Buchempfehlungen Die besten Wirtschaftsbücher für den Herbst

Das Wetter ist mies - und endlich haben Sie Zeit zum Lesen. Aber was? Diese sechs Bücher sind nicht nur spannend, sondern auch lehrreich.

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  • Shep Gordon: "They call me Supermensch"

Der legendäre Künstleragent Shep Gordon weist Managern den Weg durchs Chaos. Leicht, aber lesenswert.

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Shep Gordon:
They Call Me Supermensch

A Backstage Pass to the Amazing Worlds of Film, Food, and Rock'n'Roll

Anthony Bourdain/Ecco; 304 Seiten; 9/2016; Englisch; 19,99 Euro

Shep Gordons, 70, Karriere als Rockstarmanager begann mit einem Faustschlag ins Gesicht. Den verpasste ihm Janis Joplin in einer Nacht des Jahres 1968 an einem Hotelpool in Los Angeles. Gordon, Anfang 20, frisch zu Hause ausgezogen, im Blut eine ordentliche Dosis illegaler Substanzen, hatte Joplin schreien hören und meinte, eine Vergewaltigung zu beobachten. Die Sängerin vertrieb ihn kraftvoll und widmete sich wieder ihrem Lover. Am nächsten Morgen führte sie Gordon in die Runde der übrigen Hotelgäste ein: Jimi Hendrix, The Doors, Alice Cooper. Gordon, der "kleine Jude aus New York", stolperte in eine Welt von Sex, Drugs, und Rock 'n' Roll, in der er sich spontan am richtigen Platz fühlte.

Mit "They Call Me Supermensch" legt er nun eine etwas andere Managerbiografie vor: schräg, nostalgisch und hochunterhaltsam. Damals am Hotelpool nahm eine der erfolgreichsten Karrieren Hollywoods ihren Anfang, ganz ohne Business-School-MBA und elitäre Beziehungen. Seit knapp einem halben Jahrhundert ist Shep Gordon dick im Geschäft, er hat sich in dieser Zeit quer durch die amerikanische Unterhaltungsindustrie gepflügt: managte Bands wie Alice Cooper und Blondie, machte Spitzenköche wie den New Yorker Anthony Bourdain berühmt und gründete ein eigenes Label für Independent-Filme.

Mit der üblichen Glätte des Führungspersonals von Big Business hat Gordons Berufsverständnis nichts gemein. Er gab sich oft ebenso großkotzig wie seine Schützlinge - aber nie größer als sie. "Kreiere Win-win-Situationen", lautet ein zentraler Rat an seine Leser. Ein anderer "Mach dich nicht verrückt. Nutze deine Energie dazu, deine Ziele zu erreichen."

Klingt nicht viel anders als jede Managementfibel, liest sich aber spannender. Rumhängen mit Groucho Marx, kochen für den Dalai Lama: Die zahlreichen kleinen Storys am Rande machen den eigentlichen Reiz des Buchs aus. Eva Buchhorn

  • Marc C. Schneider: "Volkswagen"

Manchmal ist die Entstehungsgeschichte eines Buches genauso spannend wie das Buch selbst. Mark Schneiders "Volkswagen. Eine deutsche Geschichte" sollte eigentlich schon im Herbst 2013 erscheinen. Das Manuskript war lektoriert und sollte in Druck gehen. Titel: "Martin Winterkorn. Die autorisierte Biographie".

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Mark C. Schneider:
Volkswagen

Eine deutsche Geschichte

Berlin Verlag; 368 Seiten; 9/2016; 22 Euro

Doch dann, die Internationale Automobil-Ausstellung IAA in Frankfurt stand an, verweigerte der damalige Volkswagen-Chef Winterkorn die Autorisierung. Offiziell aus juristischen Bedenken. Offenbar spielte aber auch konzerninterner Ärger eine Rolle. Diskussionen um die Nachfolge von Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch waren entbrannt - und Piëch soll auch nicht gepasst haben, wie Winterkorn sich in dem Buch feiern ließ. Zwischen dem CEO und seinem Mentor knirschte es schon damals gewaltig. Was genau den Ausschlag für die Absage gab, weiß Schneider, inzwischen "Bilanz"-Redakteur, bis heute nicht.

