Boom beim Freiwilligendienst Alte sind die neuen Zivis

Mehr Bewerber als Stellen - damit hatte man beim Bundesfreiwilligendienst nicht gerechnet. 35.000 "Bufdis" haben seit Juli angefangen, viele sind doppelt so alt wie die Zivis, die sie ersetzen sollen. Ein gutes Zeichen, sagen die einen. Lohndumping, die anderen.

DPA


Der Neue ist ein "Bufdi". 58 Jahre alt, kurze graue Haare, tiefe Stimme und tiefe Falten: Bernd Scheftelowitz betreut in Berlin geistig behinderte Kinder. Die Abkürzung "Bufdi" steht für den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Im Gegensatz zum Zivildienst, den es seit dem 1. Januar nicht mehr gibt, hat der Bundesfreiwilligendienst keine Altersbegrenzung.

In der Einrichtung, in der Scheftelowitz arbeitet, waren früher 15 Zivis beschäftigt. Heute gibt es neben ihm noch drei weitere "Bufdis". "Das heißt, es fehlen elf Leute, die händeringend gebraucht werden", sagt er. Bewerber gebe es genug, Geld offenbar nicht.

Für ihre Arbeit erhalten die "Bufdis" ein Taschengeld von bis zu 330 Euro, manche Träger stellen dazu auch Unterkunft und Verpflegung zur Verfügung. Der Dienst dauert in der Regel ein Jahr, man kann ihn aber auch auf zwei Jahre verlängern oder auf ein halbes Jahr verkürzen. Bewerben können sich alle: Frauen und Männer, Junge und Alte, Deutsche und Ausländer. Das Interesse ist groß.

35.000 Plätze für "Bufdis" hatte der Staat vorgesehen, alle sind besetzt, 45 Prozent der Stellen mit Frauen. "Mit dem großen Ansturm hatte niemand gerechnet", sagt Martin Schulze vom Bundesarbeitskreis Freiwilliges Soziales Jahr. Eine genaue Zahl, wie viele Bewerber abgelehnt werden mussten, gibt es nicht.

Die Bundesfreiwilligen
Was ist bitteschön ein "Bufdi"?
dapd
Die Wehrpflicht ist ausgesetzt - der Zivildienst damit obsolet. Deswegen gibt es nun den sogenannten Bundesfreiwilligendienst, den mancher schon mit "Bufdi" abkürzt. Er dauert sechs bis 24 Monate, in der Regel ein Jahr. Männer und Frauen ab 16 Jahren sollen in Krankenhäusern oder Behindertenheimen eingesetzt werden, aber auch in Bildung, Kultur, Sport und anderen Bereichen.
Zahlen, bitte?
Freiwillige erhalten neben Unterkunft, Dienstkleidung und Verpflegung ein Taschengeld von monatlich maximal 330 Euro. Zum Dienstbeginn am 1. Juli wurden laut Bundesfamilienministerium gut 3000 Verträge geschlossen. Zusammen mit 14.300 Zivildienstleistenden, die ihre Zeit verlängert haben, umfasst der neue Dienst zu seiner Einführung somit rund 17.300 Freiwillige.
Neues Lohndumping?
Der Jugendverband des Deutscher Gewerkschaftsbundes (DGB) kritisiert, der Bundesfreiwilligendienst und der freiwillige Wehrdienst eröffneten "keinerlei Perspektiven" für junge Menschen. Sie verdrängten reguläre Arbeitsplätze, weiteten den Niedriglohnsektor noch mehr aus und könnten zu "Lohndumping vor allem bei sozialen Berufen" führen.
In vielen Einrichtungen treffen die "Bufdis" auf FSJ-ler, junge Leute, die ein Freiwilliges Soziales Jahr machen, so wie Torge Riebesell, 20. Er sagt, es gebe "merkbare Unterschiede" zwischen FSJ-lern und "Bufdis". Sie machten zwar die gleiche Arbeit, würden aber unterschiedlich betreut und müssten auch verschiedene Seminare besuchen. Das sei für viele "nicht nachvollziehbar". Auch sei das FSJ in Deutschland weniger anerkannt als früher der Zivildienst, etwa wenn es um Vergünstigungen geht.

