Burnout Raus aus der Opferrolle

Jogger an der Binnenalster: Laufen bringt die Dinge im Kopf in Bewegung
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Jogger an der Binnenalster: Laufen bringt die Dinge im Kopf in Bewegung

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2. Teil: Joggende Psychologin: "Sport verstoffwechselt psychische Probleme"


Die Münchner Psychologin Gabi Ingrassia, groß, blond und fröhlich, coacht Menschen sogar beim Walken oder Joggen. "Laufen beruhigt", sagt sie. In Bewegung könne man klarer denken, auch Unbehagen und Wutgefühle abbauen, ihre Coachees würden so gelassener. "Sport verstoffwechselt psychische Probleme, baut Stresshormone ab und entdramatisiert die Sorgen, über die man dabei spricht." Die Dinge kämen in Bewegung - buchstäblich.

Ingrassias Büro liegt in der Münchner Innenstadt, von dort läuft sie mit ihren Patienten an die Isar oder in den Englischen Garten. Zu ihr kommen Menschen, die unter Druck stehen. "Oft folgen sie einem unbewussten Mechanismus", erklärt sie, "sie versprechen sich eine Belohnung, rauchen, trinken, essen viel, all das sind Versuche der Entspannung, wenn auch ungesunde." Beim ersten Gespräch gilt es zu klären: "Wie tief sitzt jemand drin im Topf ? Wird er womöglich schon in heißem Wasser gekocht?" Leider gehöre es zum Erscheinungsbild gestresster Menschen, dass sie sich erst sehr spät um Hilfe kümmerten.

"Ich schaue, wie ausgeprägt ist die Erschöpfung - je nachdem rate ich erst mal zum Krankenstand." Was vielen nicht gefällt, denn Arbeit zu reduzieren mache Angst. Einige ihrer Klienten fänden es schon unvorstellbar, einmal die Woche zum Sport zu gehen, sie sorgten sich darum, von Kollegen schief angesehen zu werden, weil sie es wagten, sich mehr Zeit für private Belange zu nehmen. "Da heißt es dann, einen Strategie- Blumenstrauß aus Abgrenzung, Neinsagen, Zeitmanagement und Mini-Entspannungen systematisch einüben."

Psychische Reserven fürs Coaching

Burnout sei bereits vor zwölf Jahren ein Thema gewesen, so Ingrassia. Nur stelle sich das heutige Burnout-Bild anders dar, komplexer. Bedrängender sei die Lage am Arbeitsplatz, die Vorgesetzten erwarteten extreme Belastbarkeit, wer überfordert sei, werde schnell belächelt. Die Beraterin sieht in ihrer Praxis täglich, was Dauerstress mit Menschen macht: Sie fühlen sich bedroht, rutschen in Misstrauen, negatives Denken, schnell kommen Streitigkeiten in der Partnerschaft dazu. Kinder oder pflegebedürftige Eltern verschärften mitunter die Situation.

"Manche wollen eine Art therapeutisches Psychopharmakon, um den Druck am Arbeitsplatz noch besser auszuhalten. Ich halte es für besser, einen Plan B zu entwickeln. Selbst wenn es nur ein Plan bleibt, entspannt die Suche nach einem Ausweg sofort, gibt ein gutes Bauchgefühl und verhilft zu einer anderen mentalen Einstellung." Manchmal geht sie einen ganzen Tag wandern mit ihren Klienten, Blockcoaching nennt sie das. Dazu macht sie Yoga-, Qigong- und Achtsamkeitsübungen. "Nach innen gehen führt zu einem anderen, besseren Selbstbewusstsein."

Wer sich für ein Coaching anstatt länger andauernder Therapie entscheidet, sollte noch genügend physische und psychische Reserven haben und nicht schon kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Er müsse bereit sein umzudenken, sagt sie: "Nur dann gelingt es, etwas Neues, zum Beispiel eine Entspannungsübung, zu erlernen und sie dann konsequent in den Alltag zu integrieren."

Große Frage: Was macht mich so unzufrieden?