Das mysteriöse Veto macht jedenfalls neugierig auf Schneiders zweiten Anlauf. Diesmal widmet er sich Volkswagen als Ganzem. Er erzählt, wie VW vom nationalsozialistischen "Kraft durch Freude"-Fabrikanten zu Deutschlands größtem Industriekonzern aufstieg; ähnlich systemrelevant wie die Deutsche Bank. Aber viel deutscher. Das Buch ist anders, die zentralen Figuren sind die gleichen geblieben.

Eine davon, Ferdinand Piëch, trägt auch große Teile des Buchs von Georg Meck. Doch der "FAS"-Redakteur kann sich nicht recht entscheiden. Er erzählt zwei Geschichten. Das beginnt schon auf dem Titel: "Auto Macht Geld. Die Geschichte der Familie Porsche Piëch" steht da - und darunter das VW-Logo.

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Georg Meck:
Auto Macht Geld

Die Geschichte der Familie Porsche Piëch

Rowohlt Verlag; 304 Seiten; 22,95 Euro

Ferdinand Porsche hat den VW Käfer entwickelt, Anton Piëch das erste Werk geleitet und Ferdinand Piëch den Konzern eine gefühlte Ewigkeit dominiert. Die Geschichte der Familie und die von VW sind also eng verzahnt. Und doch: Porsche ist den meisten im Clan - Ausnahme Piëch! - wichtiger als VW. Lange Passagen etwa über die Rolle der IG Metall wirken, als kompensiere Meck damit mangelnde Nähe zur Familie.

Beide Autoren verweilen lang in der Historie. Schneider indes kommt seinem Thema näher. Mit dem Buch selbst - und der Entstehungsgeschichte. Michael Freitag


  • Michael Lewis: "The Undoing Project"

US-Starautor Lewis setzt zwei Psychologen, die das ökonomische Denken revolutionierten, ein Denkmal.

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Michael Lewis:
The Undoing Project

A Friendship that Changed the World

Allen Lane; 368 Seiten; Englisch; 12/2016; 14,99 Euro

Täglich treffen wir Entscheidungen. Täglich glauben wir, dabei weitgehend rational zu handeln. Irrtum! 82 Prozent der Befragten stimmen einer Operation zu, deren Überlebenswahrscheinlichkeit bei 90 Prozent liegt. Gefragt, ob wir eine Operation zulassen, bei der die Wahrscheinlichkeit, zu sterben, bei 10 Prozent liegt, willigen nur 54 Prozent ein. Ist das rational? Bietet man uns 400 Euro als Geschenk oder ein Los mit 50 Prozent Gewinnchance auf 1000 Euro, wählen wir die sicheren 400 Euro. Vor die Wahl gestellt, einen sicheren Verlust von 400 Euro zu erleiden oder mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit einen Verlust von 1000 Euro, wählen wir die Wette.

Menschen tun sich schwer, Wahrscheinlichkeiten richtig einzuschätzen. Trotzdem basierte die Wissenschaft, von der Psychologie über die Medizin bis zur Volkswirtschaftslehre, lange auf der Annahme rationalen Verhaltens. Bis zwei israelische Psychologen sich daranmachten, dies zu hinterfragen: Amos Tversky und Daniel Kahneman. Von ihrer Zusammenarbeit, für die Kahneman den Nobelpreis erhielt (Tversky war bereits verstorben), handelt Michael Lewis' neues Buch.

Es ist nicht sein stärkstes Werk. Im Vergleich zu "The Big Short" oder "Moneyball", packenden Thrillern aus der Welt der Wirtschaft und des Sports, kommt es teils langatmig und ermüdend daher. Lewis versucht es mit seinem bewährten Trick, die Story (also eigentlich die Entwicklung der Theorie der kognitiven Verzerrung) entlang lebendig geschilderter Charaktere zu entfalten.

Die Passagen über den eher unbekannten, sympathisch wilden Tversky und die symbiotische Verbindung des ungleichen Duos sind eine Entdeckung. Es mag an der sperrigen Materie liegen, dass diesmal kein echter Pageturner herauskam. Ein lesenswertes Denkmal für zwei herausragende Wissenschaftler ist es allemal. Daniel Stelter


  • Brad Stone: "The Upstarts"

Starautor Stone erzählt vom Aufstieg zweier Tech-Giganten. Nah dran und voller Details.