Ein weiteres Problem: Viele befürchten, dass der Bundesfreiwilligendienst reguläre Arbeitsplätze gefährdet. Auch Scheftwlowitz sagt, dies sei für ihn eine sehr gute Chance gewesen, "noch mal 'beruflich' tätig zu werden und mich einzubringen". Der Jugendverband des Deutscher Gewerkschaftsbundes (DGB) warnt vor "Lohndumping, vor allem bei sozialen Berufen".

Scheftelowitz ist mit seinem neuen Freiwilligen-Job zufrieden. Seine Hilfe kommt an. Die Mitarbeiter und die betreuten Menschen seien sehr dankbar: "Es ist einfach toll, mit geistig Behinderten zu arbeiten. Die haben nicht solche Berührungsängste, die haben riesengroße Herzen."

Die Abbrecherquote bei den "Bufdis" ist laut Markus Grübel, dem Vorsitzenden des Bundestag-Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement, mit zehn Prozent niedrig. Zum Vergleich: Beim freiwilligen Wehrdienst beträgt sie 27 Prozent.

Johanna Uchtmann, dpa/vet

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Seite 1
Plasmabruzzler 02.03.2012
1. Bufdi und ALGII
Zitat von sysopDPAMehr Bewerber als Stellen - damit hatte man beim Bundesfreiwilligendienst nicht gerechnet. 35.000 "Bufdis" haben seit Juli angefangen, viele sind doppelt so alt wie die Zivis, die sie ersetzen sollen. Ein gutes Zeichen, sagen die einen. Lohndumping, die anderen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,818830,00.html
Mir brennt eine Frage unter den Nägeln: kann die ARGE jemanden, der momentan ohne Arbeit ist, zwingen, einer Arbeit als Bufdi nachzugehen? Wird dann dieses Entgelt als Bufdi auf das ALGII angerechnet?
wb99 02.03.2012
2.
In einem Land, wo Freiwilligenhilfe diffamiert werden kann, indem man sagt, jemand anderer könne dadurch weniger Geld verdienen, ist wirklich der Wurm drin. Den Vorwurf muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen und in die Konsequenz durchdenken.
5Minute 02.03.2012
3. ..
Wer kennt sich aus? Ist nicht der wahre Grund, dass sich die Alteren Herrschaften damit noch Rentenanspruchsjahre sichern wollen?
DonCarlos 02.03.2012
4. Vorschlag
Zitat von wb99In einem Land, wo Freiwilligenhilfe diffamiert werden kann, indem man sagt, jemand anderer könne dadurch weniger Geld verdienen, ist wirklich der Wurm drin. Den Vorwurf muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen und in die Konsequenz durchdenken.
Wer BuFDi machen will muss G8 macht. Wer kein BuFDi werden möchte kann die Schule mit G9 machen. Wer das G8 Abitur predigt und dann einen solchen Dienst einführt muss sich schon mal nach seiner Logik fragen lassen.
Dumme Fragen 02.03.2012
5. Heute machen die Studis in der Zeit nen Bachelor-Abschluss...
"unsereiner" musste ja noch 13 Jahre zur Schule gehen, 15 Monate Zivildienst leisten und dann wg. der Musterungstermine und Kriegsdienstverweigerungsanerkennung (musste ein halbes Jahr nach dem Abi warten, bis ich mir endlich eine Zivi-Stelle suchen konnte) und des Beginns des ersten Semesters (hatte leider schon angefangen, nachdem der Zivildienst vorbei war) gut 3 Jahre länger warten, bis man endlich auf der Uni war... Heute machen die Studis in der Zeit nen Bachelor-Abschluss...
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