Turbo-Aktienhändler "Dann wird geschossen"

Aktienhändler stehen nicht mehr brüllend auf dem Parkett, sie überwachen Algorithmen auf Monitoren. Hochfrequenz-Trader sind mit Anfang 30 ausgebrannt - sie leben in einer Millisekundenwelt. So wie Jan Breuer in London. Er träumt vom "Fuck-you-Money" für den Ausstieg.

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Wenn Jan Breuer aus seinem Bürofenster auf London schaut, sieht er Bürotürme, die wie hohle Zahnstumpen in den Himmel ragen. Viele Etagen in den Türmen stehen leer. Breuer, ein Schweizer, arbeitet als Trader, seiner Branche geht es nicht sehr gut. Er kämpft daher auch gegen die Leere, die ihn umgibt.

Breuer wird dieses Jahr 29 Jahre alt und befindet sich im oberen Drittel seiner Karriere als Händler. Trader sind wie Fußballer. Ihr bestes Spielalter erreichen sie Mitte zwanzig. Wer mit Anfang dreißig den Job nicht gewechselt hat, versteinert wie die alten Männer, die grau wie Saurier in den Großraumbüros sitzen und von den jungen Händlern abends beim Feierabendbier bemitleidet werden.

Die Banken und Handelsfirmen haben in den vergangenen Jahren viele Mitarbeiter entlassen. Diejenigen, die geblieben sind, müssen strampeln, um Geld zu machen.

Breuers Wecker klingelt morgens um sechs. Anders als ein Investmentbanker schlüpft er nicht in Anzughose und Sakko, sondern in Jeans und Polohemd. Das Selbstbewusstsein hat er auch ohne Krawatte. In den letzten Jahren erhöhte sich der Marktanteil des Hochfrequenzhandels in Europa auf über 40 Prozent, auch das macht Leute wie Jan Breuer unempfindlicher gegen die Krise. In den USA liegt der Anteil des Hochfrequenzhandels bei bis zu 70 Prozent. Breuer lässt seine Arbeit vom Rechner erledigen.

Das Halbrund der Monitore als Horizont

Händler und deren Chefs sind scheue Wesen, deshalb heißt Jan Breuer in Wirklichkeit anders. Wenn er morgens um halb acht ins Büro kommt, holt er sich einen Joghurt mit Früchten und zwei hartgekochte Eier aus der Kantine und setzt sich an den Schreibtisch. Vor ihm reihen sich sechs Bildschirme, hochkant; das Halbrund der Monitore ist für die nächsten neun Stunden sein Horizont.

Der Handelstag der Londoner Börse beginnt um acht Uhr Ortszeit, zeitgleich mit Frankfurt am Main. Breuer hat eine halbe Stunde, um sich die Zahlen der amerikanischen und asiatischen Märkte anzusehen und zu entscheiden, wo an diesem Tag Chancen winken und Gefahren lauern.

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Ein Händler kauft Aktien, Derivate, Rohstoffe oder Währungen und verkauft sie zu einem höheren Preis weiter. Die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis ist sein Gewinn. Jan Breuer nennt sich Algo-Trader, weil er versucht, dem Markt mit der Hilfe von Algorithmen Millionen zu entlocken. Er muss ein Geschäft in Millisekunden abgeschlossen haben, um Geld zu verdienen. Denn wenn Breuer eine Aktie für 10 Dollar kauft und sie für 10,01 Dollar verkauft, muss er schnell sein, um möglichst viele dieser Kauf- und Verkaufsaktionen durchzuführen.

Sein Computer entscheidet, ob sich eine Transaktion lohnt. Breuer muss seinen Algorithmen nur sagen, in welcher Situation sie sich wie zu verhalten haben. "Parametrisieren" nennt das Breuer.

Jeder Algorithmus ist nach dem Wenn-dann-Prinzip programmiert: Wenn beispielsweise die Aktie von Daimler-Benz unter einen bestimmten Wert fällt, dann kaufe sie. Breuers Algorithmen sind um ein Vielfaches komplexer. Sie überwachen den Handel, berechnen Korrelationen zwischen Aktien und erstellen Prognosen anhand statistischer Modelle. Sie platzieren nahezu in Lichtgeschwindigkeit Angebote nach Kriterien, die Jan Breuer vorher festlegt. Um acht schaltet er die Algorithmen ein.

"Dann wird geschossen", sagt er.

Früher war ein guter Händler groß, stark und hatte eine Stimme wie Hulk, um sich im Gedränge des Börsenparketts oder am Telefon durchzukämpfen. Er fluchte, schwitzte und beschimpfte Kollegen und Geschäftspartner, wenn es nötig erschien. Heute muss er in der Lage sein, neun Stunden lang in sechs Bildschirme zu starren, ohne die Nerven zu verlieren.

