Großbritannien droht Ärztemangel Brexit gelungen, Patient tot?

Nichts wie weg hier: Der britische Gesundheitsdienst NHS beschäftigt Zigtausende Ärzte aus dem europäischen Ausland. Laut einer Umfrage könnten bis zu 40 Prozent von ihnen das Land bald verlassen.

Chirurgen im OP
Getty Images/ UIG

Chirurgen im OP


Steht Großbritannien vor einem Mediziner-Exodus? Haben sich die Briten mit dem Brexit einen gravierenden Ärztemangel für die nächsten Jahre eingebrockt?

Eine Umfrage der British Medical Association (BMA) lässt diesen Schluss zu. Der Medizinerbund befragte Ärzte, die ihren Abschluss in einem europäischen Land außerhalb Großbritanniens gemacht haben. Ergebnis: 42 Prozent von ihnen spielen nach der Brexit-Entscheidung ernsthaft mit dem Gedanken, das Land zu verlassen, 23 Prozent sind sich unsicher. Über diese Zahlen berichtet unter anderem "The Guardian".

Rund 11 Prozent der Allgemeinmediziner im Vereinigten Königreich kommen aus dem Europäischen Wirtschaftsraum. Dazu zählen alle EU-Mitgliedstaaten, Norwegen, Island und Liechtenstein. Würden sich tatsächlich 42 Prozent dieser Ärzte auf den Weg machen und die Inseln verlassen, müsste das britische Gesundheitswesen auf knapp 13.000 Ärzte verzichten.

Der Befund ist alarmierend, denn der steuerfinanzierte National Health Service (NHS) ist ohnehin stark unter Druck. Hier machen die Ärzte aus dem Europäischen Wirtschaftsraum knapp 7 Prozent des gesamten medizinischen Personal aus.

Es bräuchte im NHS aber eher mehr Ärzte als weniger. Erst vor wenigen Tagen veröffentliche die BMA eine Studie, die das Ausmaß des jahrelangen Sparens im NHS geißelte: Operationen werden oft monatelang hinausgezögert, Krankheitswellen können nur schwer bewältigt werden, weil die Krankenhausplätze schon unter normalen Umständen ausgelastet sind.

Qualität der Versorgung leidet

Die ausländischen Ärzte, die die Organisation nun befragte, fühlen sich trotz ihres Beitrags zur Gesundheitsversorgung nicht ausreichend wertgeschätzt. Vor dem Brexit-Votum stimmten rund 70 Prozent der Aussage zu, dass die Regierung ihren Beitrag zu schätzen weiß. Jetzt liegt dieser Wert unter 40 Prozent.

NHS ausgespielt gegen die EU: Schon in der Brexit-Kampagne spielt der NHS eine große Rolle
Getty Images

NHS ausgespielt gegen die EU: Schon in der Brexit-Kampagne spielt der NHS eine große Rolle

Seitdem im Brexit-Referendum mit knapper Mehrheit dafür gestimmt wurde, dass Großbritannien die EU verlässt, haben im Land die ausländerfeindlichen Übergriffe zugenommen. Viele beklagen, dass die Stimmung gegenüber Ausländern generell unfreundlicher geworden sei.

BMA-Chef Mark Porter sagte: "Während viele der Ärzte aus der EU und anderen Ländern überall in unserem Land die Versorgung von Kranken sichern, fühlen sie sich immer weniger willkommen. Sie haben Zweifel, ob sie und ihre Familien auch in Zukunft das Recht haben werden, im Vereinigten Königreich zu leben und zu arbeiten."

Was denken andere Ärzte?

Porter fürchtet, dass nicht nur die verbleibenden Kollegen unter dem steigenden Druck leiden könnten. Schon jetzt wirke sich der Brexit auf das Engagement der Ärzte aus und damit auf die Qualität der Versorgung.

Das NHS ist stark auf ausländische Ärzte angewiesen. Zu den 11 Prozent aus Europa kommen außerdem 26 Prozent der Mediziner aus nichteuropäischen Ländern. Über ihre Einstellungen sagt die Umfrage nichts aus, ihre Erfahrungen nach dem Brexit dürften aber auch eher ernüchternd sein.

Während der Kampagne für das Referendum behaupteten die Brexit-Befürworter, dass Großbritannien pro Woche 350 Millionen Pfund an die EU zahle und man das Geld nach dem Austritt in den NHS stecken könnte; sie bedruckten sogar medienwirksam einen Kampagnenbus mit dem Slogan (siehe Foto oben). Tatsächlich stimmte aber schon diese Zahl nicht.

mamk



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 147 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pflegeblog.com 23.02.2017
1. Und Pflegefachkräfte?
Weiß man dort auch nicht, wieviele Pflegefachkräfte arbeiten? Und wieviele davon aus dem europäischen Ausland kommen? Ich befürchte stark, dass die Überraschung sehr groß ausfallen wird, wenn nicht nur die Ärzte wegbleiben, sondern auch zigtausende Pflegefachkräfte, großteils aus Polen, nimmer kommen. Aber was solls. Dann können wir uns wieder ein paar abwerben und müssen sie nicht zu bald anständig bezahlen.
hisch88 23.02.2017
2. Brexit GB unser/(mein) Problem?
Täglich kommen Detail-Informationen, welche Auswirkungen der Brexit für GB hat, Ausländer, Landwirtschaftsbereich, Medizin, ... Interessieren uns (mich) das? Ist doch grundsätzlich ein Problem von GB das GB zu lösen hat. Wichtiger wären doch Informationen welche Auswirkungen im Detail dies zuerst auf die EU-Mitgliedstaaten hat und dann im speziellen für D.
osz-madretsch 23.02.2017
3. Wir sehen uns dann!
Schön, dieser Artikel, melden Sie sich doch wieder wenn die Ärzte tatsächlich abwandern
gratiola 23.02.2017
4. An dem Artikel ist viel dran!
Mein Sohn hat in Uk sogar studiert. Statt nach D, da ist täglich der Weg in Richtung UK Verhältnisse mehr zu spüren, will er auch nicht. Er geht jetzt nach Australien. Gutes Geld ja, aber Ausgrenzung der Ausländer von einem Trainingskurs (ähnlich Facharztausbildung) ist inakzeptabel. Dann müssen die Briten eben mit sich selbst auskommen. Er hat in Kent und Devon gearbeitet und die Brexitwaehler sind ersetzt, dass sich gerade die Europäer absetzten. Die Anderen, Indianer, Pakistan etc. bleiben in Ermangelung von Alternativen als Dauerassistenten da.
Joe Amberg 23.02.2017
5. Echt peinlich, das permanente...
...Brexit bashing von SPON. Kleiner Gratistipp aus der Schweiz: wir waren so dämlich, die Ausbildungsplätze für Ärzte soweit runterzufahren, dass nun 50% aller Ärzte aus dem Ausland importiert werden MÜSSEN. Und bestens qualifizierte junge Schweizer nicht Arzt werden können, weil keine Ausbildungsplätze vorhanden sind. Wie bescheuert ist dass denn? Könnte ja sein, dass das für UK dann ziemlich ähnlich aussieht - dass nämlich die eigenen Leute endlich wieder Karriere machen können...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.