Brexit-Klage Wie eine Investmentmanagerin zur Hassfigur wurde

Seit die britische Fondsmanagerin Gina Miller Klage gegen den Brexit erhoben hat, fürchtet sie um ihr Leben. Jetzt steht die Entscheidung des High Court an.

Gina Miller
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Gina Miller


Sie hat den Streit um die Parlamentsrechte beim Brexit vor Gericht gebracht und zahlt dafür einen hohen Preis: Gina Miller, 51, eine dunkelhäutige britische Investmentfondsmanagerin mit südamerikanischen Wurzeln.

Von manchen Kritikern wird sie in Anspielung auf die gefährliche Spinne als "Schwarze Witwe" verhöhnt. Wegen mehrerer Morddrohungen hat sie mittlerweile Leibwächter, sie nutzt keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, und an den Wochenenden bleibt sie mit ihrer Familie zu Hause. Für die kommenden Tage erwartet sie nichts Gutes: "Ich denke, die nächste Woche wird schrecklich", sagt sie.

Miller hatte gemeinsam mit Mitstreitern Klage beim High Court in London eingereicht. Ihr Ziel: Sie wollte erreichen, dass Premierministerin Theresa May die Zustimmung des mehrheitlich EU-freundlichen Parlaments für die Austrittsverhandlungen einholen muss. Das Gericht gab ihr recht; die Regierung legte Berufung ein. Am Dienstag fällt nun die Entscheidung.

Sie lehnt Alleinentscheidungen ab

Den Brexit abzuwenden, lag Miller fern. Ihr gehe es nun aber darum zu verhindern, dass die britische Regierung in einer so wichtigen Angelegenheit allein entscheidet und eigenmächtig den EU-Austritt beantragt. Wenn der Oberste Gerichtshof dies nicht unterbinde, würde ihr Land um "400 Jahre" zurückgeworfen, warnt Miller. Es würde ein Präzedenzfall geschaffen, künftig könne dann jeder Premierminister "mit vier oder fünf Ministern in einem geschlossenen Raum entscheiden".

Schnell wurde Miller zur Hassfigur einiger Brexit-Befürworter. Ein 55-Jähriger aus dem Südwesten Englands, der sie rassistisch beschimpft haben soll, wurde bereits festgenommen.

Die Juristerei ist Miller, die in Guyana geboren wurde und in Großbritannien aufwuchs, nicht fremd: Als Tochter eines Anwalts studierte sie Betriebswirtschaft und Jura in London. Sie hatte verschiedene Jobs; auch als Model soll die zierliche, hübsche Frau gearbeitet haben. Mit ihrem dritten Ehemann Alan Miller gründete sie die Vermögensverwaltungsgesellschaft SCM Private. Nach britischen Medienberichten wird er "Mr Hedge Fund" genannt. Das vermögende Paar engagiert sich stark für soziale Zwecke und sammelt Spenden.

Als Primatin und Sklavin beschimpft

Nicht nur Freunde machte sich Miller, als sie versteckte Gebühren in vielen Investmentfonds anprangerte, wie sie der "Financial Times" berichtete. Im Kampf gegen Unehrlichkeit rief sie die "True and Fair"-Kampagne ins Leben. Auf einer Party hätten ihr Gäste vorgehalten, dass sie das Finanzviertel ruiniere.

Besonders treffen Miller, dunkelhäutig und britische Staatsbürgerin, die rassistischen Äußerungen, die sie und viele andere ertragen müssen. "Ich wurde sogar als Primatin bezeichnet", berichtete sie. Auch als "Sklavin", die in der Küche bleiben solle, sei sie geschmäht worden. Ihr wurde mit Vergewaltigung und Mord gedroht, und es wurde angezweifelt, ob sie überhaupt Britin sei. Hunderte von Menschen hätten ihr von solchen Erlebnissen berichtet. "Sie sprachen zum Beispiel in einer anderen Sprache an der Bushaltestelle und wurden dafür bespuckt oder getreten - das ist entsetzlich", sagte sie dem "Guardian". "Aber der Brexit hat dunkle Mächte freigesetzt", sagt sie. "Das Inakzeptable ist akzeptabel geworden."

Doch das dürfte die 51-Jährige nicht von weiteren Einsätzen abhalten - ob beruflich oder für soziale und politische Zwecke. Sie sei wie ein Rennfahrer: "Wenn ich meine Karriere mit einem Grand Prix vergleiche, habe ich erst die Hälfte der Runden geschafft."

ler/Silvia Kusidlo, dpa/AFP



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