Wachwechsel der Türmer Der Job mit dem besten Ausblick der Welt

Wolfram Schulze hat jeden Abend 28-mal in ein Horn aus Kupfer geblasen, fast 20 Jahre lang. Nun ist seine Nachfolgerin gefunden: Martje Salje wird die erste Türmerin der Lambertikirche in Münster. Ein einsamer, kalter Job, spartanisch, ohne Toilette.

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Die Stadt Münster hat ihren höchstgelegenen Arbeitsplatz wieder besetzt. Gesucht wurde "eine/n Nachfolger/in für den aus Altersgründen ausscheidenden Türmer der St. Lambertikirche", ein Job mit gut 600 Jahren Tradition, und zwar "in Teilzeit (18,23 Wochenstunden, auch am Wochenende)". Gefunden wurde die Musikwissenschaftlerin Martje Salje, 33, die erste Frau, die auf Lamberti die Abendstunden bläst.

Der bisherige Türmer heißt Wolfram Schulze. Er ist 70 Jahre alt, ein Pfarrerssohn aus Bremen. Schulze sagt: "Ich will eigentlich gar nicht aufhören." Dreimal schon wurde sein Vertrag verlängert, Ende 2013 hat man ihn endgültig in Rente geschickt.

Seit knapp zwei Jahrzehnten saß er fast jeden Abend unter dem Kirchendach. In 75 Meter Höhe, sechs Tage die Woche. Hier oben hat er dem Sturm "Kyrill" getrotzt, von der Balustrade Schnee geschippt und dem chinesischen Fernsehen Deutschland erklärt. Einmal wurde er mit Silvesterraketen beschossen.

"Man muss kräftig pusten können"

Seit etwa 1379 ist Türmer ein sicherer Job in Münster. Damals sollte er die Bürger vor Bränden und Feinden warnen. Heute ist er eher eine Touristenattraktion. Seine Aufgabe besteht darin, von neun Uhr abends bis Mitternacht im Turm zu sitzen und in ein Horn aus Kupfer zu blasen. Alle 30 Minuten, in alle vier Himmelsrichtungen.

Das Metallinstrument klingt dabei wie ein kaputtes Nebelhorn. Braucht man dafür ein bestimmtes Talent? "Man muss kräftig pusten können", sagt Schulze. Außerdem sollte sein Nachfolger die Stadtgeschichte von Münster kennen. Er brauche ein souveränes Auftreten vor den Medien und müsse schwindelfrei sein. Denn das achteckige Turmzimmer ist nur über eine steile Wendeltreppe zu erreichen.

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Die Presseabteilung der Stadt Münster hat das mal hochgerechnet: Etwa 3,6 Millionen Treppenstufen ist Schulze in den vergangenen Jahren gelaufen. "Mein Nachfolger muss fit sein", sagt Schulze. Er könne jeden Tag locker 10 bis 20 Kilometer laufen, sagt er. Außerdem brauche man ein gutes Auge. Er habe 20 Brände von seinem Turm entdeckt und der Feuerwehr gemeldet.

Martje Salje erfüllt die Voraussetzungen: Neben Deutsch spricht sie Englisch, Französisch, Niederländisch und Norwegisch. Außerdem läuft die Uni-Dozentin Marathon in ihrer Freizeit.

Wie Rapunzel im Turm

Schulze hat 14 Semester Philosophie studiert, Buchbinder gelernt, war Antiquar, Dozent, Nachtwächter. Irgendwann auch mal die Vertretung des alten Türmers. Im Jahr 1994 wurde er fest eingestellt. Seitdem sitzt er wie Rapunzel im Turm. Trötet er Richtung Westen, hören ihn die Menschen auf dem Domplatz, im Süden die Bürger auf dem Prinzipalmarkt. Aus den Cafés in östlicher Richtung rufen Touristen manchmal "Zugabe". Im Norden eher "Aufhören". "Dort ist eine Hauswand", sagt er.

Der Türmer ist in Münster zu einer Tradition geworden, Schulze zu seiner eigenen Legende. Dafür zahlt die Stadt 864,48 Euro im Monat. "Für Münster ist der Türmer ein bisschen wie Knut der Eisbär", sagt eine Dame aus der Marketingabteilung.

