Neues Gesetz zur befristeten Teilzeit So können Sie zur Vollzeitstelle zurückkehren

Ab Januar können Arbeitnehmer leichter von Teilzeit in Vollzeit zurückkehren. Was Sie dabei beachten müssen, erklärt Arbeitsrechtler Sebastian Ritz.

Mutter mit Kind am Laptop
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SPIEGEL ONLINE: Herr Ritz, nach langem Ringen hat das Bundeskabinett das Recht auf befristete Teilzeit beschlossen. Was bringt Arbeitnehmern die sogenannte Brückenteilzeit?

Sebastian Ritz: Sie können damit ganz unkompliziert ihre Arbeitszeit reduzieren. Wenn ein Arbeitnehmer also von einer vollen auf eine halbe Stelle wechseln will, reicht es, wenn er drei Monate vorher eine Anfrage stellt. Damit hat er die Möglichkeit, seine Arbeit ein bis fünf Jahre lang zu reduzieren und danach wieder auf seine volle Stelle zurückzukehren. Besondere Gründe, wie etwa Kindererziehung oder Pflege eines Angehörigen, müssen in diesem Fall nicht vorliegen.

Zur Person
  • Ebner Stolz
    Sebastian Ritz ist Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ebner Stolz in Köln und leitet dort den Bereich Arbeitsrecht.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das für alle Arbeitnehmer?

Ritz: Es gibt einige Bedingungen: Sie müssen bereits seit mindestens sechs Monaten im Unternehmen angestellt sein und dort müssen mehr als 45 Mitarbeiter beschäftigt sein. Hat das Unternehmen bis zu 200 Mitarbeiter, darf nur ein Teil der Belegschaft befristete Teilzeit in Anspruch nehmen. Ab 200 Mitarbeitern gibt es keine Beschränkungen mehr.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Arbeitgeber die Anfrage auf befristete Teilzeit ablehnen?

Ritz: Das geht im Grunde nur, wenn er nachweisen kann, dass die sogenannte Brückenteilzeit die Organisation, die Arbeitsabläufe oder die Sicherheit im Betrieb wesentlich beeinträchtigt oder unverhältnismäßige Kosten verursacht würden - wenn etwa eine Fach- oder Führungskraft Fähigkeiten und Kenntnisse besitzt, die der Arbeitgeber mit anderen Mitarbeitern nicht so leicht ersetzen kann. Wenn zum Beispiel Montagetermine wegen des Teilzeitwunsches nicht mehr eingehalten werden können, ist eine Ablehnung ebenfalls denkbar.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen wird das Recht auf befristete Teilzeit für Unternehmen haben?

Ritz: Es wird die Personalplanung stark verändern. Unternehmens- und Geschäftsleitungen müssen flexibler werden, sie müssen den Arbeitsausfall irgendwie kompensieren: entweder, indem sie die bestehende Mannschaft mehr belasten oder - was der gesetzlichen Intention entspricht - für einen bestimmten Zeitraum zusätzliches Personal einstellen.

SPIEGEL ONLINE: Aber dieses können sie nur befristet einstellen?

Ritz: Sie können zumindest nicht jedem neu eingestellten Kollegen einen unbefristeten Vertrag geben. Doch welcher Bewerber will schon befristet eingestellt werden? Die Top-Leute sicher nicht. Die Suche nach einem geeigneten Ersatz für die Dauer der Brückenteilzeit dürfte deshalb zu einem großen Problem für viele Unternehmen werden. Unternehmer können sich zwar noch mit Leiharbeitern behelfen, aber auch diese dürfen grundsätzlich nur noch 18 Monate in einem Unternehmen im Einsatz sein.

SPIEGEL ONLINE: Neben der Brückenteilzeit gibt es noch eine weitere wesentliche Änderung: Angestellte, die bereits in Teilzeit arbeiten, können eine Verlängerung ihrer Arbeitszeit verlangen. Was müssen sie beachten?

Ritz: Teilzeitarbeitnehmer können bereits heute mitteilen, dass sie ihre vertragliche Arbeitszeit aufstocken möchten. Doch dafür muss es einen freien Arbeitsplatz geben. Und der Kandidat muss ebenso geeignet sein wie andere Bewerber. Auch muss sich das mit betrieblichen Gründen und Arbeitszeitwünschen anderer Mitarbeiter vereinbaren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Was bringt dann die neue Regelung?

Ritz: Bislang musste stets der Arbeitnehmer beweisen, dass es eine freie Stelle gibt und dass er dafür geeignet ist. Ab Januar dreht sich die Beweislast um: Dann müssen die Arbeitgeber beweisen, dass es keine freie Stelle gibt, dass der Teilzeitarbeitnehmer nicht die gleiche Eignung hat wie andere Bewerber und dass betriebliche Gründe gegen die Aufstockung sprechen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat das für Unternehmen?

Ritz: Wollen Arbeitgeber neue Kollegen einstellen, weil sich diese etwa besser mit der Digitalisierung auskennen oder innovativer denken als andere Kollegen, kann dies zu Problemen führen - weil sie ja diejenigen Mitarbeiter mit gleicher Eignung bevorzugen müssen, die von Teilzeit auf Vollzeit wechseln wollen. Auch hier steht der Sozialschutz über dem Leistungsgedanken. Aber bislang haben Unternehmen das meist von alleine hinbekommen. Zumindest ist mir nicht bekannt, dass es viele Gerichtsverfahren dazu gab.

SPIEGEL ONLINE: Was ist, wenn zwei Mitarbeiter in Teilzeit eine Vollzeitstelle wollen, es aber nicht genügend Stellen gibt?

Ritz: In solchen Fällen bekäme vermutlich der Mitarbeiter die Vollzeitstelle, dessen Belange sozial schutzwürdiger sind. Das heißt, man würde die typischen Sozialkriterien wie Alter, Betriebszugehörigkeit, Unterhaltspflichten oder Schwerbehinderung gegeneinander abwägen und dann zugunsten desjenigen Arbeitnehmers entscheiden, der den höheren sozialen Schutz beansprucht.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel bringt das Rückkehrrecht in Vollzeit für die Gleichberechtigung der Frau?

Ritz: Es ist das richtige Werkzeug. Meist reduzieren Frauen nach der Elternzeit ihre Arbeitszeit. Mit dem neuen Recht macht die Regierung es Frauen viel leichter, für eine gewisse Zeit im Job kürzerzutreten und danach wieder in Vollzeit zu arbeiten. Dies ist vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels äußerst sinnvoll. Aber die Brückenteilzeit kann nur ein Hilfsmittel für mehr Gleichberechtigung sein. Die Regierung sollte es Frauen grundsätzlich leichter machen, wieder in den Job einzusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Vorschlag haben Sie?

Ritz: Es muss deutlich mehr Kitas geben, die weniger Geld kosten und flexiblere Öffnungszeiten haben. Der vor einigen Jahren eingeführte Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ist ein guter erster Schritt. Insgesamt müsste der Staat aber serviceorientiertere Angebote schaffen, um erwerbstätigen Familien den Balanceakt zwischen Privat- und Berufsleben zu vereinfachen.

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gardinchen 15.06.2018
1. Teilzeitmütter
Viele Mütter arbeiten nur noch teilzeit und aus den freien Stunden mehrerer wird eine Vollzeitkraft eingestellt, die vor neun und nach 15:00 Uhr die ganze Arbeit alleine macht. Und die wird dann auch die Blöde sein, die wieder gehen darf, wenn Teilzeitmutti wieder Lust auf mehr Stunden hat. Fair ist irgendwie anders....
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