Kreativfestival in Cannes Springbreak der Werbung

Auf dem Werbefestival in Cannes kann man sehr viel Rosé vor einer sehr schönen Kulisse trinken. Wer die Augen noch aufbekommt, kann erkennen, wie rapide sich der Werberjob ändert, schreibt Cannes-Juror Stefan Kolle. Und zeigt seine Lieblingsvideos.

Cannes 2013: Trinke ich lieber den Chablis aus, oder gehe ich zu einem Vortrag?
AP/dpa

Cannes 2013: Trinke ich lieber den Chablis aus, oder gehe ich zu einem Vortrag?


Die Olympiade der Werber. Das wäre noch vor ein paar Jahren die Überschrift für diese Geschichte gewesen. Klingt nach lustigen Werbefilmen, flotten Sprüchen und Champagnerorgien an der Croisette. Das mit den Champagnerorgien stimmt zwar noch. Aber Werber wollen heute nicht mehr Werber heißen.

Das liegt zum einen daran, dass Werbeleute im Ranking der angesehensten Berufe ganz hinten zu finden sind, noch hinter Versicherungsvertretern und Maklern. Außerdem hat das Wort Werbung mittlerweile so viel Patina angesetzt wie das Wort Reklame. Vor allem aber beschreibt es kaum mehr, was in der Welt der Kommunikationsindustrie heute passiert.

In Cannes geht es immer noch um Werbung, aber eben auch um neue Produkte, um interaktive Installationen, um Design, um Technologie, und um digitale Innovationen. Kein Wunder, dass sich das Festival in Cannes umbenannt hat. Statt Advertising Festival heißt es seit 2011 Festival of Creativity. Kreativität ist nicht nur rundum positiv besetzt. Kreativität ist auch das, was außergewöhnliche Kommunikation von normaler Werbung abhebt.

Die einen sagen, Cannes sei das wichtigste Festival seiner Art, die anderen sagen, es ist der Springbreak für Werber. Recht haben beide. Man könnte auch in der Rubrik "Leute" über das Festival berichten, denn ab Sonntag gibt sich auf der Croisette eine Menge Prominenz die Klinke in die Hand, darunter zahllose Lenker und Denker der Weltwirtschaft.

Das wird spannend: Wann sonst hat man die Chance, Hunderte von CEOs, CMOs, CCOs und andere Dreikürzel-Direktoren wie Facebooks Sheryl Sandberg und Yahoos Marissa Mayer auf einmal zu erleben? Und zwar nicht nur von Weitem auf irgendeiner Jacht, sondern von Angesicht zu Angesicht. Coca- und Pepsi-Cola, McDonalds, Microsoft, Google, Sony, Samsung, Mondelez, Heineken, Twitter - die besten Köpfe der größten Marken der Welt plaudern auf unzähligen Vorträgen, Workshops und Panels aus dem Nähkästchen.

Lou Reed: "Ich masturbiere täglich"

Als Erstes lernt man deshalb in Cannes, Prioritäten zu setzen - sollte ich diese Flasche Rosé noch schnell leer trinken, oder geh ich morgen früh lieber einigermaßen aufnahmefähig zum Talk von Jared Leto?

Auch als Jurymitglied lernt man. Zum Beispiel Durchalten. In meiner Jury für den Bereich "Outdoor" (nur zum Verständnis: Outdoor ist so ziemlich jede Werbung, die nicht zu Hause stattfindet, zum Beispiel Plakate, digitale Werbeflächen, Installationen) bewerten wir gerade mit Kreativen aus 17 Ländern rund 5700 Arbeiten, das ist die größte aller Kategorien. Insgesamt wurden dieses Jahr über 37.500 Arbeiten aus rund 90 Ländern eingesendet - in rund 400 Kategorien und Unterkategorien, von Branded Content über Product Design bis hin zum besten Casting in einem Werbefilm.

Nie zuvor gab es in Cannes mehr Kategorien und mehr Einsendungen. Neu dabei sind dieses Jahr Albanien, San Marino und Ghana. Sie steigen in die Arena, um sich mit den Einsendekönigen aus den USA, Brasilien, England und Deutschland zu messen. Und wollen, wie alle, am Ende die begehrteste Auszeichnung gewinnen, die ein Werber in seinem Leben ergattern kann - einen Cannes-Löwen, am besten in Gold. Gold gibt es übrigens auch für die Veranstalter, den Emap Verlag in London. Denn pro Einsendung zahlen die Agenturen im Schnitt 600 Dollar - das beschert den geschäftstüchtigen Cannes-Organisatoren, die noch weitere Festivals betreiben, über 20 Millionen Umsatz.

