Höhenflug nach der Hauptschule Der Ingenieur mit ohne Mathe

Manchmal führen auch krumme Wege ans Ziel. Doch Bildungskarrieren wie die von Markus Hopf, 39, sind selten: Vom Hauptschüler stieg er auf zum Ingenieur, mit Unterstützung seines Arbeitgebers. Hopf startete als Mathematik-Niete, aber das hat sich gründlich geändert.

Von Peter Ilg

Markus Hopf: Ein ganz unwahrscheinlicher Ingenieur
Peter Ilg

Markus Hopf: Ein ganz unwahrscheinlicher Ingenieur


Markus Hopf, 39, ist ein unwahrscheinlicher Ingenieur. Einfach, weil es lange nicht so aussah, als ob er überhaupt Ingenieur werden könnte - oder wollte.

Der Bildungsweg war nicht das Problem: Viele, die nicht auf dem Gymnasium waren, holen das Abitur später nach und studieren doch noch. Aber Hopf hatte die Realschule wegen Mathematik verlassen. Und ein Ingenieur ohne Mathe: Das geht gar nicht.

"Ich war faul, schaute lieber fern, als dass ich mich auf den Hosenboden setzte", charakterisiert der Hopf von heute den Markus von damals. Sein Realschullehrer hätte ihn zwar in die neunte Klasse versetzt, aber er riet den Eltern, Markus lieber auf die Hauptschule zu schicken: "Dann hat Ihr Sohn wenigstens einen Hauptschulabschluss."

Heute arbeitet Markus Hopf in Giengen bei Bosch Siemens Hausgeräte (BSH). Und zwar nicht am Fließband, sondern als Projektkoordinator für eine Hausgerätereihe - keine Position, für die ein Hauptschulabschluss ausreicht.

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Recht bald merkte der junge Markus, dass der ihm selbst auch nicht genügt. Er wechselte an die Berufsfachschule in Aalen in der Nähe von Ulm, Berufszweig Metalltechnik. Nach zwei Jahren erreichte er dort den Abschluss und somit doch noch die mittlere Reife. Erst jetzt begann er seine Ausbildung, als Industrieelektroniker bei BSH. Eine attraktive Stelle, der späte Fleiß hatte sich doch gelohnt.

Für immer Fleißarbeit am Fließband? Bitte nicht

Doch als er die Ausbildung beendete, musste BSH sparen: "Ich bekam keine Facharbeiterstelle, sondern einen Job im Schichtdienst am Fließband" - ordentlich bezahlt, aber eintönig. Hopf langweilte sich so sehr, dass er berufsbegleitend eine Techniker-Ausbildung begann. Ein wohlwollender Vorgesetzter versetzte ihn in die Qualitätssicherung und versprach: Wenn Hopf die Techniker-Ausbildung durchzieht, dann verschafft er ihm eine Stelle in der Konstruktionsabteilung.

Das half ihm sehr, die Doppelbelastung durchzustehen, tagsüber in der Kühlschrankfabrik, abends über den Büchern. Ihm war klar, dass die Ausgangslage gut war. Er hatte keine Familie, musste auf niemanden Rücksicht nehmen. Nach vier Jahren bekam Hopf seinen Abschluss. Und sein Chef hielt Wort: Hopf wurde Konstrukteur für Bauteile an Kühlschränken. Zehn Jahre nach dem Schulabschluss wurde ein Traum wahr.

Andererseits war er damit am Ende seiner Entwicklungsmöglichkeiten angelangt, fachlich wie finanziell. Würde er die Arbeit am digitalen Reißbrett bis zum Ruhestand machen? Hopf wollte noch weiterkommen, wusste aber nicht wie.

Das Beste am Zeugnis: die glatte Eins in Mathe

Als die Hochschule Aalen 2007 ein neues berufsbegleitendes Studium zum Ingenieur einführte, suchte sie Kooperationspartner in der Industrie. BSH machte mit, wieder war es einer seiner Chefs, der Hopf als möglichen Teilnehmer vorschlug. Die Firma bot an, die Hälfte der Studiengebühren von 20.000 Euro zu übernehmen, wenn er den Abschluss schafft.

Markus Hopf schlug ein. Ein wenig mulmig war ihm schon dabei: "Der Druck war immens, aber weniger der finanzielle. Ganz viele Leute wussten: Ich studiere. Und sie wollten wissen, wie's läuft." Hopf fühlte sich unter ständiger Beobachtung.

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Was er nicht wusste: Seine Erfolgschancen waren viel besser als die von Vollzeitstudenten. Damals fingen 25 Studenten wie er an, zu je einem Drittel mit einem Technikerabschluss, der Hochschulreife oder einem Meisterbrief. Nur drei von ihnen haben das Studium vorzeitig abgebrochen. Bei Vollzeitstudenten in den klassischen Ingenieurstudiengängen bleibt dagegen die Hälfte auf der Strecke.

