Büroalltag Wie das Wir am besten entscheidet

Die meisten Entscheidungen im Berufsleben werden in der Gruppe getroffen. Das ist gut, wenn im Team alle munter, offen, angstfrei diskutieren - was häufig nicht klappt. Managementberater Rüdiger Klepsch erklärt, wie sich die Weisheit in Teams durchsetzt.

Corbis


Wir sind mehr als die Summe unserer Köpfe - das ist eine Erfahrung, die jeder schon mal in einem Team gemacht hat. Deshalb ist Teamarbeit in Unternehmen so groß in Mode, vorbei das Zeitalter heroischer Entscheidungen, die ein brillanter Kopf für den ganzen Konzern im Alleingang trifft. Die Wirklichkeit ist meist komplex, deshalb ist es wichtig, auf die Wahrnehmung vieler kluger Köpfe zu setzen. Die notwendige Perspektivenvielfalt kann ein Mensch allein gar nicht abbilden.

Dies ist viele Male in Experimenten belegt worden; es gilt für Entscheidungen, bei denen es sich um die Bewertung unklarer, ungewisser und unsicherer Situationen handelt. Während Gruppenentscheidungen für gewöhnlich genauer und im Ergebnis effektiver sind, kann man kaum ihren größten Nachteil übersehen: Gruppenentscheidungen fressen mehr Zeit.

Außerdem kann Gruppendynamik die Entscheidung verzerren. Das zeigt ein bekanntes Experiment aus den achtziger Jahren: Der beste von mehreren fiktiven Führungskandidaten hat acht positive und vier negative Eigenschaften. Eine Vierergruppe soll über ihn diskutieren und dann abstimmen. Nun spielten die Forscher zwei Varianten durch: In Variante eins kannten alle Probanden die negativen und die positiven Eigenschaften. In der Abstimmung bekam der Kandidat eine Zustimmung von 83 Prozent.

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Chef-Typologie: Superstars, kreative Chaoten, Nichtskönner
In Variante zwei kannten ebenfalls alle Teilnehmer die negativen Eigenschaften, aber jeder bekam nur zwei positive Eigenschaften mitgeteilt. In der Diskussion konnten sich ja alle gegenseitig informieren - theoretisch hätten sie also zu dem gleichen Ergebnis kommen können, alle Informationen waren da. Doch diesmal stimmten nur 24 Prozent für den Kandidaten.

Als Faustregel gilt: Geben Teammitglieder ihre Meinung ohne Beeinflussung durch die Meinung anderer ab, trifft der Durchschnitt aller Meinungen ins Schwarze. Werden jedoch Meinungen der anderen bekannt, sinkt die Qualität der Gemeinschaftsentscheidung. Der Grund: soziale Meinungsanpassung. Tauschen nun aber alle miteinander offen ihre Argumente aus, steigt die Qualität der Gruppenentscheidungen wieder deutlich an.

Totschlagargumente sind tödlich für die Firma

Deshalb sind Totschlagsargumente ein gefährliches Gift bei der Entscheidungsfindung. Denn mit Sprüchen wie "Das ist doch Blödsinn!" wird dafür gesorgt, dass einzelne Meinungen nicht gewertet werden. Faktenfreie Argumente, besonders laut vorgetragen, oder Wertungen wie "typisch Ingenieur" oder "so etwas funktioniert bei uns nicht" haben die gleiche fatale Wirkung: Einzelne Teammitglieder trauen sich dann nicht, ihre Meinung zu äußern - ihre Sicht fehlt dem Team. Die Gefahr steigt, dass realitätsferne Entscheidungen getroffen werden.

Die Liste der gruppendynamisch geprägten schädlichen Verhaltensweisen kann ergänzt werden durch "Recht haben wollen", "gewinnen wollen", "Platzhirsch-Gehabe", Sarkasmus, fehlenden Respekt oder übertriebenen Gehorsam gegenüber dem Chef.

Ein paar Regeln können helfen, solchen Situationen zu entgehen:

1. Meetings müssen verantwortlich geführt werden. Das heißt zuerst: Gruppendynamische Spielchen unterbrechen, die Gruppendynamik so lenken, dass alle ungestört zu Wort kommen, zur inhaltlichen Diskussion einladen und alle Teilnehmer einbinden.