Die Fragen der Coachees ähneln sich: Was fehlt mir? Was macht mich so unzufrieden? Warum fühle ich mich so verzagt und traue mir nichts mehr zu? Das Gefühl dafür, was gut ist und was nicht, das Gespür für die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten ist abhandengekommen. Der Coach hört zu, fragt, gibt Anregungen, scheut sich mitunter auch nicht, einen Orts oder Jobwechsel anzuregen.

Lothar Seiwert ist ein gefragter Coach und vielfach ausgezeichneter Vortragsredner, er ist Co-Autor des Weltbestsellers "Simplify your life" und hat noch weitere Bücher verfasst. Sein Hauptthema: Lebens- und Zeitmanagement. "Was für den einen Stress ist, ist für den anderen gemütliche Routine", sagt er. Arbeit könne ja auch Spaß machen, aber wer mehr arbeitet oder ganz anders, als er eigentlich will, hat Stress. "Fremdbestimmung bedeutet fast immer Stress", sagt Seiwert.

Mit seinen Botschaften zieht er durch die Lande, er will Impulse geben und Hilfe zur Selbsthilfe. In den Gesprächen mit Leistungsträgern aus der Industrie und den Vorstandsetagen höre er oft Sätze wie: "Eigentlich wusste ich, dass ich kürzertreten muss, aber erst als ich auf der Intensivstation gelandet bin oder meine Frau mir die Rote Karte gezeigt hat, habe ich kapiert, dass ich was ändern muss." Was den Menschen heute am meisten fehlt, sei Zeit, Ruhe, Muße, glaubt Seiwert. "Das Arbeits- Erleben hat sich dramatisch verändert, wir sind inzwischen praktisch 'always on', der klassische Feierabend geht verloren, weil Chefs ihre Untergebenen mit Mails traktieren."



