Verkäuferin im Brautmodenladen "Manchmal wollen auch Männer Hochzeitskleider anprobieren"

Sie weint mit Bräuten vor Rührung, erträgt nervige Freundinnen mit Ja-Nein-Muffins und lässt auch Männer in Brautkleider schlüpfen. Eine Brautmodenverkäuferin erzählt aus ihrem Alltag.

Welches Kleid darf's denn sein?
Getty Images

Welches Kleid darf's denn sein?

Von


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Jede Braut ist anders und wenn ich sie berate, erzählen mir die Frauen viel aus ihrem Leben: wie sie ihren Mann kennengelernt haben, wie der Hochzeitsantrag war und wie gefeiert werden soll. So etwas möchte ich wissen, um zu schauen, welches Kleid zu ihnen passen könnte. Mit einem überladenen Prinzessinnenkleid am Strand zu heiraten, wäre nicht so optimal.

Seit zwei Jahren verkaufe ich Vollzeit Brautkleider. Das Geschäft ist ein Familienbetrieb, deswegen bin ich schon von klein auf immer wieder hier gewesen und habe neben dem Studium auch hier gejobbt. Als ich vier Jahre alt war und zum ersten Mal die ganzen Kleider gesehen habe, dachte ich mir: Hier kaufen Prinzessinnen ein.

Ich liebe diesen Beruf, obwohl ich manchmal sechs Tage die Woche arbeite und mit dem Job auch nicht reich werde. Die größte Herausforderung ist es, ein Kleid zu finden, das zur Braut passt. Doch viele Bräute stehen enorm unter Druck, alles muss perfekt sein, deshalb achten manche von ihnen gar nicht darauf, ob ihnen das Kleid auch wirklich gefällt, sondern ob es auffallend genug ist und die anderen begeistert.

Mit "Yes"- und "No"-Muffins über das Kleid abstimmen

Meist kommen die Bräute mit ihren Freundinnen zur Anprobe. Wir haben die Anzahl der Begleiter aber begrenzt, sonst würde das Ganze ausufern. Manche Freundinnen machen da eine richtige Party draus, bringen Sekt und "Ja"- oder "Nein"-Schilder mit, mit denen sie über das Kleid abstimmen. Wir hatten auch schon "Yes"- oder "No"-Muffins, die die Mädels in die Höhe gehalten haben.

Ich rate den Bräuten aber, nur mit den Menschen zu kommen, die ihnen am Herzen liegen. Wer zu viele Leute mitbringt, lässt sich vielleicht zu sehr unter Druck setzen. Am schlimmsten ist es, eine Freundin mitzunehmen, die gerade erst geheiratet hat und alles besser weiß. Einmal kam auch eine Braut mit ihrer Tochter, die natürlich einen ganz anderen Geschmack als die Mutter hatte und ihr alles wieder ausredete, was ihr gefiel.

Ich habe auch schon erlebt, dass Mütter oder Schwiegermütter die Braut unter Druck setzen. Einmal kam eine Akademikerin in den Laden, begleitet von ihrer Familie. Die Frau wollte was Schlichtes, aber die Familie was Pompöses. Die Braut hatte sich für einen Kompromiss entschieden - ein Prinzessinnenkleid mit einem großen Reifrock drunter. Doch die Familie wollte mehr Glitzer. Am Ende hat die Braut in der Kabine geweint und gar kein Kleid gekauft. Das tat mir in der Seele weh.

Ist die Hochzeit geplatzt, wollen die Bräute gar nicht mehr ins Geschäft kommen

Leider kommt es ab und an vor, dass Bräute ihre Kleider zurückgeben wollen. Entweder die Hochzeit ist geplatzt oder sie haben in einem anderen Laden ein schöneres Kleid gefunden. Wurde die Hochzeit abgesagt, ruft meist eine Freundin an oder die Bräute selbst schreiben eine Mail - sie wollen dann gar nicht mehr ins Geschäft kommen.

Wir nehmen keine Kleider zurück, bieten der Braut aber an, sich ein anderes Modell auszusuchen. In diesem Jahr hatte ich auch viele Bräute, die schwanger geworden sind. Ich kann zwar bei den Größen noch etwas tricksen, aber eine 34 auf eine 38 zu bekommen, ist nicht so leicht.

Viele Bräute sind aufgeregt und sehr emotional. Wenn sie sich das erste Mal im Brautkleid sehen, kommen vielen die Tränen. Ich muss dann oft mitweinen. Aber Emotionen gehören dazu, wer nicht mitfühlen kann, sollte den Job auch nicht machen.

