Unser Mann in Cannes "Nett ist die kleine Schwester von Scheiße"

Der Festivalleiter warnt: Cannes ist kein Picknick. Arbeiten müssen die Juroren schon. 600 Filme sichtet Sascha Hanke bei der Weltmeisterschaft der Werbung, auf der Suche nach mehr als nur netten Kandidaten für die Löwen-Trophäe. Und beobachtet schon morgens Pierce Brosnan beim Dreh.

Sascha Hanke

"Wann können wir denn mit den ersten Ergebnissen aus Cannes rechnen? Wann? Wa-ha-ann??" Die Frage legt sich schon seit Tagen wie kochend heißer Wasserdampf auf die großformatigen Brillen von Deutschlands Werbern. Und in der Tat:

Heute ist es soweit.

Montagabend um 19.30 Uhr werden die ersten Löwen des Cannes-Festivals verliehen. In den Kategorien "Promo & Activation", "PR" und "Direct" (Direkt-Marketing). Die Award-Gala wird wie jedes Jahr pompös pornös. Nervös bin ich nicht. Ganz im Gegenteil. Die Brille ist geputzt. Das schwarze Werberhemd liegt bereit. Wie pour moi gemacht, denke ich und knöpfe es zu. Leger, versteht sich.

Aber halt, nicht so schnell. Denn das Spannende liegt nicht vor mir, sondern hinter mir. Zeitsprung: letzte Woche, Dienstag, 12. Juni. Terry Savage, Executive Chairman des Cannes-Festivals, begrüßt meine Jury-Kollegen und mich im feudalen Ritz Carlton Hotel. "Cannes is no picnic", sagt er. Alle lachen. Aber nicht mehr lange

Am nächsten Morgen um Schlag 8.30 Uhr geht es los. Auf dem Weg vom Hotel zum Festivalpalast, den man der Morgensonne wegen auf der Croisette absolviert, sehe ich plötzlich Pierce Brosnan auf einem Filmset direkt vor dem Eingang des Ritz Carlton stehen. Er steigt aus einem Auto - "Schnitt! Cut! Ende!" Der Regisseur ist unzufrieden, fuchtelt mit den Armen. Ein Fan bittet Mr. Bond um ein Autogramm. Brosnan gibt ihm eins, guckt aber leicht angewidert. Lady Gaga liebt ihre kleinen Monster wenigstens.

Ein nur netter Beitrag reicht nicht

Meine Jury, die "Promo & Activation"-Jury, besteht aus 25 Juroren. Eingeflogen aus aller Welt. Kein Zweifel: Cannes ist total international. Und das ist auch gut so. Aber dazu später mehr.

Für die kommenden drei Tage werden unter der Aufsicht von Festival-Chef Phil Thomas fünf Unterjurys mit je fünf Juroren gebildet. Jeden Tag neu. Damit sich keine Allianzen bilden, keine Grüppchen, die sich gegenseitig absprechen und womöglich das Juryergebnis verfälschen könnten. Ich will nicht ausschließen, dass Absprachen unter den Juroren in Cannes möglich sind; verglichen mit anderen Kreativwettbewerben geht es hier aber überwiegend fair zu. Jeder Juror - das merkt man sofort - sitzt hier, weil er großartige Ideen über alles liebt. Weil er an sie glaubt. Sie blitzschnell erkennt und wie ein Trüffelschwein aufspüren kann. Weil er für gute Ideen jederzeit sterben würde.

Draußen bauen mehrere hundert Arbeiter und Helfer in gleißender Mittagshitze die VIP-Zelte und Sponsoren-Lounges für die Festivalwoche auf. Überall wird gehämmert, getackert, geklebt. Der Festivalzirkus läuft sich langsam warm.

"Skip!", "Next!", "Move on!". Unruhig sind wir. Das gute Zeug wollen wir sehen. Uns nicht von Mittelmass langweilen lassen. Eine Arbeit, die nur nett ist, reicht uns nicht. Nett, das ist die kleine Schwester von Scheiße, wusste ja schon Dieter Bohlen. Also, wo sind sie, die Löwen?

Allemagne, neuf points?

An den kommenden drei Tagen bewerte ich zunächst 600 der knapp 2400 eingereichten Casefilme. Das passiert durch Eingabe von Punkten mittels Samsung-Tablets und PDAs. 1-3 Punkte = nicht auf der Shortlist, 4-6 Punkte = vielleicht auf der Shortlist, 7-9 Punkte = definitiv auf der Shortlist. Eurovisions-Feeling. Allemagne, neuf points?

Casefilm, das ist der in der Werbebranche übliche Ausdruck für einen Wettbewerbsbeitrag, also die filmische Aufbereitung einer Werbekampagne. Diese Filme sind mittlerweile so kreativ, liebevoll und professionell umgesetzt wie die Kampagnen, die sie dokumentieren sollen. Mit einer Länge von zwei bis drei Minuten pro Film und der optionalen Begutachtung einer zusätzlichen physischen Aufbereitung (Werbesprache "Pappe", englisch "Board") kann sich das pro Arbeit durchaus auf sechs bis acht Minuten ausdehnen.

