungsgespräch zu führen? Da weiß man direkt, worauf man sich einstellen kann.
Fakler 24.08.2017
2. Datenschutz ...
Ist doch klar dass bei einer Bewerbung alles interpretiert werden kann, Mimik Gestik etc. Da kann ein Irrtum sowohl zu meinen Gunsten als auch Ungunsten ausfallen. Auf jeden Fall hab ich mir das hinfahren zum Arbeitgeber erspart.
Thyphon 24.08.2017
3. Warum gibt es eigentlich kein staatliches Angebot?
Würde es nicht Sinn machen, genau für solche Zwecke eine quasi öffentlich-rechtliches Alternative zu Skype und Co. zu schaffen? Das wäre gut für die Wirtschaft, gut für die Bürger und die GEZ-Steuer wäre endlich mal wirklich gut angelegt...
maphry 24.08.2017
4. Skype ionterviews sind eher die Regel
Wer internationale Bewerbungsgespräche führt sieht das Skypeinterviews die Regel sind. Man kann sich ja auch nicht für jedes Bewerbungsgespräch Urlaub nehmen oder gar den bisherigen Arbeitgeber wissen lassen, dass man sich gerade woanders bewirbt. Ja, dabei ist Skype das Standardverfahren, weil es einfach erhältlich ist. Natürlich sind persönliche Gespräche für beide Seiten meist besser, aber es gibt auch Menschen die mit Online-Verfahren besser klar kommen. Und was deutsche Gesetze in so meinem Fall sagen ist bei internationalen Geschichten eh etwas schwierig, man muss aufpassen das man mit bestimmten regeln nicht letztendlich nur dafür sorgt, dass nur Leute die schon hier leben einen Job bekommen können, denn das wäre für das Unternehmen auf lange Sicht sehr schädlich.
friedrichgadow 24.08.2017
5. Sehr national betrachtet
Hat mal jemand drüber nachgedacht, dass wir in einem zunehmend globalisierten Umfeld leben? Wie sonst soll jemand, der/die im Ausland lebt zurück nach Deutschland kommen? Mal eben für zwei, drei, vier Interviews einfliegen? Oder dass im (europäischen!) Ausland Anreisen traditionell nicht erstattet werden? Ach ja, als Pointe am Rande: derjenige, der die Metadaten gerne und eifrig sammeln will ist Vater Staat. Klar so weit?
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