Briefbomben-Verdacht in Poststellen "Viele Pakete sehen erst mal aus wie ein Werbegeschenk"

Mit Briefbomben beschäftigen sich auch Mitarbeiter in deutschen Poststellen: Woran erkennen sie Briefe oder Pakete mit gefährlichem Inhalt? Fachleute geben Auskunft.

Briefträger verteilt Umschläge (Symbolbild)
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Briefträger verteilt Umschläge (Symbolbild)

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Hunderte Briefe und Pakete kommen in Unternehmen, Behörden, Rathäusern und Parlamenten täglich an - darunter in seltenen Fällen auch Drohbriefe oder Sendungen mit explosivem Inhalt: Paketbomben. Woher wissen Mitarbeiter, welche Post harmlos ist und welche riskant? Und was ist zu tun, wenn ein Brief Verdacht erregt?

Im Kieler Landtag zum Beispiel gibt es ein internes Regelwerk, eine "Alarmordnung", wie Uwe Eichstedt, Sicherheitsmitarbeiter im Haus, dem SPIEGEL sagt. Dazu gehöre, dass Mitarbeiter in der Poststelle auf bestimmte Merkmale achteten: Ein unförmiger Briefumschlag, der Absender nicht vorhanden oder kaum leserlich, das Porto viel zu hoch oder zu niedrig - all dies könnten erste Hinweise sein, sagt Eichstedt.

"Wenn dann noch 'privat' oder 'vertraulich' draufsteht, der Umschlag dreckig ist und merkwürdig riecht, kann man Verdacht schöpfen." Sollten sogar Drähte herausgucken, sei höchste Vorsicht geboten. Letztlich gäbe es aber keine eindeutigen Merkmale.

"Das Wichtigste ist das Bauchgefühl. Wenn das sagt: 'Da stimmt etwas nicht', sollte man mit Kollegen gemeinsam überlegen, was zu tun ist, ob man die Polizei ruft, die Poststelle sperrt oder gar das ganze Gebäude evakuiert." In Kiel gebe es einen konkreten ersten Ansprechpartner, den Sicherheitsbeauftragten.

Briefbomben bauen im Seminar

Andere Einrichtungen wie der Deutsche Bundestag halten sich eher bedeckt, wenn es darum geht, wie sie sich vor gefährlicher Post schützen - um potenziellen Tätern nicht zu helfen, wie sie sagen. So hält es auch die Deutsche Post DHL Group, die im Schnitt täglich rund 59 Millionen Briefsendungen und 4,6 Millionen Paketsendungen transportiert. Nur soviel gibt das Unternehmen preis: Die Mitarbeiter seien sensibilisiert und geschult.

Gerade in dem Punkt haben andere Unternehmen noch Nachholbedarf, sagt Serkan Antmen vom Deutschen Verband für Post, Informationstechnologie und Telekommunikation. Der Verband bietet deshalb spezielle Schulungen an. Zielgruppe: Mitarbeiter von Poststellen, aber auch Menschen, die in Vorzimmern und Sekretariaten arbeiten und regelmäßig Post öffnen.

"Wir versuchen, Menschen klarzumachen, wie gefährlich so eine Briefbombe sein kann", sagt Antmen. "Dazu bauen wir im Seminar auch Briefbomben nach und lassen sie in sicherer Entfernung explodieren. Wenn der Knall kommt und man in die Gesichter sieht, erkennt man: Jetzt sind die Leute sensibilisiert."

Das Ziel: Niemand soll Post weiter öffnen, wenn er Drähte entdeckt. Denn das könne zu schweren Verletzungen führen oder sogar tödlich enden. Briefbomben seien oft daran zu erkennen, dass der Umschlag unterschiedlich dick sei, sagt Antmen. In einigen Fällen könne man Drähte und Kabel durch das Papier hindurchfühlen - allerdings nicht immer.

"Paketbomben sehen oft aus wie Werbegeschenke"

"In jedem Fall sind es meist etwas dickere, unförmige Postsendungen, weil man ja Platz für Sprengsatz und Zünder braucht", sagt Antmen. "Viele Pakete sehen erstmal aus wie ein Werbegeschenk."

Verdächtige Post könnten Mitarbeiter in speziellen Geräten durchleuchten lassen - soweit vorhanden - oder in besonderen Sicherheitstaschen aufbewahren, bis die Polizei komme. Antmen: "Nicht daneben stehen bleiben und auf keinen Fall selbst öffnen. Meist sind die Pakete so präpariert, dass sie beim Öffnen explodieren."

Im Zweifel sei es immer besser, zu vorsichtig zu sein, sagt der Experte, allerdings müsse man sich auch klarmachen, dass Brief- oder Paketbomben nur extrem selten verschickt würden. "Die meisten Mitarbeiter haben aufgrund jahrelanger Routine die Coolness, nicht bei jedem Brief am Rad zu drehen."

In den meisten Fällen stellten sich verdächtige Pakete am Ende dann doch als harmlos heraus, sagt Uwe Eichstedt aus Kiel. Im Landtag habe beispielsweise mal ein verdächtiges Gerät mit Drähten für Aufregung gesorgt. "Da kam später heraus: Ein Lehrer hatte ein Batterieladegerät für Schulen gebaut und ein Exemplar ans Parlament geschickt."



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