Kollegen mit Metallstück beworfen Azubi muss 25.000 Euro Schmerzensgeld zahlen

Ein Lehrling warf einem anderen Azubi versehentlich ein zehn Gramm schweres Metallteil an den Kopf. Er muss 25.000 Euro Schmerzensgeld zahlen, entschied das Bundesarbeitsgericht.

Von Silvia Dahlkamp

Teurer Wurf: Ein Azubi muss hohes Schmerzensgeld zahlen
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Teurer Wurf: Ein Azubi muss hohes Schmerzensgeld zahlen


Kein Pardon für Azubis bei Schmerzensgeld- und Schadensersatzansprüchen: Auch Berufsanfänger müssen haften, wenn sie durch ihr Verhalten Kollegen verletzen, selbst wenn das im jugendlichen Übermut geschah, urteilte jetzt das Bundesarbeitsgericht in Erfurt. Die obersten Richter bestätigten damit ein Urteil des Landesarbeitsgerichtes Frankfurt, das einen Lehrling einer Autowerkstatt zu 25.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt hatte (Aktenzeichen 8 AZR 67/14).

Es war eigentlich nur eine Plänkelei unter Lehrlingen. Morgens, kurz nach 8 Uhr, schickte der Chef einer Kfz-Werkstatt in Bad Homburg vier Azubis ins Lager. Auftrag: Reifen auswuchten. Also schleppten die vier die Räder in den dritten Stock, spannten sie dort in eine Auswuchtmaschine, ließen sie rotieren. Anschließend befestigten sie Gewichte an der Felge, um die Umwucht auszugleichen. Eine Routine-Arbeit.

Wie es dann zum Unfall kam, konnte sich hinterher niemand so recht erklären. Sicher ist, dass nicht alle Azubis eifrig bei der Arbeit waren. Einer von ihnen stand zehn Meter entfernt und nervte die anderen, erzählte später ein Zeuge. Und auch, dass plötzlich ein zehn Gramm schweres Wuchtgewicht aus Aluminium quer durch den Raum flog und den Jugendlichen unglücklich am linken Auge, am Augenlid und an der linken Schläfe traf.

Keine Gedanken gemacht

Was passiert war: Sein 18-jähriger Kollege hatte das Metallstück von der Felge abmontiert und einfach über seine Schultern geworfen. Später verteidigte er sich, es sei sozusagen im Reflex geschehen. Er habe sich darüber gar keine Gedanken gemacht, da es sich um eine alltägliche Handlungsweise gehandelt habe. Und beteuerte: Er habe nicht damit gerechnet, dass er eine Person treffen werde oder auch nur treffen könne.

Sein Übermut hatte schlimme Folgen: Der Azubi-Kollege lag zehn Tage im Krankenhaus und wurde mehrmals operiert. Die Verletzungen waren so schlimm, dass die Ärzte ihm eine künstliche Augenlinse einsetzen mussten. Weil sich auch noch eine Narbe über die Hornhaut des linken Auges zieht, wird der 17-Jährige nie wieder so sehen wie früher; er verlor sein räumliches Sehen. Beim Arbeitsgericht Frankfurt klagte er auf mehr als 175.000 Euro Schmerzensgeld.

In erster Instanz sprachen die Richter dem Verunglückten 10.000 Euro zu. In zweiter Instanz erhöhten die Richter des Landesarbeitsgerichts die Summe auf 25.000 Euro. Die Forderung nach einer lebenslangen Rente wiesen sie jedoch zurück.

Die Bundesrichter in Erfurt bestätigten jetzt das Urteil der hessischen Kollegen. Das Herumwerfen von Wuchtgewichten in einem Arbeitsraum, in dem andere Menschen anwesend sind, entspreche in keiner Weise dem Maß an Umsicht und Sorgfalt, das ein gewissenhafter Auszubildender im Kfz-Gewerbe zu beachten habe.

Die Richter sprachen dem verletzten Kfz-Mechaniker 25.000 Euro Schmerzensgeld zu. Außerdem erhält er eine monatliche Rente der Berufsgenossenschaft von 204,40 Euro. Sein junger Kollege, der so unüberlegt handelte, ist heute arbeitslos und weiß nicht, wie er die Summe zahlen soll. Wahrscheinlich muss er sie über viele Jahre in kleinen Raten abstottern.

Mit diesem arbeitsrechtlichen Urteil liegt das Landesarbeitsgericht Hessen auch auf der Linie der Oberlandesgerichte. So entschied das OLG Oldenburg 2008 auf ein Schmerzensgeld von ebenfalls 25.000 Euro für den Verlust der Sehfähigkeit eines Auges um 80 Prozent aufgrund eines nicht provozierten Faustschlags ins Gesicht.



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