Bundesgerichtshof Trompeter darf stundenlang proben - auch wenn's die Nachbarn nervt

Wie viel Musik ist im Reihenhaus zumutbar? Ein Berufstrompeter und seine Nachbarn streiten seit Jahren darüber. Nun hat der Bundesgerichtshof entschieden.

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Das Reihenhaus ist alt, die Schallisolierung nicht optimal. Wenn hier jemand Trompete spielt, kann das nebenan kräftig nerven. Ein Berufsmusiker aus Augsburg liegt deshalb seit Jahren mit seinen Nachbarn im Streit. Beide Seiten hatten sich bis in die letzte Instanz bekämpft, so dass der Fall vor dem Bundesgerichtshof (BGH) landete.

Der hat nun entschieden: Auch in Reihenhäusern muss Musik als übliche Freizeitbeschäftigung möglich sein. Die zuvor vom Landgericht verhängten zeitlichen Beschränkungen für den Trompeter seien zu streng (Aktenzeichen: V ZR 143/17). Das Landgericht muss den Fall jetzt neu verhandeln.

Der für das Nachbarrecht zuständige V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hält zwei bis drei Stunden an Wochentagen und ein bis zwei Stunden an Sonn- und Feiertagen für angemessen. Ob ein Berufs- oder Hobbymusiker übe, spiele keine Rolle. Ein Berufsmusiker könne "nicht mehr, aber auch nicht weniger Rechte haben", sagte die Vorsitzende Richterin Christina Stresemann.

In dem Fall geht es um einen Berufsmusiker, der beim Staatstheater Augsburg angestellt ist und regelmäßig zu Hause probt. Außerdem erteilte er zwei Übungsstunden pro Woche an Schüler. Die direkten Nachbarn im Reihenhaus stört das erheblich. "Das ist kein Trompetenspiel, sondern ständiges Üben von Sequenzen - stundenlang", heißt es von deren Anwalt. Radiohören und Fernsehen sei in normaler Lautstärke nicht möglich.

"Wir wollen einfach, dass es leise ist"

Eine Schlichtung hatte kein Ergebnis gebracht. Die Nachbarn verlangten, dass der Musiker sein Haus besser dämmt. "Wir wollen einfach, dass es leise ist", sagt ihr Anwalt. Der Anwalt des Trompeters verweist dagegen auf die Bausubstanz des Hauses. Eine Schallisolierung wäre kaum machbar.

Ende September hatten sich der Musiker und seine Nachbarn bereits vor dem Bundesgerichtshof getroffen. Die Richter deuteten da bereits an, dass die vorherige Instanz, das Landgericht, möglicherweise zu strenge Auflagen für das Trompetenspiel gemacht hatte: maximal zehn Stunden pro Woche und nur im Übungsraum unter dem Dach, samstags und sonntags nur ausnahmsweise vor schwierigen Konzerten, kein Unterricht mehr.

In der Regel gelten zwei bis drei Stunden Musik am Tag als zumutbar. Einzelne Gerichte haben aber auch schon strengere Auflagen gemacht, etwa eineinhalb Stunden für ein Akkordeon. Beschränkungen der Lautstärke durch die Hausordnung darf es laut BGH nur bei nicht mehr hinnehmbaren Störungen geben. Ein Berufspianist kann keine besondere Behandlung beanspruchen, auf die Qualität der Musik kommt es nicht an.

Im Video: Laute Nachbarn - Mieter stören Mieter

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fok/dpa



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mailconnect 26.10.2018
1. Landlust
Ein Reihenhaus in Augsburg. Tür an Tür mit Nachbarn. Tür an Tür mit Menschen, die gelegentlich einfach nur nerven. Ich bin heilfroh, nicht in der Stadt zu wohnen. Auf dem Land ist es viel entspannter. Noch schöner wäre es, in Island zu leben. Oder irgendwo in den USA. Das nächste Haus 2 Kilometer weiter. Da kann Trompete spielen wer will.
quark2@mailinator.com 26.10.2018
2.
Und sich dann über die Konsequenzen wundern. Das kann bis zum (Selbst)mord führen, aber daran ist dann natürlich niemand schuld. Nein, das ist hier kein Post um sowas zu relativieren oder zu rechtfertigen, sondern einfach eine sachliche Feststellung. Wer jemals unter dauerndem Lärm gelitten hat weiß, daß man irgendwann fast zu allem fähig ist. Und wenn es gut geht, dann zeitigt es enorme gesundheitliche Schäden, z.B. bzgl. Herzkrankheiten. Wir haben ähnliche Entscheidungen ja schon in Bezug auf Lärm durch Kinder und teilweise auch auf Windkraftanlagen. Hier machen Leute idealistische Politik, die sich ganz offensichtlich selbst nie länger in der Situation befanden. Und einfach ausziehen ist ja auch keine Lösung, die sich die meisten leisten könnten.
werlesenkann 26.10.2018
3. Falsche Entscheidung
Da sieht man wieder, dass man vor deutschen Gerichten höchsten Recht, niemals aber Gerechtigkeit bekommt. Der BGH hätte den Berufsmusiker verpflichten sollen, sein Haus besser zu isolieren. Dies wäre genauso hinnehmbar gewesen, wie die Belästigung für die Nachbarn. Wahrscheinlich hat keiner der Richter einen solch lauten Nachbarn und kann sich überhaupt nicht in die Lage versetzen. Oder falls doch wissen sie ja am besten, mit welchen juristischen Tricks man das abstellen könnte.
Sepp Hinterseer 26.10.2018
4. Wie man so rücksichtslos sein kann
… und auch nur für kurze Zeit anderen mutwillig seine Musik aufdrängt, erschließt sich mir absolut nicht.
Gmorker 26.10.2018
5. Dämpfer?
Da ich selbst Posaunist bin (nicht hauptberuflich) frage ich mich, warum der Profi nicht mit einem Dämpfer übt. Für Ansatz und Fingerfertigkeit spielt das vorhandensein des Dämpfers keine Rolle und die Lautstärke wird so drastisch gedrosselt, das man schon im Nebenraum kaum noch hören kann, das da jemand spielt, geschweige denn durch die Wand.... Da ein Dämpfer nicht nur die Lautstärke reduziert, sondern auch den Klang verändert, ist nachvollziehbar, das er nicht nur mit Dämpfer üben kann, aber es geht ja auch gar nicht darum, das er gar nicht üben soll. Grade die täglichen Etüden, die tatsächlich dafür erfunden wurden, Zuhörer in den Wahnsinn zu treiben, kann er aber grade mit Dämpfer absolvieren. ... interessant am Artikel finde ich, das ein Profi nicht weniger Rechte als ein Hobby-Spieler hat, denn genaugenommen ist das doch eine gewerbliche Nutzung seiner Privaträume. Das hat üblicherweise andere Auflagen als ein Hobby.
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