Büroklammern verbiegen "Es ist ein barbarischer Zerstörungsakt"

Mario Gmürs Patienten biegen Büroklammern zu wilden Gebilden. Was der Schweizer Psychiater aus dem Papierkorb klaubt, deutet er - und preist einen treuen Büroknecht. Sehen Sie selbst, was der Klammer-Test über Ihren Charakter sagt.

Ein Interview von

So sieht das Ding aus, wenn man wieder Ärger mit Kollegen hatte
Kein&Aber

So sieht das Ding aus, wenn man wieder Ärger mit Kollegen hatte


Zur Person
  • Katharina Lütscher
    Mario Gmür (Jahrgang 1945) ist Psychiater. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist das Leben in einer medialen Öffentlichkeit. Er lebt und arbeitet in Zürich.
KarriereSPIEGEL: Herr Gmür, ich habe zur Vorbereitung ein paar Büroklammern verbogen. Gar nicht so leicht. Geben Sie's zu, Sie haben die Dinger mit einer Zange selbst bearbeitet.

Gmür: Bestimmt nicht! Ich finde das auch ziemlich anstrengend. Aber ich habe eben Patientinnen und Patienten, die sehr kräftig sind, Monteure, Handwerker. Während der Sitzungen greifen sie sich Büroklammern, die auf dem Tisch liegen. Sie haben einen Überschuss an angestauten Aggressionen - und finden so ein Ventil, um sie zu entladen. Es ist ein barbarischer Zerstörungsakt, einen Gegenstand, der nur für etwas Nützliches vorgesehen ist, derart seiner Funktion zu berauben.

KarriereSPIEGEL: Man hätte die Dinger auch einfach wegwerfen können, sie waren ja unbrauchbar.

Gmür: Ja, aber es ist eine despektierliche Situation für eine Klammer, im Papierkorb zu landen. Davor habe ich schon viele hier in meiner Praxis bewahrt.

KarriereSPIEGEL: Wie groß ist denn Ihre Reserve?

Gmür: Ich habe eine Schachtel mit etwa hundert Stück auf meinem Tisch, auch farbige sind dabei. Die brauche ich zum Systematisieren bei der Lektüre von Büchern und Akten. So papierlos, wie es heißt, ist unsere Welt übrigens nicht, wir drucken ja alles aus. Eigentlich will ich eine Büroklammer-Emanzipation auslösen. Sie verdient eine Tellerwäscherkarriere!

KarriereSPIEGEL: Wie bitte?

Gmür: Ich will die Klammer aus ihrem schmählichen, verknechteten Dasein als reine Hilfskraft im grauen Alltag erlösen und auf eine ästhetische Ebene holen. Sie wirkt harmlos, und doch können aus ihr so schöne Formen entstehen! Denn es ist doch so: Sie ist der Bürosklave, der nur darauf wartet, gebraucht zu werden - und dann in einem ganz intimen Verhältnis zum Dokument existiert, dessen Inhalt ihr aber verborgen bleibt.

KarriereSPIEGEL: Na, jetzt machen Sie mal halblang. Immerhin gibt es die Büroklammer seit Ende des 19. Jahrhunderts - passte ja zur aufkommenden Angestelltenkultur damals.

Gmür: Absolut. Sie spiegelt diese Bürowelt: ein Massenartikel, total austauschbar und entindividualisiert. Erst durchs Verformen wird sie einzigartig, ein Kunstwerk.


  • Und welche Büroklammer sind Sie? Blättern Sie sich hier durch ein paar Beispiele aus Gmürs Test:

Der Büroklammer-Psychiater
Weil Mario Gmürs Patienten so viele Klammern hübsch verbogen, hat er sie gesammelt - und nun einen Selbsttest daraus gebastelt. "Es ist ein Test, der nicht von letztem Ernst ist", sagt er, "aber, getestet an zahlreichen Probanden, erstaunlich nahe bei der Wahrheit liegt."

Die Klammerkunstwerke stammen aus Gmürs Sammlung. Die kleinen Psychogramm-Texte sollten ein "Anstoß" sein, so der Psychologe, über persönliche Eigenheiten nachzudenken. Es sei ein "Spielzeug". Genau so augenzwinkernd kann man sich das ja mal anschauen. Und los...

Der Triumphator
"Sie haben schon große Siege errungen, und selbstbewusst schauen Sie in die Zukunft. Sie brauchen nichts zu fürchten, beeindrucken Sie doch durch Ihre Respekt einflößende Erscheinung und Ihr imposantes Auftreten. Als erfolgsverwöhnter Optimist verfügen Sie über ein solides Fundament, um Ihren Willen durchzusetzen. Sie haben den Überblick und sind mit Ihrer Robustheit gegen Angriffe von allen Seiten gut gewappnet."