Will man die anderen Jury-Mitglieder ärgern, ruft man nach einem eindeutig langweiligen Casefilm einfach "Can I see the board?" und verschleppt so die Jurysitzung. Was nur die ersten Male komisch ist, von einem lateinamerikanischen Juror-Scherzkeks aber bis zum Exzess wiederholt wird.

Japanischer Musik-Trash lässt Ohren bluten

Die Jury-Kritierien setzen sich aus vier Punkten zusammen: "Creativity" (30 Prozent), "Strategy" (20 Prozent), "Execution" (20 Prozent) und "Results" (30 Prozent). Also der kreativen Grundidee, der Strategie dahinter, der handwerklichen Umsetzung und der Effizienz. Sprich: Hat's was gebracht?

Und das ist einzigartig. Während viele andere Wettbewerbe nur Idee und Umsetzung beurteilen, muss es in Cannes schon etwas mehr sein. Vor allem verständlich. Engländer kennen nun mal andere Sprichwörter als Chinesen. Ein Beispiel: "Eselsohr", eine umgeknickte Seite, heißt in Indien "Hundeohr". Wir haben eine halbe Ewigkeit gebraucht, um das herauszufinden und den Casefilm, der auf Hundeohren, also Eselsohren basierte, zu verstehen. I-aaa!

Japanische Casefilme haben es übrigens schwer. Schon die ausgewählte Musik ist meist so unerträglich trashig, dass manche Juroren beim Angucken schmerzerfüllt ihr Gesicht verzerren. Außerdem sind die Japaner durch ihre kulturelle Prägung eher höflich und zurückhaltend. Arbeiten, die in Cannes gewinnen, müssen hingegen möglichst schnell auf den Punkt kommen. Spezielle Studien meines Freundes Armin Jochum zu diesem Thema ergaben, dass ein Juror bereits in den ersten 25 Sekunden entscheidet, ob er eine Arbeit gut findet oder nicht. Mon Dieu! Es kommt also auf jede Sekunde an.

Tick.
Wieder eine um.


  • Zum Autor

Sascha Hanke, 37, ist Executive Creative Director bei Kolle Rebbe und verantwortet gemeinsam mit Stefan Kolle und Stefan Wübbe die Arbeit der fast 300 Mitarbeiter starken Werbeagentur. Zuvor arbeitete er zehn Jahre lang bei Jung von Matt. Hanke hat schon säckeweise Medaillen bei deutschen und internationalen Wettbewerben abgeräumt, auch zehn Cannes-Löwen und 2011 den einzigen für Deutschland in der "Integrated"-Königsdisziplin für Kampagnen in neuen und alten Medien (mit einem Spot für das Konzerthaus Dortmund).

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Seite 1
rolf.piper 18.06.2012
1.
Zitat von sysopREUTERSDer Festivalleiter warnt: Cannes ist kein Picknick. Arbeiten müssen die Juroren schon. 600 Filme sichtet Sascha Hanke bei der Weltmeisterschaft der Werbung, auf der Suche nach mehr als nur netten Kandidaten für die Löwen-Trophäe. Und beobachtet schon morgens Pierce Brosnan beim Dreh. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,839556,00.html
das einzige, was man dazu sagen kann,ist, dass der Autor geistigen Diebstahl begeht, das Zitat " Nett ist die kleine Schwester von Scheiße" stammt vom Kaberettisten Hagen Reeder
jens-o-mat 18.06.2012
2. Selbstbeweihräucherei
"Weil er für gute Ideen jederzeit sterben würde." Auf der ganzen Welt sterben jederzeit Leute für gute Ideen wie z. B. Demokratie. In meinem beruflichen und privaten Umfeld habe ich aber noch nie jemanden für eine gute Werbe-Idee sterben gesehen oder auch nur davon gehört. Diese ständige Überhöhung des eigenen Berufsbilds nervt mich schon lange. Als ob ein hoffentlich interessanter und gut bezahlter Job nicht ausreicht - nein, es muss noch Drama rein. Und am Ende zahlt alles der Kunde.
eduardschulz 19.06.2012
3.
Zitat von sysopREUTERSDer Festivalleiter warnt: Cannes ist kein Picknick. Arbeiten müssen die Juroren schon. 600 Filme sichtet Sascha Hanke bei der Weltmeisterschaft der Werbung, auf der Suche nach mehr als nur netten Kandidaten für die Löwen-Trophäe. Und beobachtet schon morgens Pierce Brosnan beim Dreh. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,839556,00.html
Beim Wort Marketing fällt mir sofort wieder dieses Video auf Youtube ein. Virales Marketing im Todesstern Stuttgart - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=uF2djJcPO2A) Der Verursacher dieser Verballhornung sagt von sich übrigens, er sei selbst Werber.
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