Bundestag Viele Ex-Abgeordnete sind arbeitslos

Etlichen Bundestagsabgeordneten, die im vergangenen Herbst abgewählt wurden, fällt die Rückkehr ins Berufsleben schwer. Wer einen Anschlussjob bekommen hat, muss oft finanzielle Einbußen hinnehmen. Viele frühere Politiker sind gar arbeitslos.

Plenarsaal des Bundestags: Kein Trainingscamp der Wirtschaft
DPA

Plenarsaal des Bundestags: Kein Trainingscamp der Wirtschaft


Die Zeit im Bundestag kann ein Karrieresprungbrett sein, und darüber ärgern sich viele Wähler. Als Eckart von Klaeden im Mai vergangenen Jahres ankündigte, bald Cheflobbyist von Daimler zu werden, war die Aufregung groß. Der Mann ist ein enger Vertrauter Merkels, der Wechsel ging zu schnell, als dass man sich nicht um die Vermischung politischer und wirtschaftlicher Interessen hätte sorgen können. Klaeden ist längst nicht der Einzige. Ob Wolfgang Clement beim Arbeitszeitunternehmen Adecco oder Joschka Fischer und Ex-Kanzler Gerhard Schröder als Gaslobbyisten: Scheinbar mühelos ist der Umstieg, trotz aller ethischen Bedenken.

Für weniger prominente Abgeordnete sieht die Realität laut einer anonymen Umfrage der Personalberatung Kienbaum, über die der SPIEGEL bereits am Wochenende berichtet hat, anders aus: Fast 15 Prozent der Befragten, die bei der vorigen Wahl aus dem Bundestag ausgeschiedenen sind, waren fünf Monate später noch arbeitslos. Und für den Rest der Umfrageteilnehmer ziehen die Berater das Fazit: "Ein Bundestagsmandat ist kein Karrierebeschleuniger."

An der Befragung haben 47 Ex-Abgeordnete aller Fraktionen teilgenommen, 22 Prozent derer, die vergangenes Jahr aus dem Bundestag ausgeschieden sind. "Die berufliche Struktur der Studienteilnehmer ist dabei sehr ähnlich zu der Struktur aller Abgeordneten der Wahlperiode", sagen die Studienautoren. Selbst wenn man annimmt, dass manche erfolgreichere Ex-Parlamentarier eher teilgenommen haben, sind die Ergebnisse überraschend.

Neun Prozent geben an, eine freiwillige Auszeit zu nehmen - wie freiwillig die wirklich ist, lässt sich nicht überprüfen. Für etwa ein Viertel der Befragten ist das Ende der Bundestagszeit dagegen vergleichsweise unproblematisch: Sie sind im Ruhestand. 40 Prozent der Ex-Abgeordneten waren fünf Monate nach der Bundestagswahl freiberuflich oder selbständig, weitere 13 Prozent im eigenen Unternehmen tätig. Nur neun Prozent sind bei einem Privatunternehmen angestellt.

Öffentlicher Dienst ist kein Ort der Zuflucht

Auch der Annahme, dass der Öffentliche Dienst ein Abklingbecken für Parlamentarier sei, widerspricht die Studie: Nur 13 Prozent arbeiten nun im Öffentlichen Dienst, vor der Bundestagszeit waren es 33 Prozent. Einige davon haben allerdings inzwischen das Pensionsalter erreicht. Vor allem wenden sich viele von der Politik ab: Nur 6 Prozent sind überhaupt noch hauptberuflich politisch tätig.

Dazu passt, dass sie sich mehrheitlich über mangelnde Unterstützung bei der Jobsuche beklagen. Sie hätten sich etwas Hilfe gewünscht, etwa vom Bundestag, von der Fraktion oder ihrer Partei. Rund 40 Prozent haben ihren Anschlussjob durch Netzwerke innerhalb oder außerhalb der Politik gefunden. Thorsten Alsleben, Hauptstadt-Repräsentant von Kienbaum, fordert Karriere-Coachings für die Abgewählten: "In der Wirtschaft ist so etwas Standard, wenn Führungskräfte zwangsweise ausscheiden." Dabei hat er nicht nur sein eigenes Geschäft als Personalberater im Blick: Solche Coachings würden viel an Steuergeld sparen, weil bei einer schnelleren Jobvermittlung weniger Übergangsgelder gezahlt werden müssten, argumentiert er.

Zahlreiche Ex-Abgeordnete müssen derzeit beim Geld Abstriche machen. 20 Prozent bekommen weniger als 30.000 Euro - der deutsche Durchschnittsbruttolohn für Vollzeitbeschäftigte lag 2013 bei 40.000 Euro. Damit liegen sie nicht nur deutlich unter den Diäten, die sie gewohnt waren. Vor ihrer Zeit als MdB hatten nur 13 Prozent ein Jahreseinkommen unterhalb von 30.000 Euro. Hinzu kommt der Verzicht auf viele wertvolle Goodies, Dienst-Handys etwa, oder kostenlose Erste-Klasse-Fahrten im gesamten Netz der Deutschen Bahn.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, 15 Prozent der abgewählten Bundestagsabgeordneten seien arbeitslos. Tatsächlich sind es 15 Prozent der Befragten, an der Studie haben 22 Prozent der Betroffenen teilgenommen.

Mehr zum Thema im aktuellen SPIEGEL.

mamk



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
movfaltin 31.03.2014
1. 15 Prozent
Und inwiefern ist das jetzt anders als beim Bevölkerungsdurchschnitt? Da sind die Zahlen doch (wenn man die ganzen Bereinigungen herausnimmt) noch ein wenig höher! Ich selbst würde auch nie einen Landeslistenabgeordneten einstellen, allenfalls Direktmandatsträger. Letztere können was und sind engagiert.
politischerbeobachter2012 31.03.2014
2. 47 Teilnehmer...
... von mehr als 200 Betroffenen - das hat eine eher geringe statistische Aussagekraft.
klausbärbel 31.03.2014
3. Was sagt uns das?
Zitat von sysopDPAVielen Bundestagsabgeordneten, die im vergangenen Herbst abgewählt wurden, fällt die Rückkehr ins Berufsleben schwer. Wer einen Anschlussjob bekommen hat, muss oft finanzielle Einbußen hinnehmen. Etliche frühere Politiker sind gar arbeitslos. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/bundestag-15-prozent-der-ex-abgeordneten-sind-arbeitslos-a-961698.html
Viele Politiker sind Politiker geworden, weil sie in der freien Wirtschaft keine Chance haben.
Crom 31.03.2014
4.
Klar, alles Versager. *augenroll* Warum nicht auch Versagerinnen? Ist das Gendern dann plötzlich nicht mehr angesagt?
ewspapst 31.03.2014
5.
Zitat von sysopDPAVielen Bundestagsabgeordneten, die im vergangenen Herbst abgewählt wurden, fällt die Rückkehr ins Berufsleben schwer. Wer einen Anschlussjob bekommen hat, muss oft finanzielle Einbußen hinnehmen. Etliche frühere Politiker sind gar arbeitslos. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/bundestag-15-prozent-der-ex-abgeordneten-sind-arbeitslos-a-961698.html
Da sieht das Volk endlich, welche Nieten es sich als ihre eigenen Vertreter ausgewählt hat. Hartz IV Empfänger sind anscheinend besser geeignet, denn die werden ja ständig überprüft.
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