Kreativfestival in Cannes Muss denn Bierwerbung schrecklich sein?

Jetzt wird gesichtet, geredet und gewütet: Beim Werbefestival in Cannes tagen die Juroren. Stefan Kolle staunt über vernetzte Werbeflächen und Wutausbrüche der Jurykollegen - und hofft, dass Schämen schlau macht.

Kolle Rebbe

"Revolutionen beginnen auf der Straße und nicht im Fernsehen", sagte am Dienstag jemand in einer Jurysitzung. Das bezog sich allerdings nicht auf den Maidan oder den Arabischen Frühling, sondern auf die "Outdoor"-Arbeiten, die wir in unserer Jury zu bewerten hatten. "Outdoor" ist so ziemlich jede Werbung, die draußen stattfindet - ein riesiges Spielfeld für kreative Ideen.

Meine bisherige Bilanz:

  • Zunehmend entstehen vernetzte Werbeflächen, die auf ihre Umgebung reagieren, wie ein Beispiel von British Airways zeigt.

  • Nirgends wird so viel innovative Technik auf verblüffende Weise genutzt wie in dieser Kategorie. Ein klassisches Plakat wirkt dagegen schon fast wie aus der Steinzeit.

Natürlich gibt es trotz des hohen Niveaus der Einsendungen immer wieder Ausreißer nach unten, und vieles, was man hier sieht, hat nichts mit der tristen Realität im Werbeblock zu tun. Zwar schickt niemand ein Schokoriegel-Plakat der Kategorie "Hmmm, lecker und aus 47 Cerealien!" ein, doch manche Einsendung hat immerhin zu Recht unterhaltsamen Wutausbrüchen eines amerikanischen Jurykollegen geführt: "I saw it on bullshit.com! I hate it! It makes me so angry!!!"

Vielleicht lohnt sich ein Besuch in Cannes schon allein dafür: Wer einmal sieht, wie armselig beispielsweise deutsche Bierwerbung im internationalen Wettbewerb wirkt, der traut sich in Zukunft vielleicht mehr. Und sei es nur aus Scham.

2500 Euro für eine Woche Training

Damit die Zahl derer weiter zunimmt, die außerhalb klassischer Medien innovativ denken können, fördert das Cannes Festival gezielt den Nachwuchs. Beim Förderprogramm "Young Lions" steht auf dem Stundenplan neben Teamführung und wirksamer Mediaplanung auch die Frage, wie man innovatives Denken in die Köpfe einpflanzen und eine Atmosphäre "kreativen Muts" kreieren kann. Dahinter steckt natürlich auch eine ordentliche Portion Eigennutz. Um im Löwen-Bild zu bleiben: Die Aufzuchtstation für Jungtiere hält den Zoo lebendig.

Wie alles in Cannes ist das Förderprogramm hochklassig - und teuer. Rund 2500 Euro kostet das einwöchige Training. Gemessen an den Tagestarifen, die für Managementseminare aufgerufen werden, ist das nicht besonders viel, für einen Hochschulabsolventen ohne reiche Verwandtschaft oder freundlichen Arbeitgeber aber unbezahlbar. Doch es gibt Hintertüren: Für fünf Stipendien eines Festival-Sponsors kann man sich im Vorfeld bewerben. Und es gibt den "Young Lions"-Workshop, für den sich junge Kreativteams in einer nationalen Vorentscheidung qualifizieren können, um dann in Cannes gegeneinander anzutreten.

In der Sparte "Design" hat bei diesem Wettbewerb ein Team aus unserer Agentur gewonnen: Steffi Golla und Dominique Winkel sind hier am Montag für Deutschland angetreten. Unabhängig vom Wettbewerb sind sie nachhaltig beeindruckt. "Man trifft nirgendwo so viele Kreative wie hier in Cannes", sagt Steffi Golla. "Und man kann sich mit Menschen aus der ganzen Welt austauschen, die alle auch in Agenturen arbeiten."

Fußball verbindet

Nach dem Wettbewerb haben sich die beiden mit den Kollegen aus Portugal das WM-Spiel angesehen: "Nach 90 Minuten waren wir nach Lissabon eingeladen", erzählt Golla. "Das ist schon echt toll. Mal gucken, was sich daraus entwickelt."

