Karrierefrauen in Brasilien Gestern Favela, morgen Top-Job

Brasiliens Macho-Kultur beginnt zu wackeln. Die Zukunft prägen wollen mächtige Frauen wie Präsidentin Dilma Rousseff, Managerin Graça Foster oder Ökonomin Eduarda La Rocque. Und ehrgeizige junge Aufsteigerinnen drängen an die Spitze.

Aus Rio de Janeiro berichtet Sonja Peteranderl

Sonja Peteranderl

Die Vita von Eduarda La Rocque, 44, klingt nach Superfrau: Klassenbeste, Studienabschluss mit Bestnote, steile Karriere am Finanzmarkt, Verkauf ihrer Beratungsfirma an eine internationale Unternehmensberatung. Dann sanierte La Rocque die maroden Stadtkassen von Rio de Janeiro. Jetzt will sie die Strandmetropole in eine bessere Stadt für alle verwandeln, als Chefin des öffentlichen Strategie-Instituts Instituto Pereira Passos.

Eduarda La Rocque ist eine der neuen brasilianischen Vorzeigefrauen. Sie wollen die Zukunft des Riesenlandes mitgestalten, mehr als nur Mütter sein. "Wir müssen auf vielen Gebieten noch gleiche Möglichkeiten für Frauen schaffen", sagt La Rocque. "Brasilien ist ziemlich spät dran, holt aber schnell auf."

Männer dominieren weiter die Chefetagen, doch immer mehr Frauen machen Karriere - und sprengen das Klischee vom "Girl from Ipanema", von den schönen Brasilianerinnen, die am Strand von Rio in knappen Bikinis stolzieren und an Karneval leichtbekleidet zu Sambarhythmen den Hintern schwingen. Vielen reicht es nicht mehr, nur gut auszusehen oder Haus und Kinder zu managen, während der Mann fürs Einkommen sorgt. "Es gibt ein Schönheitsideal und die Sexualisierung von Frauen", so La Rocque. "Aber ich glaube, dass Brasilien nicht mehr nur ein Macho-Land ist."

Eine Karriere allein unter Männern

Der Ehrgeiz der Frauen wächst: Im Jahr 2008 war Höflichkeit für Brasilianerinnen einer Studie zufolge der wichtigste Wert und Ehrgeiz weit abgeschlagen - im Gegensatz zu Frauen in anderen lateinamerikanischen Ländern wie Argentinien, Kolumbien oder Mexiko. Heute beschreiben sich 59 Prozent der brasilianischen Universitätsabsolventinnen als "sehr ehrgeizig"; in den USA sind es gerade mal 36 Prozent, zeigte eine Studie des US-amerikanischen Think Tanks "Centre for Talent Innovation".

Vorbilder weisen jungen Frauen den Weg. Seit 2011 regiert Präsidentin Dilma Rousseff Brasilien. Es war Ex-Präsident Lula, der ihr den Weg an die Spitze ebnete - Rousseff hat das Image abgeschüttelt, nur sein Zögling zu sein. Marta Vieira da Silva ist als WM-Botschafterin das einzige weibliche Gesicht der Fußballweltmeisterschaft, sie kickte sich gegen alle Vorurteile zu einer der besten Weltfußballerinnen hoch. Und Graça Foster, die aus einer Favela kommt, fing als Praktikantin bei Petrobras an, einem der größten internationalen Ölunternehmen. Heute leitet sie den Energiekonzern und ist die weltweit einzige Chefin eines Top-50-Unternehmens der Energiewirtschaft.

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Fotograf in Rio de Janeiro: Karriere eines Favelakindes
Recht einsam sind Spitzenfrauen noch immer. 2001 waren sechs Prozent der Manager in Brasiliens 500 größten Unternehmen weiblich, neun Jahre später immerhin schon 14 Prozent. Auch Ökonomin Eduarda La Rocque ist es gewohnt, allein unter Männern zu sein: Im Wirtschaftsstudium war sie eine der wenigen Studentinnen, im Finanzausschuss der BBB Bank die einzige Expertin unter 20 Männern. Heute sitzt sie auf Konferenzen zur Entwicklung von Rio oft als einzige Sprecherin auf dem Podium, neben Politikern, Wirtschaftsexperten, hochrangigen Polizisten. La Rocque trägt rot lackierte Fingernägel und Lippenstift, und sie ist energisch, setzt sich durch in Männerrunden.

Große Unterschiede beim Führungsstil sieht sie zwischen Männern und Frauen nicht, vielleicht auch, weil sie selbst sehr dominant auftritt. Aber Frauen müssten mehr familiäre Verantwortung mit dem Job vereinen: "Es war anstrengend, Mutter zu sein und die beruflichen Herausforderungen zu meistern." Als ihr Sohn zur Welt kam, war La Rocque 22 und schrieb an der Doktorarbeit. Ihre Tochter wuchs mit einer Mutter auf, die jeden Tag lange im Büro der Bank blieb. Wurde ein Kind krank, hetzte sie zwischen Meetings zum Arzt. Jetzt beobachtet La Rocque, "dass Firmen unterstützender werden".