Fotostrecke

52  Bilder
Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Ich habe auch immer mal wieder lesbische Paare, die sich hier ihre Brautkleider aussuchen. Aber ich berate sie getrennt voneinander, sie wollen sich auch ganz traditionell vom Brautkleid der anderen überraschen lassen. Oft haben sie einen ähnlichen Stil - aber es ist noch nie vorgekommen, dass sich zwei für das gleiche Modell entschieden haben.

Meist bleiben die Kleider bis zwei Wochen vor der Hochzeit hier im Laden. Die Modelle der lesbischen Paare lagern wir extra nebeneinander - wenn sie die Kleider abholen, achten wir aber darauf, dass sie sich nicht gegenseitig sehen.

Für meine Hochzeit habe ich mir ein schlichtes Kleid ausgesucht - aber das ist schon lange her. Ich habe es nicht kürzen oder färben lassen, was ja viele mit ihren Kleidern machen. Mein Kleid hängt im Schrank. Ich kann mich einfach nicht davon trennen. Es nimmt nicht so viel Platz weg und ist einfach eine schöne Erinnerung.

Nur ein Foto in der Kabine und wieder nach Hause

Seitdem ich hier arbeite, kam es auch schon vor, dass uns Männer angerufen haben. Ganz tapfer haben sie gefragt, ob es okay wäre, mal ein Brautkleid anzuprobieren. Sie wollen zwar nichts kaufen, aber ein Foto von sich im Brautkleid. Wir freuen uns sehr, wenn wir ihnen diesen Wunsch erfüllen können und berechnen dafür auch nichts.

Wir müssen nur aufpassen, dass sie auch wirklich ins Kleid passen, dürfen also nichts Schmales raussuchen und wenn sie zur Anprobe kommen, suchen wir einen ruhigen Tag aus. Oft bleiben sie ohnehin in der Kabine, um Fotos zu machen und gehen danach glücklich damit nach Hause.

Eine Frau hat bei mir auch zwei Mal ein Brautkleid gekauft. Das erste für die erste Ehe und das zweite für die zweite Ehe - zwölf Jahre später. Meine jüngste Braut war 19. Sie meinte, man habe nie eine Garantie dafür, dass es hält, aber sie und ihr Freund liebten sich einfach - also könnten sie auch heiraten.

Wenn ich sehe, dass eine Braut jünger als 18 ist, verkaufe ich ihr kein Kleid. Manchmal kommen Großfamilien mit Bräuten hierher, die so klein und zierlich sind, dass sie niemals volljährig sein können. Ich sage dann einfach, ich hätte nichts in ihren Größen da. Das stimmt ja auch, ich habe keine Kindergrößen.

Meine älteste Braut war wohl so Ende 50 und bereits Oma. Sie hat zum dritten Mal geheiratet und gesagt, sie glaube einfach immer noch an die wahre Liebe.

Video: Verkaufe Brautkleid, ungetragen

SPIEGEL.TV


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ansv 01.06.2018
1.
Es muss schlimm sein, wenn man mit ansehen muss, wie sich Familie und Freundinnen in einem Kleid verwirklichen wollen - wo es doch um niemand anderen als die Braut gehen sollte. Dass Menschen so egoistisch sein können ist schlimm. Sicher, meine Ziehtochter musste für mich auch ein Prinzessinnenkleid anprobieren - ich wollts halt mal sehen (die Trauzeugin glücklicherweise auch). Aber geheiratet hat sie selbstverständlich in _ihrem_ Kleid. Und das war allein deshalb so toll, weil sie so glücklich darin war.
shakidoo 01.06.2018
2. Mehr Auswahl wäre schön
Ich kann mit Kleidern nix anfangen. Männern geht es vieleicht mit ihrem Anzug ebenso. Da wäre es schön, wenn man sich mehr traut und auch mehr mit dem Geschlechterrollen spielt. Roben waren früher mal in. Das könnt ich mir da auch gut dafür vorstellen!
Emma Woodhouse 02.06.2018
3.
Ich finde, dass die Beraterin besonders empathisch ist und hervorragende Arbeit leistet. Scheint ihren Traumberuf gesucht und gefunden zu haben. Und der im Geschäft gebotene Service ist auch großartig, finde ich. Immer wieder interessant, was man in dieser Reihe alles erfährt. Hilft einem, selbst auch aufmerksamer zu sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.