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Brad Stone:
The Upstarts

How Uber, Airbnb and the Killer Companies of the New Silicon Valley are Changing the World

Bantam Press; 384 Seiten; Englisch; 2/2017; 27,99 Euro

Airbnb und Uber gehören zu den größten Profiteuren der Smartphone-Revolution. Ob es Apartments sind, die per App gebucht werden (Airbnb), oder Fahrer, die per Knopfdruck geordert werden können (Uber): Beide Plattformen stehen für eine neue Welle von Tech-Start-ups, die auf der Basis des Smartphone-Booms innerhalb kürzester Zeit milliardenschwere Digitalimperien errichtet haben.

In "The Upstarts" erzählt "Bloomberg Businessweek"-Reporter Brad Stone, mit welcher Vehemenz Uber und Airbnb von Beginn an globale Ambitionen verfolgt haben. Die Parallelen zwischen den Unternehmen liegen auf der Hand: Beide sind vor rund acht Jahren in San Francisco entstanden, ihre Zentralen liegen weniger als eine Meile voneinander entfernt; beide haben sich mit Milliarden an Risikokapital aufgepumpt, teils von den gleichen Investoren, und haben sich heftige Gefechte mit Behörden geliefert, da ihr Aufstieg untrennbar mit Gesetzesverstößen verbunden ist.

Brad Stone hat mit "Der Allesverkäufer. Jeff Bezos und das Imperium von Amazon" bereits das wichtigste Buch über Amazons Aufstieg geschrieben. Mit "The Upstarts" gelingt ihm nun das Gleiche bei Uber und Airbnb. Die Geschichten sind herausragend erzählt und wie bei seinem Bestseller über Amazon schafft Stone es auch diesmal, den Unternehmen sehr nahezukommen.

Das Buch macht deutlich, dass es heute einem Todesurteil gleichkommen kann, wenn man sich als Start-up in der Szene an geltendes Recht hält. Und es zeigt, dass Airbnb trotz des freundlicheren Images kein bisschen weniger rabiat vorging als Uber.

Echte Enthüllungen hat Stone nicht zu bieten, dafür spickt er seine Erzählung mit vielen Details, die helfen zu verstehen, wie die beiden Tech-Bosse ticken. Der Fokus des Buchs liegt klar auf der Anfangszeit der Unternehmen. Die Schilderung, wie die neuen Giganten heute agieren und wie sie ihr Imperium zu erweitern versuchen, gerät etwas kurz. Jonas Rest


  • Sheelah Kolhatkar: "Black Edge"

US-Starreporterin Sheelah Kolhatkar zeichnet die Geschichte des Skandalhedgefonds SAC Capital nach.

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Sheelah Kolhatkar:
Black Edge

Inside Information, Dirty Money, and the Quest to Bring Down the Most Wanted Man on Wall Street

Random House; 368 Seiten; Englisch; 2/2017; 25,99 Euro

Steven A. Cohen war ein schillernder Trader - ein Prinz der Wall Street, wie die "New York Times" einmal schrieb. Sein Hedgefonds SAC Capital (das Kürzel bildet die Initialen seines Namens nach) verwaltete zu seinen besten Zeiten Kundengelder im Wert von rund 15 Milliarden Dollar. 2013 dann implodierte die Firma des Finanzjongleurs, der früher schon seine Klassenkameraden beim Pokern ausgenommen haben soll.

Auf Kommando des legendären New Yorker Bundesstaatsanwalts Preet Bharara führten die Ermittler damals einen verbissenen Kampf gegen die dubiosen Praktiken in der Hedgefondsbranche. Dabei wiesen sie Cohens Fonds verbotenen Insiderhandel mit Pharmaaktien nach. SAC wurde geschlossen, etliche Mitarbeiter kamen in Haft, Cohen wurde zu 1,8 Milliarden Dollar Geldbuße verurteilt. Ihm selbst konnten die Ermittler kein Fehlverhalten nachweisen, ihr wichtigster Kronzeuge, ein SAC-Manager, ging lieber für Jahre in den Knast, als gegen seinen Ex-Chef auszusagen. Fortan galt SAC als das Symbol für die zügellose Gier der Hedgefondsszene.