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janne2109 29.07.2012
1.
na prima, sind ja gute Aussichten für all die Arbeitslosen Coachs die so herumlaufen, Opferrolle ist mal das richtige Wort, genau das liegt aber an einem selbst, ob man sich als Opfer sieht oder nicht. Mein Gefühl sagt mir--- es laufen nur noch vermeintliche Opfer herum und das ist schon nicht mehr zu ertragen. Wir haben verlernt mit Problemen umzugehen und sehr viele sind hausgemacht.
spon-facebook-10000011612 29.07.2012
2. Coach oder Psychologe
Zitat von sysopDPAWer sich im Job gehetzt und überfordert fühlt, wünscht sich vor allem eins: Runter von der hohen Drehzahl. Ein Coach kann dabei helfen. Er sieht, was Betroffene selbst nicht sehen - gern auch beim gemeinsamen Joggen. Doch ohne Mithilfe geht es nicht. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,842267,00.html
Wenn man davon ausgeht, dass ein Burn Out eine Spezialform der Depression ist, dann kann ein Coaching nur beim Beginn des Burn Out unterstützen. Ansonsten braucht man professionelle Hilfe und keine Seelenmassage beim Joggen. Hauptproblem der heutigen Arbeitswelt ist der ständige Druck immer profitabler zu arbeiten und dem Aktionär eine immer höhere Eigenkapitalrendite zu gewähren, auch wenn das derzeit nicht mehr drin ist. Die Potenziale sind nämlich mittlerweile so ziemlich ausgelutscht. Hinter den Renditen stehen Vorstände und höhere Manager, die natürlich auch einen immer größeres Stück vom Kuchen abbekommen wollen. Die eigentliche Leistung wird von einfachen und mittleren Management und denjenigen erbracht, die die Waren und Dienstleistungen herstellen. Eine Zeitlang reichen innere Motivation und Geld und Status aus, um Leistung an dieser Stelle zu generieren, aber irgendwann ist einfach Schluß. Der Druck steigt und macht die Mitarbeiter krank. Die Folgekosten lassen sich derzeit nur schwer erfassen und spielen für ein Unternehmen erst dann eine Rolle, wenn signifikante Produkte und Dienstleistungen nicht mehr erbracht werden. Aber bis dahin wird immer weiter an der Schraube gedreht.
Kanzleramt 29.07.2012
3. Flickschusterei
Zitat von sysopDPAWer sich im Job gehetzt und überfordert fühlt, wünscht sich vor allem eins: Runter von der hohen Drehzahl. Ein Coach kann dabei helfen. Er sieht, was Betroffene selbst nicht sehen - gern auch beim gemeinsamen Joggen. Doch ohne Mithilfe geht es nicht. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,842267,00.html
Mich macht das wütend, sowas zu lesen. Ein echter Burnout ist eine Depression und kein "Accessoire" und auch kein "Prestigeobjekt". Deswegen muss man auch zu einem richtigen Psychologen, oder noch besser erstmal zum Psychiater! Und nicht zu einem Coach, der nur Flickschusterei betreibt. Das ist doch das ganz große Problem... diese Flickschusterei. Zum Coach gehen, um danach NOCH leistungsfähiger zu sein, Urlaub machen um NOCH leistungsfähiger zu sein, usw... Aber daran, WIE wir heute Arbeiten und Leben (ob man lebt um zu arbeiten, oder ob man arbeitet um zu leben), DAS wird nicht und niemals in Frage gestellt, das darf man nicht. Also betreiben wir eine unsägliche Flickschusterei, die auf lange Sicht noch alles schlimmer macht!
fagus 29.07.2012
4.
Zitat von sysopDPAWer sich im Job gehetzt und überfordert fühlt, wünscht sich vor allem eins: Runter von der hohen Drehzahl. Ein Coach kann dabei helfen. Er sieht, was Betroffene selbst nicht sehen - gern auch beim gemeinsamen Joggen. Doch ohne Mithilfe geht es nicht. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,842267,00.html
Früher hatte man Freunde, heute hat man nen Coach. Oder zwei, oder drei.
dr.jennings 29.07.2012
5. Sorry, ökonomischer Unfug
Zitat von spon-facebook-10000011612Wenn man davon ausgeht, dass ein Burn Out eine Spezialform der Depression ist, dann kann ein Coaching nur beim Beginn des Burn Out unterstützen. Ansonsten braucht man professionelle Hilfe und keine Seelenmassage beim Joggen. Hauptproblem der heutigen Arbeitswelt ist der ständige Druck immer profitabler zu arbeiten und dem Aktionär eine immer höhere Eigenkapitalrendite zu gewähren, auch wenn das derzeit nicht mehr drin ist. Die Potenziale sind nämlich mittlerweile so ziemlich ausgelutscht. Hinter den Renditen stehen Vorstände und höhere Manager, die natürlich auch einen immer größeres Stück vom Kuchen abbekommen wollen. Die eigentliche Leistung wird von einfachen und mittleren Management und denjenigen erbracht, die die Waren und Dienstleistungen herstellen. Eine Zeitlang reichen innere Motivation und Geld und Status aus, um Leistung an dieser Stelle zu generieren, aber irgendwann ist einfach Schluß. Der Druck steigt und macht die Mitarbeiter krank. Die Folgekosten lassen sich derzeit nur schwer erfassen und spielen für ein Unternehmen erst dann eine Rolle, wenn signifikante Produkte und Dienstleistungen nicht mehr erbracht werden. Aber bis dahin wird immer weiter an der Schraube gedreht.
Mir ist als Aktionär die Eigenkapitalrendite ziemlich wurscht. Wie aus dieser Kennzahl irgendjemand einen Wert ableiten kann, ist mir wirklich schleierhaft. Aber zur Sache: Das Hauptproblem der Burn Out Diskussion ist die Unschärfe der Begrifflichkeiten. Ob Antriebslosigkeit, Unlust, Unzufriedenheit, Perspektivelosigkeit bis eben auch hin zu handfesten Depressionen - alles ist irgendwie Burn Out. Erst wenn man nicht mehr erlaubt, dass sich jeder Hans Wurst mit dem Hinweis auf Burn Out seine Extra-Portion Mitleid/Aufmerksamkeit/Zuwendung erschwindelt, kann man anfangen, sich über den ganzen Themenkomplex mal ernsthaft auszutauschen. Dr. Jennings
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