Konzentration wie ein Fluglotse

Wenn Breuer einmal mit den Augen blinzelt, haben seine Algorithmen möglicherweise Dutzende Aufträge durchgegeben. Er muss sich konzentrieren wie ein Fluglotse, um Crashs zu vermeiden. Mittags holt Breuer sein Essen in der Kantine und schlingt es vor den Monitoren hinunter.

Zu Beginn des Hochfrequenzhandels verdiente am besten, wer die schnellste und kürzeste Verbindung zur Börse hatte. Die Banken und Handelsfirmen verlegten immer leistungsfähigere Kabel. Eine US-Firma ließ ihr Kabel sogar durch einen Berg bohren, um ihren Kunden eine drei Millisekunden schnellere Verbindung zwischen Chicago und New York bieten zu können. Die Leitungen der Konkurrenz führten um den Berg herum.

Irgendwann kam jemand auf die Idee, die Computer im selben Raum wie die Börsen-Server aufzubauen, um den Zeitverlust weiter zu minimieren.

Die Rechnerarchitektur wird komplexer. Je besser die einzelnen Komponenten dieses Systems arbeiten, desto mehr kann Jan Breuer verdienen, weil er der Konkurrenz vorauseilt. Es ist ein Kampf um Millisekunden. Im Moment experimentieren Kabel- und Handelsfirmen mit der Datenübertragung durch Mikrowellensender, um noch schneller zu werden. Vor kurzem hat eine IT-Firma London und Frankfurt mit Mikrowellen vernetzt.

Jan Breuer überwacht und justiert die Algorithmen, wenn sie am Anfang etwas holpern. Er ist mehr Ingenieur als Händler. Gleichzeitig muss er darauf achten, dass die Risiken, die der Computer eingeht, nicht unkontrollierbar groß werden. In seiner Firma ist er auf der mittleren Hierarchiestufe angelangt und steht über den gewöhnlichen Händlern, aber unter den "Quants", den quantitativen Analysten.

Halb Ingenieur, halb Quant - ein Mischwesen

Breuer sagt nicht Firma, sondern "Bude". Die Quants in Breuers Bude bauen statistische Modelle, schätzen Risiken ein und entwickeln speziell auf das Arbeitsgebiet ihrer Firma zugeschnittene Formeln. Viele sind promovierte Physiker oder Mathematiker. Breuer ist halb Ingenieur, halb Quant. Ein Mischwesen.

Nach dem Abitur studierte er in der Schweiz Wirtschaftsinformatik und fing bei einer kleinen Handelsfirma an. Er kaufte und verkaufte Aktien, Optionen auf Aktien, Zertifikate, fast alle Produkte, die der Finanzmarkt bereithielt. Mit 22 habe er 100.000 Euro verdient, sagt er, nach Abzug der Steuern. Mit 25 war er Chef eines Trading-Desks und hatte ein kleines Team von sechs Händlern unter sich. Jan Breuer stand unter Dauerbeschuss. Er machte viel Geld für seine Firma, hin und wieder verlor er aber auch. "Wenn an einem Tag etwas schiefgeht, geht meistens alles schief", sagt er.

An einem dieser wahnwitzigen Tage ging sehr viel Geld verloren, "weil ein Algorithmus durchgedreht ist", wie Breuer sagt. Der Algorithmus biss um sich wie ein tollwütiges Frettchen. Erst nach sieben Minuten konnten sie ihn unter Kontrolle bringen, aber da war es zu spät. Jan Breuer weiß bis heute nicht, wie es dazu kommen konnte.

Solche unkontrollierbaren Ausbrüche, auch Flash Crashs genannt, geschehen immer wieder. Im August 2012 bombardierte ein Algorithmus der US-Firma Knight Capital den Markt mit erratischen Kaufaufträgen. Er hatte es auf fast 150 verschiedene Aktien abgesehen. Offenbar kaufte der Knight-Algorithmus viel zu viele Aktien zu überhöhten Preisen. Algorithmen anderer Händler wurden auf die Papiere aufmerksam, was dazu führte, dass der Handel mit diesen Aktien sprunghaft anstieg. Nach nicht einmal einer Stunde hatte Knight Capital 440 Millionen Dollar Verlust gemacht. Die Firma spricht von einem "Software-Fehler".

Ende Februar beschloss der deutsche Bundestag Regeln für den Hochfrequenzhandel, um solche Crashs zu erschweren. Kritiker sagen jedoch, die Regeln seien zu lasch.

