Unser Mann in Cannes Die Löwen sind los

Der Tag der Entscheidung ist da: Die Juroren des Cannes-Festivals küren die Löwen-Gewinner. Abgestimmt wird per Handzeichen, immer und immer wieder. Sascha Hanke kommt beim Zählen gar nicht mehr mit. Und hebt als Deutscher lieber den linken Arm - wenn er nicht gerade vor der Tür warten muss.

Sascha Hanke

Jury-Tag fünf, Sonntag, 7.15 Uhr. Der Wecker klingelt. Meine Ohren auch. Noch immer hallen die Stimmen der Juryassistentin und des Jurypräsidenten nach, die mich den langen gestrigen Tag begleitet haben. Benommen, aber begeistert, schlendere ich zum Festivalpalast, denn heute geht's um alles: die Löwen.

In einem kleinen fensterlosen Raum suche ich meinen Platz. Die Sitzordnung ist festgelegt. Links von mir sitzt Kanada. Rechts von mir Indien. Die Abstimmung beginnt. Erneut wird jede einzelne Arbeit von der Shortlist angeschaut, diskutiert, verifiziert.

"Anybody wants to defend it? Shall we vote now? Ready? Hands up - who wants to give it a Gold? A Silver? A Bronze? Okay, it stays on the shortlist."

Die Abstimmung ist hart. Aber gerecht. Und erfolgt von oben nach unten. Gold zuerst.

Ich weiß nicht, wie oft im Laufe des Tages per Handzeichen abgestimmt wurde, aber wenigstens habe ich darauf geachtet, in dieser höchst internationalen Runde den linken Arm zu heben statt den rechten. Als Deutscher hat man so seine Komplexe.

Raustreten, es gibt was zu gewinnen

Ist eine Arbeit von einem selbst oder der Agentur, für die man arbeitet, muss man den Raum verlassen. Und darf erst wieder zurück, wenn die Jury abgestimmt hat. Nette Geste am Rande: Hat die Jury entschieden, die Arbeit mit einem Löwen zu prämieren, wird applaudiert, sobald man den Raum betritt. An der Intensität des Applauses lässt sich auch sofort erkennen, ob es Gold, Silber oder Bronze gibt.

Einer, der ständig vor die Tür geschickt wird, ist mein Kollege Koenraad Lefever von der Agentur Duval Guillaume Modem. Ein extrem sympathischer, kleiner Art Director aus Belgien. Er verantwortet zwei großartige Kampagnen:

Die viral enorm erfolgreiche TNT-Werbung "Push to add drama" und die sehr unterhaltsame "Biker"-Idee für die Biermarke Carlsberg: In einem Kinosaal in Brüssel sitzen etwa 150 furchteinflößend aussehende Biker, nur noch wenige Plätze sind frei - und die Karten regulär an mehrere Pärchen verkauft. Wer traut sich, Platz zu nehmen? Auch dieser Spot verbreitete sich schnell übers Internet. Beide Kampagnen werden von der Jury mit Lob überschüttet. Und zurecht mit Löwen ausgezeichnet: "Who wants to give it a Gold? Everybody? Okay. It's Gold."

Für uns Werber, so scheint es, ist ein Cannes-Löwe der gefühlte Werbenobelpreis. Sein wahrer Stellenwert zeigt sich allerdings, wenn man das Präfix "Werbe" mit denen der anderen Nobelpreise vergleicht: Physik, Chemie, Medizin, Literatur oder Frieden. Wenn es um die gesellschaftliche und globale Bedeutung unserer Arbeit geht, sehen wir Werber immer noch ziemlich blass aus.

Umso erfreulicher, dass wir mit dem Grand-Prix in der Kategorie "Promotion & Activation" in diesem Jahr nicht eine gewöhnliche Werbekampagne auszeichnen, sondern eine Idee, die ein ganzes Land bewegt und bereichtert hat: "Small Business Saturday" von Crispin, Porter + Bogusky im Auftrag von American Express.

Dahinter verbirgt sich ein Einkaufstag, der speziell für kleine und mittelständische Firmen und Geschäfte ins Leben gerufen wurde, um die marode amerikanische Wirtschaft anzukurbeln. Ein gigantischer Erfolg, ein Schulterschluss des Mittelstands und der kleinen Leute, mittlerweile vom Kongress fest verankert. Und von Präsident Obama geadelt. Ein herausragendes Beispiel dafür, dass es sich lohnt, ruhig öfter mal das Spielfeld der Kommunikation zu verlassen und größer und grenzenloser zu denken.

"That's it. Finish!" ruft unserer Jurypräsident Nick Worthington plötzlich. Und tatsächlich: Die Löwen sind verteilt. Es ist kurz vor Mitternacht. Wir bestellen noch schnell ein paar Baguettes und stoßen auf die vergangenen fünf Jurytage an.

Cannes ist done. Fertig bin auch ich: übermüdet, aber überglücklich, dass ich die vergangenen fünf Tage erleben durfte. Und dass ich noch hierbleiben darf, als Zuschauer.

Zum Autor

Sascha Hanke, 37, ist Executive Creative Director bei Kolle Rebbe und verantwortet gemeinsam mit Stefan Kolle und Stefan Wübbe die Arbeit der fast 300 Mitarbeiter starken Werbeagentur. Zuvor arbeitete er zehn Jahre lang bei Jung von Matt. Hanke hat schon säckeweise Medaillen bei deutschen und internationalen Wettbewerben abgeräumt, auch zehn Cannes-Löwen und 2011 den einzigen für Deutschland in der "Integrated"-Königsdisziplin für Kampagnen in neuen und alten Medien (mit einem Spot für das Konzerthaus Dortmund).

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