Noch drei vollgestopfte Tage Cannes liegen vor uns. Am "Brazil Day" wird ausgeleuchtet werden, wohin sich der Zukunftsmarkt Südamerikas kreativ entwickelt. Astrophysiker Neil de Grasse spricht über kosmische Fragen und Kreativität, DJ Carl Craig über den Neustart seiner bankrotten Heimatstadt Detroit. Und am Samstag findet vor der großen Schlussgala der "Innovation Day" statt.

Eine geballte Ladung Inspiration und Wissen, die dieses Jahr auch 3000 Kunden angelockt hat. Auch sie wollen lernen, wie sie kreativer werden können. Kein Wunder, dass Unternehmen wie Google, tumblr und Facebook (die alle auch nur von Werbung leben) den Großteil des Strandes gemietet haben, um genau diese Kunden in entspannter Atmosphäre aufzuschlauen. In ihrem Sinne, versteht sich.

Zur Person
  • Kolle Rebbe
    Stefan Kolle ist Gründer und Geschäftsführer von Kolle Rebbe in Hamburg. Die Agentur betreut mit knapp 270 Mitarbeitern Kunden wie Lufthansa, Google oder Ritter Sport. Dieses Jahr ist er zum zweiten Mal in die Cannes-Jury berufen worden - nachdem er selbst schon viele goldene Löwen gewonnen hat.



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insgesamt 4 Beiträge
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redbayer 19.06.2014
1. Outdoor advertising - na klar
kann man alles und überall werblich nutzen, um die Aufmerksamkeit zu binden, nicht nur am Bildschirm im Internet. Da wartet der sprechende Stein oder die singende Pflanze am Parkrand, um die Werbebotschaft zu überbringen, der Knallfrosch oder das Sauriertrampeln aus dem Kanaldeckel, um die Leute mit Schreck in den nächsten McDonalds zu treiben oder eben nur das duftende Plakat mit Brötchen, um dem nächsten Bäcker mehr Umsatz zu bescheren. Trotzdem bleibt das Dilemma zu überwinden, wie die erregte Aufmerksamkeit in einen Kauf- & Bezahlwunsch zu transformieren ist. Da lohnt es sich mehr in Manipulationstechniken zu investieren, also das was Geheimdienste und Totalüberwacher wie die NSA inzwischen in größerem Maß praktizieren (siehe Europapolitik). Ein weites Feld für innovative Werbung.
michaelXXLF 19.06.2014
2.
Deutsche Bierwerbung ist genauso kreativ wie das Produkt, das sie bewirbt.
tuscreen 19.06.2014
3. optional
Man möge mich zynisch nennen, aber Werbung ist zu 99,999999 % mittlerweile einfach nur durchschaubar. Das gilt auch für die Reklame der Agentur des Artikelagenturen, auf deren Website ich mich grade mal umgeschaut hab. Ich blende diese großflächigen Werbeplakate mittlerweile im Stadtbild völlig aus; Fernsehwerbung wird durch Timeshift umgangen, und auf den meisten Websites ist mein Adblocker aktiv. Ich habe nicht das Gefühl, dadurch irgendwelche tollen kreativen Ergüsse zu verpassen.
spon-facebook-10000023740 24.06.2014
4. Soviel zu den Hintergründen so machner Kampagnen
Die W&V featured online eine Kampagne von Ogilvy & Mather Dubai mit dem Titel “Ogilvy entlarvt mit Google Search weltweiten Sexismus” und zitiert Christopher Hunt (Head of Art bei Ogilvy & Mather Dubai) mit den Worten: “”Diese Kampagne nutzt die größte und beliebteste Suchmaschine der Welt, um zu zeigen, dass die Ungleichbehandlung von Geschlechtern ein weltweites Problem ist.” Super Anliegen (http://www.unwomen.org), aber eine Kampagne, die nicht mit Fakten sondern mit viel Fantasie arbeitet --> http://www.agentur-gerhard.de/ogilvy-entlarvt-gar-nichts/
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