Der Hans-Guckindieluft
"Sie sind ein neugieriger, geduldiger Beobachter, ob als Astronom, Ornithologe, Soziologe oder einfach als Mensch. Sie werden nicht müde, die Vorgänge und Phänomene um Sie herum in Augenschein zu nehmen, zu betrachten und zu erforschen, auch ohne Ihr Vorgehen vorher geplant zu haben. Sie öffnen alle Ihre Sinnesorgane und nutzen Ihren Müßiggang, um umherwandernd und umherschauend Ihr Wissen zu vermehren und Ihren Horizont zu erweitern. Es macht Ihnen nichts aus, abseits vom hektischen Rummel in der Einsamkeit Ihren Forschungen nachzugehen. Von der Diktatur der Geschwindigkeit lassen Sie sich nicht terrorisieren."

Das Stehaufmännchen
"Auch wenn Sie eine Niederlage erlitten haben oder gar am Boden zerstört sind, resignieren Sie nicht: Sie raffen sich auf und stürzen sich abermals in den Kampf. Sie probieren immer wieder neue Varianten, um Lösungen zu finden und ein Comeback zu feiern. Unermüdlich spielen Sie "Mensch ärgere dich nicht", Resignieren ist für Sie eine Todsünde. Man muss immer wieder mit Ihnen rechnen."

Der Sexsüchtige: "Sie sind ein sinnlicher Gefühlsmensch und lassen sich verführerische Angebote nicht entgehen. Mit Schwung und Eleganz geben Sie sich ihnen hin, und Sie liefern eine formvollendete Performance ab. Sie feiern sozusagen ständig Honeymoon und lassen sich das Glück nicht durch Belastungen und Missstände des Alltags vermiesen. Weder die Anforderungen der Leistungsgesellschaft noch die Schikanen der Bürokratie vermögen Sie von der Genusssuche abzubringen. Sie vertrauen auf Ihre eigene Intuition und Virtuosität. Vergnügen und Pflicht, Ernst und Spaß gehen bei Ihnen eine glückliche und meist störungsfreie Symbiose ein."

Der Unverdächtige
"Sie sind eine ausgeglichene Persönlichkeit, leben in Frieden mit sich und Ihrer Umwelt. Sie verfügen über einen gesunden Menschenverstand und suchen keine Extreme. Unkompliziert und ohne Verwicklungen gehen Sie die Probleme an und lösen sie in angemessener Zeit. Sie polarisieren nicht, erzeugen keine Spannungen und genießen eine hohe Akzeptanz. Sie brauchen sich und anderen nichts zu beweisen, weil Sie eine natürliche Glaubwürdigkeit ausstrahlen."

Der Streber
"Das Allerhöchste ist Ihnen noch lieber als das Höchste. Sie wollen nicht die Niederungen des Planeten bereichern, sondern es zieht Sie schnurstracks in den Weltraum. Sie greifen nach den Sternen, Sie sind erfüllt von unbändigem Ehrgeiz. Trotzdem verfügen Sie aber über genügend Bodenhaftung, sodass Sie vor fatalen Abstürzen gefeit sind."

Der Minimalist
"Sie krempeln die Ärmel nicht hoch und und versetzen keine Berge. Sie machen sich das Leben einfach und bequem, was auch eine Kunst ist. Und Sie gewähren keinen Einblick in Ihr Inneres. Ob Sie sich gegen Einflüsse von außen verschließen oder Ihren inneren Schatz hüten wollen, ist unklar. Sie meiden jedenfalls die Betriebsamkeit und Geschäftigkeit und bevorzugen ein geruhsames Leben ohne Stress und unnötige Aufregung nach dem Motto "Weniger ist mehr". Sie verfügen über einen großen inneren Raum."

Der Karrierist
"Sie sind erfüllt von einem gesunden wackeren Ehrgeiz. Leute wie Sie braucht es. Mit Fleiß, Rechtschaffenheit und Beharrlichkeit erreichen Sie auf solide Weise Ihr Ziel. Den Gipfel erklimmen Sie Stufe um Stufe, von Etage zu Etage emporsteigend, in gemessenem Tempo. Bevor Sie die nächste Runde in Angriff nehmen, versichern Sie sich, dass das bisher Erreichte niet- und nagelfest sitzt. Sie sind fair und korrekt gegenüber Mitmenschen, Sie sind kein Usurpator, schmücken sich also nicht mit fremden Federn. Sie arbeiten hart an sich selbst."

