Bore-out im Selbstversuch Wenn Langeweile krank macht

Jeden Tag acht Stunden im Büro sitzen, ohne Aufgaben, ohne Kontakt zu Kollegen: In einem Selbstversuch hat sich SPIEGEL-TV-Mitarbeiter Stefan Witte für eine Woche freiwillig in die Langeweile begeben, um das Phänomen Bore-out zu ergründen.

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  Gelangweilter Reporter: Däumchen drehen bis zur Erschöpfung
ZDF/3sat

Gelangweilter Reporter: Däumchen drehen bis zur Erschöpfung


Wenn die Arbeit vorbei ist, sind die Betroffenen zu erschöpft, um noch etwas zu unternehmen. An Erholung ist trotzdem nicht zu denken, denn noch immer kreist alles um den Job. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Nach einer Nacht ohne wirklich erholsamen Schlaf ist es fast unmöglich, sich aus dem Bett zu schälen und dem nächsten Arbeitstag entgegenzusehen.

Burn-out? Nein. Bore-out. Es sind zwar die gleichen Symptome, doch sie werden nicht durch ein Übermaß an Stress verursacht, sondern durch ständige Unterforderung und das Fehlen von Erfolgserlebnissen. Langeweile kann krank machen.

In einem Selbstversuch hat SPIEGEL-TV-Mitarbeiter Stefan Witte sich dem Thema angenähert. Fünf Arbeitstage in einem Büro - ohne Arbeitsauftrag. Das Experiment ist der Teil der SPIEGEL-TV-Dokumentation "Tödliche Langeweile", die am 25. September um 20.15 Uhr auf 3sat ausgestrahlt wird.

Der erste Tag im Selbstversuch:

Beim Bore-out geht es nicht um ein bisschen faulenzen während der Arbeitszeit. Mal kurz mit den Kollegen plauschen, ein paar Minuten im Internet nach dem Hotel für den nächsten Urlaub forschen oder einfach verträumt aus dem Fenster gucken - das alles ist nicht der Weg in den Bore-out.

Die krankmachende Langeweile entsteht, wenn sich Menschen bei der Arbeit ständig unterfordert fühlen oder tatsächlich kaum etwas zu tun haben. Das kommt gar nicht so selten vor. Laut dem Stressreport 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin fühlen sich in Deutschland 13 Prozent der abhängig Beschäftigten fachlich und fünf Prozent mengenmäßig im Job unterfordert.

Für Stefan Witte bricht der zweite Tag des Selbstversuchs an:

Kein PC mehr, nicht einmal eine Zeitschrift zum Lesen und Mittagessen mit den Kollegen ist auch schon verboten. Kein Wunder, wenn der Frust steigt. In manchen Unternehmen ist das Entziehen von Aufgaben - oder das Vergeben vollkommen unnötiger Arbeiten - eine Form des Mobbings.

An Tag 3 hat Stefan Witte ein gute Idee, die Zeit totzuschlagen:

Bei Stefan Witte herrscht schlechte Stimmung - das ist nicht verwunderlich. Seit Tagen fehlen ihm nicht nur Aufgaben, sondern auch Anerkennung und Lob.

Bekannt ist auch, dass es belastet, wenn man im Job kaum Freiräume zur eigenen Gestaltung hat, wie etwa ein Arbeiter am Fließband, der denselben Arbeitsschritt den ganzen Tag über wiederholt und wiederholt und wiederholt und wiederholt. Diese Menschen haben ein höheres Risiko, Herzkreislauferkrankungen zu entwickeln. Fremdbestimmtheit und Kontrollverlust - das ist auch für Witte Thema an Tag 4:

In einer 2011 veröffentlichten Studie stellten Forscher der Charité Berlin und der Universität Leipzig fest: Menschen, die sich im Job unterfordert fühlen, zeigen häufiger depressive Symptome. Die Wissenschaftler hatten knapp 1200 Menschen befragt. Dabei zeigte sich - zumindest etwas tröstlich - dass diejenigen, die mit ihrem Leben insgesamt zufriedener waren, auch bei Unterforderung im Job seltener in Schwermut verfielen.

Tag 5 ist für Stefan Witte kein guter Tag:

Sehen Sie die Sendung "Tödliche Langeweile" am 25. September ab 20.15 Uhr auf 3sat

  • Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.



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insgesamt 67 Beiträge
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Seite 1
European 25.09.2014
1. Ich bin
resistent, wie der Selbstversuch gezeigt hat.
thoerchen 25.09.2014
2. 8 Monate...
...als Leihbanane in einem Grossunternehmen. Vom Bereichsleiter angefordert, vom Abteilungsleiter torpediert. Nach 2 Wochen angefangen ein Buch mitzubringen. Zum Schluss ca. 2 Bücher pro Woche gelesen. Nicht schön, aber gerade noch den Bore-Out vermieden...
ugt 25.09.2014
3. Was soll man sagen?
Das Leben eines Beamten oder vieler Angestellter im öffentlichen Dienst. Und damit es nicht zum Tode durch Langeweile kommt mobben sie sich gegenseitig. Oder schikanieren ihre Gehaltszahler. Ausbaden müssen es dann die Kollegen, die wirklich arbeiten und alles tun um ihren Tag auszufüllen.
European 25.09.2014
4. So ist es leider
Zitat von ugtDas Leben eines Beamten oder vieler Angestellter im öffentlichen Dienst. Und damit es nicht zum Tode durch Langeweile kommt mobben sie sich gegenseitig. Oder schikanieren ihre Gehaltszahler. Ausbaden müssen es dann die Kollegen, die wirklich arbeiten und alles tun um ihren Tag auszufüllen.
hat der Mensch keine Probleme, besorgt er sich welche. Es soll einige wenige Ausnahmen geben; Menschen die Ruhe, Frieden und lange Weile tatsächlich geniessen können.
logabjörk 25.09.2014
5. Auf dem Boden der Langeweile
lauert die Verzweiflung.
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