Befristete Teilzeit "Wenn die Kinder aus dem Haus sind, will ich aufstocken"

Teilzeit soll keine Falle mehr sein: Die GroKo plant ein Rückkehrrecht zur vollen Stelle. Hier berichten Arbeitnehmer, warum sie ihre Arbeitszeit reduziert haben - und was sie von den Regierungsplänen halten.

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Es war ein holpriger Start. Die 100-Tage-Bilanz der Großen Koalition fiel gemischt aus, aber immerhin hat das Kabinett einen Gesetzentwurf verabschiedet, der mehr Spielräume bei der Arbeitszeit schaffen soll.

Sollte der Bundestag das Gesetz so verabschieden, könnten viele Arbeitnehmer schon im nächsten Jahr leichter ihre Arbeitszeit reduzieren - und wieder anheben. Die wichtigsten Punkte des neuen Teilzeitrechts:

  • Will ein Chef einem Mitarbeiter keine Teilzeit gewähren, braucht er dafür schon sehr gute Gründe.
  • Außerdem besteht ein Recht zur Rückkehr auf die Vollzeitstelle. Eine solche "Brückenteilzeit" können Arbeitgeber nur in Ausnahmefällen ablehnen - ausgenommen sind allerdings Betriebe unter 45 Mitarbeitern.
  • Wer Teilzeit arbeitet, kann seine Arbeitszeit leichter aufstocken. Anders als bisher muss der Arbeitnehmer nicht mehr beweisen, dass es dafür genug Arbeit in seiner Firma gibt. Will ein Chef die Aufstockung ablehnen, muss er gute Gründe dafür vorlegen. Wie gut das in der Praxis funktioniert, muss man abwarten - da ist vieles Auslegungssache.

Der SPIEGEL hat Teilzeitbeschäftigte nach ihren Erfahrungen gefragt und ihnen die neuen Regierungspläne vorgelegt. Hier sind ihre Einschätzungen:

Marissa L., 40, Kundenakquise: "Zwei Jahre habe ich nach der passenden Teilzeitstelle gesucht"

Bevor meine Kinder zur Welt gekommen sind, hatte ich eine Vollzeitstelle in einem Fünf-Mann-Betrieb. Nach dem Mutterschutz wollte ich auf eine Teilzeitstelle. Wir leben im Rhein-Main-Gebiet, und mein Anfahrtsweg zur Arbeit war recht lang. So viele Stunden am Tag hätte ich meine Tochter nicht gern in die Kita gegeben.

Das aber war ein Problem. Mein Chef sagte: "Mit Teilzeit habe ich in unserer kleinen Firma nichts für dich." Bei der Suche fand ich durchaus Jobs, die zu meiner Berufserfahrung gepasst hätten, aber meist nicht in Teilzeit. Ich wünschte mir sehr, es hätte damals ein Gesetz gegeben, dass Unternehmen verpflichtet, Teilzeitstellen anzubieten.

Die neuen Regeln gehen ja in diese Richtung, das finde ich grundsätzlich gut. Meine frühere Stelle hätte ich aber auch nach neuem Recht nicht reduzieren können, dafür ist die Firma zu klein.

Ich habe rund zwei Jahre gesucht, dann habe ich endlich etwas gefunden: Ich kontaktiere Werbekunden für eine Lokalzeitung. Das ist zwar nicht hundertprozentig die Aufgabe, die ich mir vorgestellt hatte. Aber hier arbeite ich 25 Stunden pro Woche, das passt.

Brückenteilzeit - das sind Ihre Rechte als Arbeitnehmer

Torsten K., 44, Redakteur: "Was, wenn 75 Prozent nicht reichen?"

Ich habe mich um Teilzeit bemüht, als mein erstes Kind geboren wurde. Mein Umfeld reagierte überrascht: Dass ein Mann das macht, fanden 2009 viele Kollegen ungewöhnlich. Noch dazu, weil meine Frau einen Job hat, in dem sich die Arbeitszeit recht leicht reduzieren lässt: Sie ist Lehrerin. Trotzdem verstehe ich bis heute nicht, warum ihre Teilzeit nahe liegender sein soll als meine.

Probleme machte mir meine Firma, ein mittelständischer Verlag, keine. Als ich die Frage stellte, hob der Chef zu einem kleinen Monolog an. Seine Firma müsse unbedingt familienfreundlicher werden, seine Zustimmung sei daher selbstverständlich. Da musste ich schmunzeln, denn über Selbstverständlichkeiten hält man selten Monologe. Aber natürlich fand ich seine Haltung sehr korrekt.