Genug Geld, um dem Chef den Mittelfinger zu zeigen

Jan Breuer liebt die Schnelligkeit, auch wenn sie zu Unfällen führt. Sie gibt ihm das Gefühl, im Jetzt zu sein. Im Urlaub rast er alpine Skipisten hinunter, zur Sicherheit mit Helm und Rückenpanzer. Irgendwann wurde selbst ihm die Millisekundenwelt zu viel. Mit 27 legte er ein Jahr Pause ein und reiste mit dem Rucksack durch Hongkong, Thailand und Laos. Wenn ihn unterwegs jemand fragte, wer er sei und was er beruflich mache, antwortete er: "Ich bin Jan und arbeite als Informatiker." Das musste genügen.

Um 16.30 Uhr britischer Zeit schließen die meisten europäischen Börsen. Ein volatiler, also unruhiger Markt ist gut für Breuer, weil die Preisspanne zwischen Kauf und Verkauf und damit sein potentieller Gewinn wächst. Unsicherheit ist gut, etwa nach der Italien-Wahl. An solchen Tagen machen Breuer und seine Algorithmen bis zu 30.000 Euro Gewinn für die Firma. Von solchen Ausnahmen abgesehen ist der Markt derzeit allerdings ruhig.

Zu ruhig für Breuer. Mit Stabilität verdient er nichts. "Die europäische Zentralbank pumpt endlos Geld in die Märkte", sagt er genervt. Sein Tag endet gegen 17 Uhr, meist geht er dann ins Fitnessstudio, das wie die Kantine von der Firma bezahlt wird, und rennt noch ein paar Kilometer auf dem Laufband.

Nach dem Training sitzt Breuer vor einem Steak mit Fritten und denkt darüber nach, wie viel Geld er braucht, um zu kündigen und endlich "etwas Sinnvolles zu machen". Er nennt das "Fuck-you-Money": genug Geld verdient zu haben, dass man seinem Chef den Mittelfinger zeigen kann. Zehn Millionen Euro wären nicht schlecht, sagt Breuer.

Irgendwann wird er das Geld beisammenhaben. Dann will er ins Urban Farming einsteigen und Obst und Gemüse anbauen; ein Bauernleben als Tagtraum gegen das Dauerfeuer der Algorithmen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
MarkusW77 23.08.2013
1.
Zitat von sysopREUTERSAktienhändler stehen nicht mehr brüllend auf dem Parkett, sie überwachen Algorithmen auf Monitoren. Hochfrequenz-Trader sind mit Anfang 30 ausgebrannt - sie leben in einer Millisekundenwelt. So wie Jan Breuer in London. Er träumt vom "Fuck-you-Money" für den Ausstieg. Branchenreport: Die Millisekundenwelt der Aktienhändler - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/branchenreport-die-millisekundenwelt-der-aktienhaendler-a-917804.html)
Ein komplett überflüssiger Berufszweig. Ist wohl was für leute , die kein Bock an Arbeiten haben.
bartholomew_simpson 23.08.2013
2.
Zitat Artikel: ---Zitat--- Irgendwann wird er das Geld beisammenhaben. Dann will er ins Urban Farming einsteigen und Obst und Gemüse anbauen; ein Bauernleben als Tagtraum gegen das Dauerfeuer der Algorithmen. ---Zitatende--- Wenn er es überhaupt noch (gesund) erlebt...
xrambo 23.08.2013
3. optional
10 Mio - ja, ne is klar. Ein normaler Mensch wäre schon froh, nach 30 Jahren ein eigenes Haus zu besitzen und 1x im Jahr in Urlaub fahren zu können.
acitapple 23.08.2013
4.
Zitat von sysopREUTERSAktienhändler stehen nicht mehr brüllend auf dem Parkett, sie überwachen Algorithmen auf Monitoren. Hochfrequenz-Trader sind mit Anfang 30 ausgebrannt - sie leben in einer Millisekundenwelt. So wie Jan Breuer in London. Er träumt vom "Fuck-you-Money" für den Ausstieg. Branchenreport: Die Millisekundenwelt der Aktienhändler - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/branchenreport-die-millisekundenwelt-der-aktienhaendler-a-917804.html)
was erzählt der typ da ? hft geht nur mit software, da entscheidet der trader nicht in millisekunden, das macht die maschine. echte investmententscheidungen treffen die dann auch nicht mehr.
Radler67 23.08.2013
5.
Ich lach mich tot wenn in Börsenberichten über "Investoren" geredet wird. Was hat das mit investieren zu tun?
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