Werbefestival in Cannes Partyreigen zur Weltverbesserung

Interaktive T-Shirts und Mode aus Plastikmüll: Am Samstag endete das Werbefestival in Cannes mit überraschenden Siegern. Juror Stefan Kolle über eine feierlaunige Branche, die sich zutraut, die Krankenhäuser der Zukunft zu entwerfen.

Kolle Rebbe

Dieses Jahr bin ich zum ersten Mal mit dem Bus vom Flughafen Nizza nach Cannes gefahren. Taxis gab es nicht, weil die Taxifahrer auch hier wegen Uber streikten, der App, mit der man Menschen finden kann, die einen im Wagen mitnehmen. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Denn nach dem Streik kutschierten die Taxifahrer beim Cannes Lions Festival wieder hunderte jener Menschen durch die Gegend, die sich unter anderem genau solche innovativen Apps ausdenken (und nicht im Hotel wohnen, sondern sich mit der Airbnb-App ein günstiges Apartment gemietet haben).

Die Cannes Lions sind kein reines Werbefestival mehr, sondern ein Schaulaufen der gesamten Kreativwirtschaft - inklusive der angesagten Player des Silicon Valley, von Google über Spotify bis Tumblr. Diese Mixtur aus Kreativität und Technologie macht das Festival heute aus. Deshalb arbeiten in Agenturen längst nicht mehr nur Grafiker und Texter, sondern immer mehr Entwickler, App-Programmierer und Technik-Nerds.

Das T-Shirt misst die Herzfrequenz

Der innovativ denkende Nachwuchs wird in Cannes gezielt gefördert. Die "Future Lions" zeichnen Charity-Ideen von Nachwuchskreativen aus, die sich einer Technologie bedienen, die fünf Jahre zuvor noch nicht existierte. Sieger in diesem Jahr: Ein T-Shirt, das die Herzfrequenz herzkranker Kinder an Eltern und Ärzte überträgt.

Auf einem Vortrag der japanischen Agentur Hakuhodo zur Frage, was eine Agentur in zehn Jahren wohl macht, wurde berichtet, dass eben diese Agentur gerade das perfekte Krankenhaus baut. Werber sind doch immer für eine Überraschung gut.

Das zeigt sich auch an den Gewinnern. Der Grand Prix in der Kategorie "Produktdesign" ging an die Jeansmarke G-Star Raw. Sie hat eine Kollektion herausgebracht, die zu einem Drittel aus recyceltem Plastikmüll besteht - Plastikmüll, der aus den Weltmeeren gefischt wurde.

Ebenfalls zu den Gewinnern zählte die U.S. Air Force, die mit ihrem "Collaboratory" eine offene Web-Plattform geschaffen hat, auf der Wissenschaftler und Studenten gemeinsam an Projekten arbeiten können - zum Beispiel an Robotern, die Verletzte aus Krisengebieten bergen.

Das "Project Daniel" gewann mit einer Idee, die einen Technik-Hype sinnvoll nutzt. Es ermöglicht den Menschen in afrikanischen Kriegsgebieten, vor Ort selbst Armprothesen für Kriegsopfer in 3D auszudrucken. Für kleines Geld.

Terre des Hommes Holland gewann in der Kategorie Cyber mit der Kampagne "Sweetie": Der digitale Avatar eines elfjährigen asiatischen Mädchens surfte als Köder für Online-Sex-Touristen durch einschlägige Foren. Das Ergebnis: mehrere Anzeigen und Festnahmen weltweit. Und PR gegen diese Art des Kindesmissbrauchs im Wert vieler Millionen Euro.

Bei Cases wie "Sweetie" oder "Project Daniel" für Menschenrechtsorganisationen wird innovative Technik für einen guten Zweck eingesetzt. Im Falle von G-Star Raw und der U.S. Air Force geht es vordergründig darum, Lösungen für drängende Fragen zu finden. Doch dahinter steht natürlich auch das Ziel, sich als Absender der Aktion besonders innovativ, zukunftszugewandt und kreativ darzustellen.

Werbung, die sich nicht wie Werbung anfühlt

Vor allem geht es um Werbung, die sich nicht wie Werbung anfühlt, sondern Gespräche anstößt - besonders im Social Web. Woraus sich der Zwang ergibt, um jeden Preis aufzufallen und relevant zu werden: Je berührender, involvierender und vor allem überraschender Marken, Produkte und Kampagnen inszeniert werden, desto höher die Erfolgschance, Gehör zu finden.

Das funktioniert übrigens nicht nur mit Weltverbesserer-Werbung. Die am häufigsten ausgezeichnete Kampagne, "I spent it on myself" von Harvey Nichols, spielt mit rein egoistischen Motiven. Ein brillanter Blickwinkel, der Menschen genauso bewegt, Gutes zu tun.

Gestern wurde dann schließlich der Innovations-Lion verliehen. Und der ging nicht an Werber, sondern an den Londoner Architekten Asif Khan. Seine kinetische Installation "Megafaces" für das russische Mobilfunkunternehmen Megafon, hat bei der Olympiade in Sotchi Selfies in gigantische 3-D-Reliefs umgewandelt.

Gute Aussichten also für alle, die sich mit solchen Technologien befassen: Für sie stehen in der Kreativwirtschaft die Türen offen. Kann allerdings sein, dass sie nicht immer ein Taxi bekommen, wenn sie eins brauchen. Zum Beispiel am Flughafen von Nizza, nächstes Jahr auf dem Weg zum Cannes-Festival der Kreativität.

Zur Person
  • Kolle Rebbe
    Stefan Kolle ist Gründer und Geschäftsführer von Kolle Rebbe in Hamburg. Die Agentur betreut mit knapp 270 Mitarbeitern Kunden wie Lufthansa, Google oder Ritter Sport. Dieses Jahr ist er zum zweiten Mal in die Cannes-Jury berufen worden - nachdem er selbst schon viele goldene Löwen gewonnen hat.



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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Palisander 22.06.2014
1. Die Werbeindustrie
entdeckt ihr Gewissen. Im Fälle von Gstar wäre es interessant zu erfahren, wie die Produktion stattfindet. Vor allem unter welchen Bedingungen. Der zynische Unterton ist mal wieder fehl am Platz.
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