Der Senkrechtstarter
"Sie wollen hoch hinaus, ganz an die Spitze und zwar möglichst schnell, je rascher desto besser. Sie stellen sich nicht gerne hinten an, und Sie wollen das Ziel und den Höhepunkt mit der geringst möglichen Anstrengung erreichen. Sie haben keine Muße für Beschaulichkeit, begehren den Preis auch ohne Fleiß. Dem Motto "Gut Ding will Weile haben" stehen Sie verständnislos gegenüber. Sie befinden sich am liebsten ganz oben, sind einfach gerne der Höchste, ohne dass Sie unbedingt Macht ausüben wollen. Von oben können Sie den Blick in die Weite schweifen lassen. Es ist Ihnen kein Bedürfnis, andere Menschen zu unterdrücken oder zu befehligen, es geht Ihnen nur darum, niemanden über sich zu haben, der das mit Ihnen tut."

KarriereSPIEGEL: Apropos Menschen im Büro: Sie haben gerade ein Buch mit vielen Fotos dieser verformten Büroklammern samt Psychotest geschrieben. Man sucht welche aus, am Schluss gibt's eine Auswertung des Persönlichkeitstyps. Wie hilft mir das in der Arbeitswelt?

Gmür: Es geht dabei nicht darum, einzelne Klammern zu interpretieren - das wäre unseriös und reine Küchenpsychologie. Das Ganze basiert auf dem Prinzip der Affinität: Welche Bilder sprechen den Betrachter an? Was assoziiert er damit? Das liefert Auskunft darüber, wie jemand tickt - und das spielt für die Karriereplanung eine wichtige Rolle. Ein bisschen wie beim Rohrschachtest oder der Grafologie. Im Prinzip hätte man für einen solchen Test auch Fotos von Kuhfladen oder Mikroskop-Aufnahmen nehmen können.

KarriereSPIEGEL: Rohrschachtest und Grafologie: beides sehr umstritten. Gerade wenn die Personalabteilung damit ankommt.

Gmür: Bei Einstellungsgesprächen geht das natürlich nur mit Einverständnis des Bewerbers!

KarriereSPIEGEL: Naja, aber man will den Job ja haben ...

Gmür: Das stimmt, aber jede Nötigung verbietet sich von vornherein, das ist ein ethisches Problem. Außerdem verfälscht ein Test unter Zwang das Ergebnis. Aber meinen Büroklammer-Test kann jeder für sich allein machen. Er ist ein Spielzeug, der eher der Selbsterkundung dient als der Prüfung von Kandidaten oder Angestellten.

KarriereSPIEGEL: Inwiefern?

Gmür: Er zeigt dir deinen Charakter: ehrgeizig oder bescheiden, dominant oder unterwürfig, altruistisch oder egoistisch, Einzelgänger oder Teamplayer, Macher oder Kommunikator, ambivalent oder entschlossen? Und die Büroklammer selbst hat einen enormen Symbolcharakter: Schauen Sie sich den großen und den kleinen Schenkel an! Das versinnbildlicht, dass das Große ohne das Kleine nichts wert ist, nur zusammen sind sie nützlich.

KarriereSPIEGEL: Jetzt klingen Sie ganz schön verliebt.

Gmür: Ach, man könnte ein ganzes Buch über die Kultur der Büroklammer schreiben! Über den weltweiten Siegeszug dieses Gegenstands, der an Trivialität nicht zu überbieten ist. Sie ist der Grundpfeiler des Ordnungsprinzips, hält Papier zusammen. Sie ist der Feind des Windes!

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978), freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
eunegin 23.03.2015
1. viel hineingelesen...
da wird recht viel hineingelesen - auf das das eigene Buch Leser findet? Meine Büroklammern sehen nie so aus. Sie brechen leider immer, bevor ein Kunstwerk entstehen kann. Sind Schweizer Klammer unseren deutschen überlegen?
exHotelmanager 23.03.2015
2. Schuldig im Sinne der Anlage
Ja, ich bekenne mich schuldig, in gast 50 Jahren unzählige Büroklammern aller Arten verbogen und missbraucht zu haben. Manche nutzten mir als Werkzeug, andere dienten einfach meiner brutalen Lust an der Verformung einheitlicher Massenbestandteile.
pillorello 23.03.2015
3. Selten....
.....liest man so einen Quatsch.
J.Corey 23.03.2015
4. Nicht wenige Psychiater ...
... haben ja selbst eins an der Waffel und quasi ihr Leiden zum Beruf gemacht. Wer aus verbogenen Büroklammern tiefgreifende Rückschlüsse auf den Charakter des Verbiegenden zieht, sollte mal ganz entspannt auf der eigenen Couch Platz nehmen!
sponner_hoch2 23.03.2015
5.
Das ist jetzt Satire, oder?
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