Bachelor-Abschlüsse in Europa "Master-Abgänger haben mehr Biss"

Protokolle: Britta Mersch

4. Teil: Jüri aus Estland fürchtet die Lücke nach dem Bachelor


Kirpu: "Estland ist kompliziert"
Marko Grdo¿i¿

Kirpu: "Estland ist kompliziert"

Jüri Kirpu, 25, Estland

"Bei uns in Estland ist die Situation kompliziert. Wir gehörten früher zur Sowjetunion, und deshalb ist bei uns noch ziemlich viel durcheinander, denn es dauert, bis ein System das andere ablöst. Früher waren bei uns die Wege vorgezeichnet. Man ging zur Schule, dann zur Uni, machte vielleicht noch ein Praktikum und fing an zu arbeiten. Das funktioniert heute nicht mehr. Es entsteht oft eine Lücke zwischen dem Studium und dem Beruf, und die Leute können nichts dagegen machen, weil kein Unternehmen Bewerber ohne Berufserfahrung einstellt.

Ob der Berufseinstieg mit Bachelor gelingt, liegt ganz an der Fachrichtung. Informatiker oder Ingenieure zum Beispiel werden oft sogar schon während ihres Bachelor-Studiums eingestellt. Trotzdem gibt es viele, die noch ihren Master machen wollen, auch in diesen Studiengängen.

Geisteswissenschaftler müssen die richtigen Leute kennen

In den Geisteswissenschaften dagegen sieht es anders aus. Die Nachfrage nach diesen Absolventen ist viel geringer. Ob man eine Stelle bekommt, hängt oft auch davon ab, ob man die richtigen Leute kennt.

Generell ist es so, dass Unternehmen Absolventen mit Master-Abschluss bevorzugen. Gerade während der Krise suchen sie Mitarbeiter, die sehr gut ausgebildet sind, viele praktische Erfahrungen mitbringen und eine hohe Leistungsbereitschaft zeigen. Doch wie soll man das alles vorweisen, wenn man nicht die Chance bekommt, sich in der Praxis zu beweisen?"

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insgesamt 2 Beiträge
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der_pirat 28.05.2012
1. Wahlmöglichkeit
Ich habe mich lange innerlich gegen Bachelor/Master geperrt, weil ich selbst immer erst dann zufrieden war, wenn ich alles erreicht hatte - einschl. Promotion. Aber die Menschen sind unterschiedlich und viele sind auch mit "weniger" zufrieden und das ist gut so. Mit den neuen Abschlüssen herrscht aus meiner Sicht mehr Transparenz.
junkievillage 28.05.2012
2. Zu Svea, Den Haag: Hogeschool ist nicht FH!
Auch wenn Bologna und Lissabon-Konvention die Gleichstellung der tertiären Bildung formal zu Papier gebracht haben: Sveas "Bachelor of Public Management" der Hogeschool Den Haag (sie ist keine Universität!) ist ein Abschluss, der leider nicht dem der Universitäten gleichgestellten, akademischen Abschluss der deutschen FHs ("Bachelor of Arts" oder "Bachelor of Science") entspricht - http://www.thehagueuniversity.com/bachelor-studies/bachelor-degree-programmes/public-management/programme-feature . In den Niederlanden sind Hogescholen nämlich keine den Universitäten gleichgestellten Einrichtungen, sondern dienen der höheren beruflichen Bildung ("Hoger Beroeps Onderwijs") und sind bewusst nicht wissenschaftlich ausgerichtet oder fundiert. Sie dürfen keine Professoren berufen und verfügen meist nur im einstelligen Prozentbereich über promovierte Dozenten. Aus Imagegründen dürfen sie sich dennoch inzwischen "University of Applied Sciences" nennen... Aufgrund der nicht gegebenen Gleichstellung werden Bachelor-Absolventen der Hogescholen auch nicht ohne mind. einjährigen "Pre-Master" (zum Aufholen der Wissenschaftlichkeit) zum Masterstudium von einer niederländischen Universität zugelassen. Im eigenen Lande wird das dort so scharf unterschieden! Auch in Deutschland merken die Hochschulen und die Arbeitgeber immer mehr, dass seit Bologna keine Niveau-Gleichheit gegeben ist. Dennoch strömen Jahr für Jahr -zigtausende Deutsche an die niederländischen Hogescholen, wo sie aber keinen dem deutschen Hochschulsystem tatsächlich gleichwertigen Abschluss erlangen können. Dieses Problem sollte der Spiegel m. E. investigativ aufgreifen und recherchieren, wie vergleichbar die Studienangebote und -abschlüsse in Europa in welchen der jeweiligen Systeme denn wirklich sind. Ein gleich oder ähnlich klingender Abschluss besagt nämlich nach wie vor gar nichts, wenn Ausrichtung und Substanz so verschieden sind.
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