In "Black Edge" zeichnet Sheelah Kolhatkar den Skandal meisterhaft nach. Sie war in jungen Jahren selbst als Analystin bei zwei Hedgefonds tätig, wechselte später als Journalistin zur "Bloomberg Businessweek", heute steht sie beim "New Yorker" unter Vertrag. Kolhatkar investierte Jahre in ihr Buchprojekt, führte Hunderte von Gesprächen, wertete Gerichtsprotokolle und FBI-Dokumente aus. Ihr gelingt so ein akribisch recherchiertes Stück Wall-Street-Geschichte. Wen Michael Lewis' Wall-Street-Romane "The Big Short" und "Flash Boys" begeisterten, der bleibt auch bei "Black Edge" über die Distanz von 368 Seiten mühelos bei der Stange.

Ach ja, Cohen, der wie besessen Kunst sammelt und immer noch über ein Privatvermögen von 13 Milliarden Dollar verfügen soll, darf ab 2018 wieder fremdes Geld managen. Womöglich Stoff für Folge zwei. Eva Buchhorn


  • David Enrich: "The Spider Network"

Eine sehr lesenswerte Rekonstruktion eines der größten Bankenskandale - und eine Abrechnung mit dem "korrupten, kaputten Finanzsystem".

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David Enrich:
The Spider Network

The Wild Story of a Maths Genius, a Gang of Backstabbing Bankers, and One of the Greatest Scams in Financial History

Custom House; 528 Seiten; Englisch; 3/2017; 27,99 Euro

Erst manipulierte eine Bankerclique den Libor, dann kamen die Chefs auch noch unbehelligt davon. Der frühere UBS-Starhändler Tom Hayes ist der bekannteste jener Trader, die den wichtigsten Zinssatz der Welt manipulierten, den Libor. Die Gang sorgte für mal zu hohe, mal für zu niedrige Datenmeldungen ihrer Banken an das Libor-Komitee - und beeinflusste so den Zins zu ihren Gunsten. Damit schadete sie Millionen von Menschen, deren Hypothekenkredite davon abhingen.

Für sein Buch über diesen Skandal hat "Wall Street Journal"-Reporter David Enrich ausführlich mit Hayes und anderen Beteiligten gesprochen und die Ermittlungsakten ausgewertet. Das Werk ist prall gefüllt mit erhellenden Details. Der menschenscheue Mathe-Nerd Hayes lernte früh den Wert des Geldes kennen: Seit einem Besuch des Gerichtsvollziehers bei den Eltern trug der Londoner als Teenager seine liebsten Stücke immer im Rucksack bei sich. Die Mutter arbeitete für Finanzminister und Bankenderegulierer Gordon Brown. Hayes' Großvater war Aktienhändler und schwärmte ihm von seinen Insidergeschäften vor.

Dass Hayes heute als alleiniger Sündenbock dasteht, ist der zweite Skandal neben der Manipulation selbst, so die Botschaft des Buchs. Der heutige CEO der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, damals Co-Chef der UBS -Investmentbank, warb persönlich um Hayes und setzte sich für höhere Boni ein - als Kollegen schon über Hayes' Libor-Tricks lästerten. Als der Skandal schließlich aufflog, nutzte die UBS eine Kronzeugenregelung und prägte damit den Verlauf der Ermittlungen.

Hayes, Vater eines fünfjährigen Sohnes, verbüßt derzeit eine elfjährige Haftstrafe und wehrt sich zusammen mit seiner Frau gegen die ihm angelasteten Vorwürfe; kaum einer sonst wurde zu Haft verurteilt. So viel ist klar: Vertrauen in das Bankensystem weckt die halbherzige Aufklärung des Libor-Skandals nicht. Mark Böschen

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insgesamt 2 Beiträge
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rjb26 04.11.2017
1. ist halt so
die großen Finanzgangster sind so eng mit der Politik verbunden, dass ihnen nix passiert. aber ein vorzeige Sündenbock findet sich immer.
saftfrucht 06.11.2017
2. Nur ein Buch
Wer in diesem Jahr nur noch ein Buch lesen wird, sollte dafür sorgen dass es "Economics in One Lesson" von Henry Hazlitt ist. Das mit großem Abstand beste Buch für Laien, die verstehen wollen wie Wirtschaft funktioniert. Keine keynesianisch verdrehten Tatsachen. Der Leser wird verblüfft sein, wie simpel Wirtschaft eigentlich ist - und frustriert, dass ihm die Eliten (inklusive Spiegel) immer wieder versuchen vorzugaukeln, es sei doch alles so viel komplizierter.
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