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Die größte Herausforderung für einen Türmer sei die Einsamkeit, sagt Schulze. Nicht mal ein Selbstmörder sei ihm in all den Jahren oben im Turm begegnet. Über tausend Bücher habe er deshalb an den Abenden gelesen. Von Homer bis Thomas Mann.

Schulzes Arbeitsplatz ist spartanisch. Im Turmzimmer steht bloß ein Sofa, ein Stuhl, ein Schreibtisch. An der Wand wenige Bilder: Caspar David Friedrich, Jesus und das Gartenhaus von Goethe. Es gibt eine kleine elektrische Heizung, aber keine Toilette. "Gemütlich", sagt Schulze. "Speziell", findet die Frau vom Marketing. "Ich bin gerne alleine", sagt Martje Salje, die Neue. "Ich will am Abend meine Ruhe haben."

Schulze sagt, ein Türmer auf Lamberti müsse eine einzigartige Persönlichkeit haben, abgehärtet sein, sich warm anziehen. "Auch bei schlechtem Wetter verlässt der Kapitän nicht die Kommandobrücke", sagt Schulze. Zwar gibt es Urlaub und eine Vertretung, aber in der Regel bleibt der Türmer die Abende auf dem Turm. Egal, ob Fußball-Weltmeisterschaft ist oder eine Familienfeier stattfindet.

Vierzig Männer und sechs Frauen haben sich bis November bei der Stadt Münster um die Nachfolge Schulzes bemüht. Vor allem Historiker. Der Alte klang oft skeptisch: "Ich bin gespannt, was das für Leute sein sollen", so Schulze. Er war in 20 Jahren nicht einmal krank. Martje Salje freut sich auf die neue Aufgabe: "Das da oben ist der beste Ausblick der Welt."

Aktualisiert mit Material von dpa

  • Frauke Lüpke-Narberhaus

    KarriereSPIEGEL-Autor Jonas Leppin (Jahrgang 1983) ist Journalist in Hamburg. Zuvor hat er Politik, Geschichte, Jura studiert und die Henri-Nannen-Journalistenschule absolviert.



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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
deefens 08.01.2014
1.
Interessante Geschichte. Jetzt würde mich nur noch interessieren, wozu das Ganze jemals gut war? Und nein, ich würde den Job im Leben nicht machen wollen.
shark65 08.01.2014
2. wer lesen kann
Zitat von deefensInteressante Geschichte. Jetzt würde mich nur noch interessieren, wozu das Ganze jemals gut war? Und nein, ich würde den Job im Leben nicht machen wollen.
ich zitiere aus dem Artikel den Sie so interessant finden und dennoch nicht richtig gelesen haben "Seit etwa 1379 ist Türmer ein sicherer Job in Münster. Damals sollte er die Bürger vor Bränden und Feinden warnen. Heute ist er eher eine Touristenattraktion."
deefens 08.01.2014
3.
Zitat von shark65ich zitiere aus dem Artikel den Sie so interessant finden und dennoch nicht richtig gelesen haben "Seit etwa 1379 ist Türmer ein sicherer Job in Münster. Damals sollte er die Bürger vor Bränden und Feinden warnen. Heute ist er eher eine Touristenattraktion."
Passt irgendwie nicht zu der Tätigkeitsbeschreibung, 3 Stunden lang alle 30 Minuten in ein Horn zu blasen...
PushCart 08.01.2014
4. Warum er/sie das Horn bläst
Das diente als Beweis, dass der Türmer nicht eingeschlafen war
peterbruells 08.01.2014
5.
Zitat von deefensPasst irgendwie nicht zu der Tätigkeitsbeschreibung, 3 Stunden lang alle 30 Minuten in ein Horn zu blasen...
Wieso? Als Touristenattraktion ergibt es in jedem Fall sind und als Wachposten auch. Das ist wie eine Stechuhr für den Wachmann: Der Nachweis, dass der Alarmgeber wach und auf seinem Posten ist, so dass die Abwesenheit des Alarmsignals korrekt als Abwesenheit von Gefahr zu werten ist.
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