Brief an junge Juristen Zehn Sekundärtugenden des Anwalts

Kein Stargehabe und keine Kumpanei, dafür ehrliche Arbeit und Courage - und Vorsicht, mühsam aufgebaute Reputation kann so schnell verloren gehen. Der erfolgreiche Rechtsanwalt Dolf Weber bündelt seine Erfahrungen und Überzeugungen in zehn Leitsätzen: Post an den Nachwuchs der Juristerei.

Abschlussfeier: Nicht alle Tugenden, die im Berufsleben wirklich zählen, lernt man auf dem Campus
dpa

Abschlussfeier: Nicht alle Tugenden, die im Berufsleben wirklich zählen, lernt man auf dem Campus


Dieser Brief soll jungen Juristen helfen zu verstehen, worauf es im Berufsleben als Rechtsanwalt wirklich ankommt; er soll helfen zu vermitteln, welche Erfahrungen, Überzeugungen und Werte mich geprägt haben. Dabei stammen meine Erfahrungen aus den letzten 40 Jahren des vergangenen Jahrhunderts.

Als Hilfestellung können am besten die für mich wichtigsten anwaltlichen "Sekundärtugenden" dienen, die ich in zehn Leitsätzen zusammengefasst habe:

I. Nur ein glaubwürdiger Rechtsanwalt hat Erfolg.

Aus der Glaubwürdigkeit leitet sich die Überzeugungskraft ab. Diese besteht nicht nur in der Stichhaltigkeit der juristischen Argumente, sondern auch in der persönlichen Glaubwürdigkeit des Rechtsanwalts. Deshalb muss jeder Rechtsanwalt frühzeitig lernen, nein sagen zu können.

Das gilt in vielfältigen Aspekten und fängt weit vor dem Verbot an, ein Mandat zu übernehmen, in dem ein unehrenhafter Standpunkt vertreten werden muss. Glaubwürdigkeit bezieht sich auch auf so triviale Dinge wie etwa, keine Fristzusagen zu machen, die man später nicht einhalten kann.

II. Die Reputation, die man in zehn Jahren aufbaut, kann man an einem einzigen Tag verlieren.

Der Aufbau einer Reputation als Rechtsanwalt dauert im überschaubaren, engeren Kreis fünf Jahre, auf nationaler Ebene - wenn man dies anstrebt - zehn Jahre. Ich habe die jungen Kollegen immer daran erinnert, dass alles, was in der Ausbildung noch befriedigend war, in der Praxis ungenügend sein kann. Ein schlecht recherchiertes Argument, auf dem eine Vertragsbestimmung, eine Klageschrift oder eine Klageerwiderung aufgebaut wird, kann ein ganzes Rechtsgebäude zum Einsturz bringen.

III. Für jede Gerichtsentscheidung ist die Rechtslage mit bis zu 50 Prozent, das Environment aber zu mindestens 50 Prozent verantwortlich.

Damit stelle ich keinem Richter ein schlechtes Zeugnis aus, ich weise nur darauf hin, dass jeder, der Entscheidungen zu fällen hat, sich morgens ohne Scham in sein eigenes Gesicht sehen möchte. Gerade dieser Leitsatz ist es, mit dem sich junge Juristen am schwersten tun. Die entscheidenden Verfahren aber haben Ermessensspielräume, die durch den guten Rechtsanwalt fair beeinflusst werden können.

Dies beginnt damit, dass man bei Mandanten auf ein angemessenes Verhalten vor dem Prozess und im Prozess drängt, und geht bis zum Einsetzen der persönlichen Überzeugungskraft und des persönlichen Standings des Rechtsanwalts bei Gericht.

IV. Ein guter Anwalt verdient mehr als er verdient.

Jeder Anwalt, der gut verdienen will und auch gut verdient, sollte Bescheidenheit und Augenmaß nicht verlieren. Natürlich ist die Triebfeder des Rechtsanwalts auch die Angst vorm Hungertuch und vorm Bettelstab. Ich hatte aber das Glück, schon als Referendar einem sehr angesehenen Richter zugeordnet zu sein, der mich lehrte: "Geld soll man nur da holen, wo welches ist, nicht dort, wo keines ist."