"Ich will mich auch mal ausruhen"

Den Aufstieg von Frauen befördern in Brasilien zwei Trends: In vielen Branchen fehlen Fachkräfte - und Frauen sind so gut ausgebildet wie nie zuvor. Selbst Favela-Bewohnerinnen träumen von mehr als nur einem Job als Hausmädchen wohlhabender Brasilianer.

So hat Maryanne Santos aus der Favela Rocinha die Prüfung der angesehenen privaten Hochschule PUC geschafft und als Erste aus ihrer Familie studiert, Wirtschaft, mit einem Stipendium. Danach will sie in der Favela ein Unternehmen oder eine NGO gründen. Ehrenamtlich hilft Santos, 25, Schülern aus der Favela, sich auf Uni-Aufnahmeprüfungen vorzubereiten: "Wenn du nicht zur Uni gehst, musst du vielleicht dein ganzes Leben etwas machen, was du gar nicht willst."

Maryanne Santos möchte die soziale Kluft in Rio verringern, wie Eduarda La Rocque - die eine von unten, die andere von oben. "Wir haben so eine große Ungleichheit auf den Straßen von Brasilien", sagt La Rocque. "Ich träume von Rio als einer offenen, faireren Stadt." Programme ihres Institus sollen auch die Wirtschaftsentwicklung der Favelas vorantreiben, Gründer unterstützen, neue Arbeitsplätze schaffen. Die Olympischen Sommerspiele 2016 sieht La Rocque als Meilenstein, bis dahin will sie einige Weichen richtig stellen.

Und danach? "Ich habe Wissen, ich habe Geld, ich habe auch Macht gehabt", sagt Eduarda La Rocque. Nach 2016 gehe es um etwas, das bisher in ihrem Leben kaum eine Rolle spielte: "Ich will erleben, was Freizeit ist, ich will mich auch mal ausruhen."

  • Jaroschewski

    KarriereSPIEGEL-Autorin Sonja Peteranderl ist freie Auslandsreporterin und Absolventin der Deutschen Journalistenschule (DJS). Sie berichtet über Außenpolitik, Wirtschaft, Kriminalität und internationale Hightech-Trends.

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insgesamt 4 Beiträge
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Criticz 26.06.2014
1. Unseren täglich Frauenpowerartikel gib
Uns heute..... Andererseits: es geht auch ohne Quote...sollte sich Dtl mal ein Beispiel nehmen
e-ding 26.06.2014
2.
Och, nicht schon wieder so ein "frauenoptimierter" Artikel, in welchem allerdings die Information fehlt, welchen großartigen und alternativlosen Einfluß die brasilianische Frauenquote auf die vorgestellten Karrieren hatte. ;)
mxdoc 27.06.2014
3. Die Krone der Selbstbestimmung!
Und wenn weltweit alle Frauen durch das Bombardement mit Powerfrauen-Artikeln und Frauenquoten genderstromlinienförmig maingestreamt sind und brav im Karrierefrauengleichschritt demonstrieren, endlich "mehr als nur Mütter sein zu wollen", dann ist die höchste Stufe menschlicher Selbstverwirklichung erreicht.
balmy_matrix 27.06.2014
4.
Ein wirklich interessantes Narrativ. Einerseits die Machokultur und die Dominanz der Männer in Politik und Wirtschaft, andererseits Männer als Förderer der Frauen (Rousseff, Unternehmen werden unterstützender bei der Kinderbetreuung). Dann noch, einerseits man möchte mehr als Mutter sein, ist besonders ehrgeizig und topausgebildet, andererseits möchte man mit 46 in Rente gehen (la Rocque) und natürlich auch Mutter sein. Irgendwie beides zusammen eben Mutter und Karrierefrau, aber natürlich mehr als Mutter sein. Warum muss stetig diese komische Dichotomie von der sich gegen alle Widerstände durchsetzenden Frau und der schlimmen Machokultur (die aber komischerweise der Frau ständig hilft) konstruiert werden? Warum kann man nicht einfach mal einen Artikel über junge Brasilianer beiderlei Geschlechts aus den Favelas schreiben, die ihren Weg gehen und gemeinsam an einem neuen Brasilien arbeiten? Einen Artikel über Brasiliens Entwicklung zu schreiben ohne Fernando Henrique Cardoso zu erwähnen, ist gerade für eine Journalistin die Brasilien sehr gut kennt ebenso ziemlich fragwürdig. Dieser Artikel stellt Männer als Verhinderer dar, dabei sind und waren gerade Männer die wohlwollenden Wegbereiter dieser Entwicklung und das seit Jahrzehnten. Ebenso wie auch sonst in der westlichen Welt, wo Frauen heutzutage in den besten Verhältnissen aller Zeiten leben können. Und mangels realer Diskriminierung wird dann eben analog zur "Machokultur" Brasiliens eben von der Unterdrückung des weißen Mannes fabuliert. Aber ich schweife ab, Fazit: Bleierner weil Einbahnstraßen- Journalismus, der beim Lesenden nur müdes Gähnen hervorruft....
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