"Manche schreiben sich eben ein, ohne sich vorher zu informieren, was sie erwartet", sagt Ulrich Schmitt, Studiendekan der beiden berufsbegleitenden Studienfachrichtungen. "Unsere Studenten dagegen informieren sich gründlich, sie schätzen sich realistisch ein und haben den notwendigen Respekt vor der Mathematik."

Studiert hat Hopf immer am Dienstagabend, Freitagnachmittag und samstags, Woche für Woche. Im Juli nun hat er schließlich sein Ziel erreicht, ein Semester früher als geplant - und mit dem Notenschnitt 1,3. Dafür will er sich nun mit einem neuen Hobby belohnen, er macht den Flugschein.

Das Beste an seinem Zeugnis war aber die Note in Mathe: eine glatte Eins. Denn es weiß ja jeder: Ingenieur ohne Mathe, das geht gar nicht.

  • Peter Ilg (Jahrgang 1960) arbeitet als freier Journalist in Aalen und schreibt vor allem über Berufe und Karrieren.

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insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
erzurumundadasi 21.10.2013
1. Wow (Sarkasmus)
Ganz ehrlich es gibt 100 von Leuten die solch eine Karriere hinlegen. Meine Wenigkeit zum Beispiel. Ich Migranten Kind habe in der Hauptschule gestartet und bin ebenfalls Ingenieur und promoviere momentan. Komm lieber Spiegel schreib ein Artikel über mich, ich habe nämlich aus eigener Kraft geschafft ohne Hilfe von Unternehmen.
kiwi1975 21.10.2013
2. Gratulation!
Er hatte Glück, immer wieder an Vorgesetzte zu geraten, die ihn nicht aus Angst um ihren eigenen Sessel ausgebremst haben. Aber er war ja ohne Familie und männlich. Ich hatte da andere Erfahrung gemacht : weibl. , alleinerziehend, 50h Woche incl. Nachtdienste, da kam mir zu Ohren hinter vorgehaltener Hand: die Qualifikation wäre perfekt für die Abteilungsleitung aber den Posten würde sie nicht schaffen (eine Schulung auch nicht)... Meine jetzige Chefin hat keine Kinder und arbeitet weniger Stunden als ich. Super Chefs!!!!!
0815_student 21.10.2013
3. Durchfallquoten
Ich freue mich sehr für den Herrn. Ich zieh den Hut davor sich neben der Arbeit noch so weiter zu bilden. Allerdings ist der Kommentar "Nur drei von ihnen haben das Studium vorzeitig abgebrochen. Bei Vollzeitstudenten in den klassischen Ingenieurstudiengängen bleibt dagegen die Hälfte auf der Strecke" unangemessen. Man kann ein Pilotprojekt mit 25 Teilnehmern nicht mit Studiengängen an Universitäten vergleichen (da kommen nämlich die 50% her). Bei 300 Studiengangteilnehmern wird die Maschenweite beim aussieben nach Bedarf eingestellt.
THE-PUNISHER 21.10.2013
4. Tolle !
vielen dank für den Tollen Artikel der Zeigt das auch Menschen die in der Schule nicht so toll sind viel erreichen können. Sicher nicht jeder aber wenn jemand erstmal eine Motivation hat und nicht auf den Kopfgefallen (und Faulheit ist kein klares Indiz) kann er alles erreich. ICh bin selber in der Realschule sitzen geblieben mache gerade meinen Technischen Bachelor in Informatik und fange nächstes Jahr mein Psychologiestudium an ;) Solche Artikel machen Mut danke, bitte weiter so.
RainerCologne 21.10.2013
5. Interessant
Interessanter Bericht! Auch ich habe mit einem Hauptschulabschluss angefangen, weil ich faul war und die Hoffnung hatte Rockstar zu werden... Im Anschluss kam ein Berufsgrundschuljahr und damit die mittlere Reife. Danach das Fachabitur. Ich begann eine schulische Ausbildung, die ich nach einem Jahr abbrach um zu studieren. Das Studium habe ich nach 10 Semestern mit eigener Firma abgebrochen. Die Ausbildung als externer Kandidat bei der IHK im Winter 2012 erfolgreich abgeschlossen. Nun befinde ich mich in einem sehr guten Angestelltenverhältnis und werde das Studium im Frühjahr 2014 wieder aufnehmen und die letzten 15 offenen Scheine nachholen, um so auch noch zu meinem Studienabschluss zu kommen. Die Wege in Deutschland sind offen, man muss sie nur gehen.
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