V. Keine Kumpanei - weder mit Kollegen noch mit Mandanten.

Der Umgangston in einer Sozietät kann freundschaftlich, ja herzlich sein, er sollte nicht in eine Kumpanei ausarten, weil ein Mindestmaß an "Etikette" dem Bestand jeder Freundschaft förderlich ist. Ähnliches gilt gegenüber Mandanten. Ein Spruch, den ich häufig jungen Kollegen ans Herz legte, lautet "Geschenke verderben die Zahlungsmoral". Ein Mandant, der sich "frère et cochon" mit seinem Anwalt macht, verfolgt damit meist ein Ziel: Honorare zu sparen.

VI. Ohne Fleiß kein Preis.

Es ist für einen Anwalt aberwitzig anzunehmen, er könne seine Arbeit "aus der Hüfte" oder "aus dem Ärmel" erledigen. Qualität kann nur bringen, wer die nötige Anstrengungsbereitschaft besitzt.

VII. Für die Wertschätzung der Arbeit des Rechtsanwalts ist die Qualität des Arbeitsergebnisses nur zu maximal 40 Prozent ausschlaggebend, wichtiger ist die Vermittlung von Kompetenz und Organisationsvermögen.

Dieser Leitsatz, der sich auf die eine oder andere Weise in vielen Handbüchern und Vorlesungen zum Dienstleistungsmarketing wiederfindet, ist in der Realität durch Umfragen erprobt. Wer sich diese Aussage nicht verinnerlicht, kann trotz hoher Qualität leicht im Mittelfeld landen und nicht die seiner Intelligenz und seinen Fähigkeiten entsprechende Anerkennung erfahren.

VIII. Schuster, bleib' bei deinen Leisten.

Reputation kann nur erwerben, wer Know-how auf einem oder mehreren Fachgebieten erwirbt und diesen Fachgebieten treu bleibt. Der Einzelkämpfer wird schnell unglaubwürdig, wenn er außerhalb seines Fachgebietes agiert.

IX. In einer Sozietät muss man Teamplayer sein, man hüte sich davor, "Star" sein zu wollen.

Für viele ist es erstrebenswert, als Einzelanwalt zu arbeiten. Das hat sicherlich seine Vorteile, wenn es jemandem stärker auf Freiheit und Individualität ankommt. Innerhalb einer Sozietät, und mag sie noch so klein sein, kann man sich und die Sozietät nur fördern, indem man Teamplayer ist. "Stars" in einer Sozietät scheinen höchstens (bedingt) nach außen; nach innen können sie Ansehen und Umsatz nicht mehren, weil sie es nicht verstehen, ihre Außenwirkung auch anderen Partnern und Mitarbeitern nützlich zu machen.

X. Think big!

Jeder Anwalt sollte sich vor kleinem Karo und Eckenkehren hüten und seinen Mandanten helfen, eben dieses zu vermeiden. Großzügigkeit im Umgang mit Kollegen und Mandanten zahlt sich vielfältig aus. Das Pendant zu einer derartigen Großzügigkeit ist Unängstlichkeit. Jede Scheu, etwas anzupacken, weil es vielleicht zu viel Anstrengungsbereitschaft erfordert, schadet der Zukunftsperspektive der eigenen Praxis und der Sozietät. Gelegenheiten, die sich bieten, sollten unängstlich ergriffen werden und nicht aus Scheu vor etwas Neuem, Unerprobtem verstreichen.

Worauf kommt es wirklich an? Ich hoffe, dass vieles, was im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts gegolten hat und zum Erfolg beitragen konnte, Ihnen auch noch heute nützlich sein kann. Sicher ist schon heute, dass auch in Ihrem Anwaltsleben vier Grundgaben entscheidend sein werden: Intelligenz, Phantasie, Organisationstalent und Sozialkompetenz.

Dolf Weber (Jahrgang 1936) schloss sich 1969 mit Rüdiger Volhard zur Sozietät Pünder, Volhard & Weber zusammen. Im Jahr 2000 fusionierte die Kanzlei mit Clifford Chance (London) und Rogers & Wells (New York) zur größten integrierten internationalen Rechtsanwaltssozietät. Webers Brief an junge Juristen erschien zuerst in der Zeitschrift "Juristische Schulung - JuS"; als Podcast spricht ihn der Autor auf der Webseite des Verlages C. H. Beck.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Junge Juristen":

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Mittwoch - Fachjargon-Quiz: Versteh den Anwalt
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Freitag - Anwalts-Lexikon: Advokat von A bis Z
Samstag - Brief an junge Juristen: Zehn Sekundärtugenden des Anwalts

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