2. Entscheidungsmeetings sollten einem für alle transparenten Schema folgen, um die Berechenbarkeit zu erhöhen.

3. In den Entscheidungssitzungen sollte ausdrücklich zur Kritik aufgefordert werden.

4. Der Hauptverantwortliche und andere wichtige Mitglieder sollten ihre Meinung nicht zu fruh sagen, sondern sich zunachst zurückhalten.

5. Am besten fordert man alle Gruppenmitglieder auf, Entscheidungsprobleme in ihren Abteilungen auch mit Personen zu diskutieren, die nicht zum Kreis der Entscheider dazugehoren.

6. Es könnte ein "Advocatus diaboli", ein "Anwalt des Teufels" bestimmt werden, der bewusst und kompromisslos die Gegenposition zur Gruppenmehrheitsmeinung vertritt.

7. Nehmen Sie sich Zeit für die Entscheidung.

8. Funktionierende Gruppen gehen mit ihren Entscheidungen größere Risiken ein als Einzelpersonen. Daher ist es sinnvoll, das Ergebnis einer Einigung noch einmal bewusst in Frage zu stellen.

Dann ist es geschafft.

Zum Autor
  • Rüdiger Klepsch
    Rüdiger Klepsch arbeitet seit 1990 als Managementberater (Dr. Klepsch & Partner). Er hilft Führungskräften und Mitarbeitern, ihre kommunikativen und sozialen Fertigkeiten zu verbessern. Zuvor war der studierte Psychologe als Psychotherapeut am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg tätig.
  • www.klepsch-partner.de



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
gfh9889d3de 26.09.2013
1.
Zitat von sysopCorbisDie meisten Entscheidungen im Berufsleben werden in der Gruppe getroffen. Das ist gut, wenn im Team alle munter, offen, angstfrei diskutieren - was häufig nicht klappt. Managementberater Rüdiger Klepsch erklärt, wie sich die Weisheit in Teams durchsetzt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/bueroalltag-wie-man-entscheidungen-im-team-trifft-a-924063.html
Könnte es sein, daß die Experimente mit weißen amerikanischen Psychologie-Studenten durchgeführt wurden? Was heißt "am besten"? Für die eigene Karriere oder für den mittelfristigen Börsenkurs? Und wie wurde das nachgewiesen? Wie schließe ich den der "besten" Entscheidung anscheinend sehr abträglichen Meinungsaustausch tatsächlich aus? Wie sieht es mit der Übernahme der Entscheidungsverantwortung für die einzelnen Gruppenmitglieder aus? Fragen über Fragen.
libebknofne 26.09.2013
2. Es stimmt einfach nicht, ...
... dass Gruppen bessere Entscheidungen treffen als Einzelne. Siehe Stichwort "Gruppendenken" in der deutschsprachigen bzw. Stichwort "Groupthink" in der englischsprachigen Wikipedia. Die Ausgangsbasis dieses Irrglaubens sind Experimente, in denen eine große Zahl von Menschen unabhängig voneinander - also gerade NICHT als Gruppe - die Anzahl Murmeln in einem Glas oder das Gewicht eines Ferkels schätzen sollte und im Durchschnitt sehr nah dran war. Wenn die Leute hingegen miteinander kommuniziert - also als Gruppe agiert - haben, wurden die Ergebnisse schlecht.
stulli_das_pausenbrot 26.09.2013
3. optimaler kompromiss
Ich hab das schon oft diskutiert. Fakt eins: nach einzelnen kriterien ist ein kompromiss nie das optimum. Fakt zwei: kommen mehrere kriterien zusammen, stellt der "optimale kompromiss" das maximum an übereinstimmung dar.
michel-nr-4711 26.09.2013
4. Das kommt darauf an.....
Einfach strukturierte Probleme lassen sich besser als Einzelner lösen, komplexe Problem im Team. Und dass ein Kompromiss nicht das Optimum darstellen kann, ist insofern falsch, als dass Entscheidungen meistens in Aktionen münden. Ist aber die Gruppe nicht von der Richtigkeit der Entscheidung überzeugt, sinkt die Bereitschaft, die Aktion durchzuführen. Insofern ist eine Entscheidung immer nur so gut, wie ihre Durchsetzbarkeit. Die sachlich optimale Entscheidung kann sich also durchaus in der Praxis als suboptimal darstellen.
eigene_meinung 26.09.2013
5. Die Praxis
ist, dass sich in der Gruppe die lautesten durchsetzen. Entsprechend sind dann auch die Ergebnisse. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.
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