Als ich den Antrag stellte, kamen mir dennoch Bedenken: Passt es wirklich, wenn ich meine Arbeitszeit auf 75 Prozent senke? Reicht das Geld? Was ist, wenn meine Frau doch kürzen möchte? Ein Betriebsrat gab mir den Tipp, die Teilzeitregelung auf ein Jahr zu befristen. Die Personalabteilung hatte keine Einwände.

Das gab mir damals große Sicherheit bei der Entscheidung, ich ging kein großes wirtschaftliches Risiko ein. Ohne die Bereitschaft meines Arbeitgebers wäre das anders gewesen. Daher halte ich das neue Recht für einen großen Fortschritt: Arbeitnehmer bekommen ein Rückkehrrecht, wie ich es hatte.

Nach dem Testjahr bin ich bei 75 Prozent geblieben. Die zusätzliche Zeit tut der ganzen Familie gut: Schon der Umstand, dass ich immer garantiert zum Abendbrot zu Hause bin, gibt uns auch in stressigen Wochen das Gefühl, ein Familienleben zu haben.

Kind und berufliche Termine (Symbolfoto)
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Kind und berufliche Termine (Symbolfoto)

Mélanie L., 38, Erzieherin: "Mein Mann wird nicht reduzieren - dafür verdient er zu gut"

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht Vollzeit gearbeitet. Mal waren es 20 Wochenstunden, mal 25, so wie jetzt auch wieder. Mir ist tatsächlich auch noch nie etwas anderes angeboten worden. Die Mehrzahl der Erzieher arbeitet auf Teilzeitstellen.

Im Moment passt das gut. Ich habe drei Kinder, mehr Zeit möchte ich gar nicht in den Job stecken. Die Kita-Leitung hat mich gefragt, ob ich ab Sommer auf 30 Stunden aufstocken kann. Ich habe zugesagt, aber erst mal nur testweise bis zum Jahresende. Wir sind uns noch nicht sicher, ob das gut in unser Familienleben passt.

Dass mein Mann reduziert, steht nicht zur Diskussion: Er arbeitet für einen Autozulieferer und verdient deutlich mehr Geld.

Aber wenn die Kinder erst mal aus dem Haus sind, würde ich schon gern aufstocken. Auch wenn das noch ein paar Jahre dauert, unser Kleinster kommt erst nächstes Jahr in die Schule. Dann hilft mir das neue Teilzeitrecht aber auch nichts, denn meine Kita hat nur zehn Mitarbeiter. Damit ist sie von den meisten neuen Regeln ausgenommen.

Carola F., 44, Bürokraft: "Ich will nie wieder aufstocken"

Vor neun Jahren ist meine Tochter zur Welt gekommen, und für meinen Mann und mich war klar, dass vor allem ich mich um sie kümmern würde. Mein Mann arbeitet im Drei-Schicht-Betrieb in einem Industrieunternehmen. Dass er kürzertritt, kam für uns nicht infrage.

Zwei Jahre lang bin ich mit der Kleinen zu Hause geblieben. Danach wollte ich einen allmählichen Übergang zurück ins Berufsleben. Gleich mit Vollzeit wieder einzusteigen, das hätte ich für mein Kind nicht gewollt.

Dabei hatte ich Glück: In meiner bisherigen Firma, einem Verlag in Nordbayern, wurde gerade eine Büroassistenz gesucht, die 24 Stunden pro Woche arbeitet. Das passte mir gut. In der Assistenz arbeiten wir zu viert, und nur eine von uns in Vollzeit.

Ich hätte mir auch vorstellen können, später aufzustocken, wenn meine Tochter etwas älter ist. Mit dem neuen Teilzeitrecht hätte ich da gute Karten.

Doch dann erkrankte ich vor drei Jahren an Krebs. Inzwischen habe ich die Krankheit gut überstanden, aber es hätte leicht schiefgehen können. Die Genesung dauerte lange und hat mich viel Kraft gekostet.

Seither kann ich mir nicht mehr vorstellen, jemals wieder auf Vollzeit aufzustocken. Ich teile mir meine Kräfte ein. Und ich will nicht meine ganze Lebenszeit auf der Arbeit verbringen. Gut, dass mein Mann Vollzeit arbeitet. So können wir uns das tatsächlich leisten.



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