Bundestag Wer Teilzeit arbeitet, darf künftig aufstocken

Der Bundestag hat das Gesetz zur sogenannten Brückenteilzeit beschlossen, für das insbesondere die SPD lange kämpfte. Arbeitnehmer müssen jedoch Einschränkungen hinnehmen.

Eine Frau sitzt im Arbeitszimmer (Symbolbild)
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Eine Frau sitzt im Arbeitszimmer (Symbolbild)


Arbeitnehmer haben künftig das Recht, für einen befristeten Zeitraum Teilzeit zu arbeiten und danach wieder in Vollzeit zu gehen. Das hat der Bundestag mit dem Gesetz zur Einführung einer sogenannten Brückenteilzeit beschlossen. Die SPD setzte damit ein Anliegen durch, für das sie seit Jahren streitet.

"Es ist vor allen Dingen ein Erfolg für Tausende von Menschen, da wir dafür gesorgt haben, dass die Arbeit zum Leben passt", sagte Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Es ist das erste Gesetz, das er durch den Bundestag gebracht hat. Die Regelung gilt für nach dem 1. Januar 2019 vereinbarte Teilzeit.

Die Sozialdemokraten wollten die Brückenteilzeit schon in der letzten Legislaturperiode beschließen, wurden von der Union aber lange ausgebremst. Das Vorhaben wurde erst in den jüngsten Koalitionsvertrag aufgenommen. Es soll vor allem Müttern helfen.

"Wir beenden die Teilzeitfalle für viele Frauen", sagte die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Katja Mast. Von den knapp neun Millionen Beschäftigten mit sozialversicherungspflichtigen Teilzeitjobs sind fast 80 Prozent weiblich. Die Folge ist oft Armut bis ins hohe Alter. Denn Teilzeit schmälert auch die Rentenansprüche. (Lesen Sie mehr dazu hier.)

Vor allem Mütter sind betroffen. Mehr als zwei Drittel der erwerbstätigen Frauen mit Kindern unter 18 Jahren haben laut Statistischem Bundesamt einen Teilzeitjob, aber nur sechs Prozent der Väter. Viele Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit nach der Geburt eines Kindes, können nach bisherigem Recht später aber nicht wieder ohne Weiteres aufstocken. Das soll sich mit dem Gesetz ändern. Es gibt allerdings einige Ausnahmen.

Im Kern sieht die Neuregelung so aus:

  • Das Recht auf Brückenteilzeit gilt für Betriebe mit mehr als 45 Arbeitnehmern. Beschäftigte bekommen Anspruch auf eine befristete Teilzeitphase, die zwischen einem und fünf Jahren dauern kann.
  • Für Unternehmen, die zwischen 46 und 200 Arbeitnehmer haben, soll es eine besondere Zumutbarkeitsgrenze geben: Pro 15 Mitarbeiter müssen sie nur einem den Anspruch auf Brückenteilzeit gewähren. Weitere Anträge können abgelehnt werden.
  • Anträge auf Brückenteilzeit können nur Arbeitnehmer stellen, die länger als sechs Monate im Unternehmen beschäftigt sind. Bestimmte Gründe für die Reduzierung, etwa die Pflege von Angehörigen oder die Erziehung von Kindern, müssen sie nicht angeben.
  • Will der Arbeitgeber einem Teilzeitbeschäftigten die Aufstockung der Arbeitszeit verweigern, muss er darlegen, dass es keine entsprechende freie Stelle gibt. Dringende betriebliche Gründe oder die Interessen anderer Teilzeitbeschäftigter können einer Rückkehr in Vollzeit ebenfalls entgegenstehen.

Kritiker monieren, dass das Gesetz zur Brückenteilzeit im Laufe der Verhandlungen zu sehr "entschärft" wurde. Gewerkschaften und Sozialverbände fürchten, wegen der Einschränkungen werde nur ein Teil der betroffenen Frauen durch das neue Gesetz aus der "Teilzeitfalle" herauskommen. Für Millionen Arbeitnehmer greift die Regelung gar nicht.

Von den insgesamt rund 37 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland arbeiten knapp 15 Millionen in Betrieben bis 45 Beschäftigte. Für sie gilt der Anspruch auf Brückenteilzeit also nicht. 22 Millionen Menschen sind in Betrieben mit über 45 Mitarbeitern beschäftigt, davon knapp zehn Millionen in Unternehmen zwischen 46 und 200 Mitarbeitern. Von ihnen können ebenfalls nicht alle den Rückkehranspruch auf Vollzeit geltend machen, weil das Gesetz dies nur für einen von 15 Beschäftigen vorsieht.

Arbeitgeber fürchten Bürokratie

Kritik an dem Gesetz kommt auch vonseiten der Arbeitgeber - wenn auch aus anderen Gründen. "Die Brückenteilzeit ist ein weiteres Puzzleteil für mehr Bürokratie in unserem Land und bringt unterm Strich erhebliche organisatorische Mehrbelastungen für die Unternehmen in Deutschland", teilte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände mit.

Vor allem die Metall-Arbeitgeber lehnen die Brückenteilzeit strikt ab. "Das Gesetz hilft niemandem, belastet aber erneut die Wirtschaft", sagte Rainer Dulger, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Nur eine verbesserte Kinderbetreuung ermöglicht Müttern die Rückkehr in Vollzeit." Das Gesetz werde den Unternehmen die Personalplanung deutlich erschweren.

fok/dpa/AFP

insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 18.10.2018
1.
Meine Schwägerin arbeitete wegen ihrer drei Kinder (alleinerziehend) in 50%-Teilzeit, da die Kinderbetreuung in den 80er Jahren keinen Vollzeit erlaubte. Als die Kinder groß genug waren, wäre sie gerne auf Vollzeit zurückgegangen, ihre Firma (großes Pharmaunternehmen) verweigerte ihr aber lange Jahre die Rückkehr auf eine Vollzeitstelle, obwohl es die Stelle gab. Erst als die Kinder schon seit Jahren aus dem Haus waren und sie schon zweifache Oma war, gelang ihr die Rückkehr in die Vollzeit, nach mehr als 25 Jahren in Teilzeit. Für meine Schwägerin wäre das Gesetz wie gemacht gewesen, wäre es schon vor 15 Jahren gültig gewesen.
dasfred 18.10.2018
2. Zu Nr.1
Da wäre ihre Schwägerin aber eben auch eine der wenigen Ausnahmen gewesen, denen das heutige Gesetz Vorteile gebracht hätte. Nur ein Bruchteil der Frauen arbeitet in Betrieben über 200 Mitarbeiter, die noch dazu nicht bereit wären die Arbeitszeit wieder aufzustocken, wenn sie mit der Mitarbeiterin zufrieden sind. Unter 50 Mitarbeiter gibt es überhaupt kein Rückkehrrecht auf Vollzeit und dazwischen eben nur mit vielen Ausnahmen. Wieder mal viel versprochen aber fast niemandem geholfen.
stefzeri 18.10.2018
3. Genauso wichtig
wäre es, qualifizierte Jobs auch in Teilzeit zu besetzen. Ein guter Bekannter hat jahrelang in der Schweiz gearbeitet Dort sei Teilzeit bis ins mittlere Management kein Problem. Hier machen sich alle ins Hemd. Und ich rede hier nicht von 5, sondern von 30h/Woche. Ich habe das Glück, dass ich nach der Elternzeit meinen alten Job wiederbekommen habe. Arbeitspensum bei weniger Stunden eher höher, geht alles. Man muss sich halt anders organisieren.
Das Pferd 18.10.2018
4.
scheint mir recht vernünftig. sowas ist ab einer bestimmten Betriebsgröße kein Problem.
austrobayer 18.10.2018
5. das gibt ein Hauen und Stechen...
also bislang war es so, die Abteilung hatte 10 volle Stellen, davon waren zwei in Teilzeit. Mit der Differenz zur Vollzeit Stelle konnte einem neuen Kollegen eine Teilzeitstelle ermöglicht werden. Das wird ab sofort nicht mehr gehen. Denn die Teilzeitmitarbeiter können jederzeit wieder aufstocken und damit den Stellenplan sprengen. Mit der Flexibilität für den einzelnen Mitarbeiter geht der Organisation und den Kollegen Flexibilität verloren. Und Unternehmen werden ab nun bei der Genehmigung von Teilzeit eher zurückhaltender sein. Also gut gemeint, aber nicht in Zusammenarbeit gedacht.
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