Auch von Künstlern kann man in Cannes lernen - vielleicht ein Ansporn für alle, die schon im Studium alle Marketing-Standardwerke gelesen haben, und für einen Talk mit dem Worldwide Media Chef von Procter & Gamble keinen Chablis stehen lassen würden. In diesem Jahr spricht Musikproduzenten-Legende Arthur Baker über Kunst und Kommerz, Regisseur Spike Jonze über Technik als Mittel des Geschichtenerzählens, Sarah Jessica Parker über "Fashion, Sex, Celebrity & Character", "Game Of Thrones"-Drehbuchautor David Benioff über Storytelling und Apple-Designer Johnatan Ive spricht mit Bono über - nun, vermutlich über Bono. Um nur einige zu nennen.

Auch die Ausstellung aller eingereichten Arbeiten ist für alle einen Besuch wert, die einen Job in Marketing, PR oder Werbung haben oder anpeilen. Nirgends bekommt man einen besseren Überblick über das, was weltweit kreative und technische Standards setzt. Schließlich liegt zwischen "kreativ kommunizieren wollen" und "tatsächlich kreativ kommunizieren" im Alltag oft ein tiefer Graben. Das Cannes Lions Festival kann helfen, diesen Graben zu überwinden. So, wie jede Fußballweltmeisterschaft auch die E-Jugend des Dorfvereins anspornt.

Lernen kann man auch etwas über Hypes. Seit Wochen geistern Listen mit den sicheren Anwärtern auf einen Cannes-Löwen durchs Netz und reden die Favoriten heiß. Es gibt ganze Pinterest-Boards, auf denen alle aussichtsreichen Kandidaten versammelt sind. Meine vier Tops der heiß gehandelten Gewinner finden Sie auf dieser Artikelseite.

Welche Arbeiten dann am Ende das Rennen tatsächlich machen, werden wir in einer Woche wissen. Dazwischen liegen sechs Tage, randvoll mit Veranstaltungen und Begegnungen.

Unvergessen der Auftritt des Musikers Lou Reed, der letztes Jahr schlecht gelaunt vor seinen Zuhörern saß und seinem Interviewer auf die zugegebenermaßen blöde Frage, wie er denn kreativ bleibe, antwortete: "Ich masturbiere täglich."

Zur Person
  • Kolle Rebbe
    Stefan Kolle ist Gründer und Geschäftsführer von Kolle Rebbe in Hamburg. Die Agentur betreut mit knapp 270 Mitarbeitern Kunden wie Lufthansa, Google oder Ritter Sport. Dieses Jahr ist er zum zweiten Mal in die Cannes-Jury berufen worden - nachdem er selbst schon viele goldene Löwen gewonnen hat.



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
kommodenmaus 15.06.2014
1. Abwärts mit Gebrüll
Jetzt bekomme ich eine Ahnung, warum es mit der Werbung kreativ immer weiter abwärts geht - die niveaulosen, favorisierten Beiträge des Chefjuroren sagen alles. Wenn sich die Leute daran tatsächlich orientieren, kann es nur noch schlimmer kommen!
erdlingleser 16.06.2014
2. Warum...
....soll es denn so blöd gewesen sein zu fragen, wie der Künstler kreativ bleibt? Sicherlich viele, wenn nicht die meisten aller kreativ Tätigen, die nicht regelmässig koksen, schnupfen, saufen oder einfach einen billgen Praktikanten als Ideenlieferanten einstellen können, interessiert es durchaus zu wissen, wie jemand vom Schlag eines Reed in den Flow kommt. Und die Antwort war ja auch durchaus ermutigend ;)
albert schulz 16.06.2014
3. Nichts Neues von der Luftblase Werbung
Zitat von kommodenmausJetzt bekomme ich eine Ahnung, warum es mit der Werbung kreativ immer weiter abwärts geht - die niveaulosen, favorisierten Beiträge des Chefjuroren sagen alles. Wenn sich die Leute daran tatsächlich orientieren, kann es nur noch schlimmer kommen!
Vor allem an seinem nichtssagenden Artikel. Was sollte man an dem schmalbrüstigen Artikel denn diskutieren ? Man findet nur hohle Worte. Lieblingsvideos erinnern mich unwillkürlich an Diaabende. Das kann man sich antun, wenn man vor Langeweile zu bersten droht. Werbung ist heute reine Routine, alle Tricks gab es schon mal, sie sind bekannt, genauso wie ihre Wirkung. Mir ist es unerfindlich, daß darauf noch jemand reagiert, zumal sämtliche Medien vor Schleichwerbung platzen. Miserable Schleichwerbung im Regelfall, die jeder Trottel durchschauen kann. Und Werbung für Werbung ist so ziemlich das Allerletzte, auch wenn heute viel von medialer Kunst und Kommunikation zu lesen ist. Darunter kann man allerdings auch Pornoverfilmungen oder einen Escortservice verstehen. Oder ein seriöses Preßorgan. Die Grenzen sind fließend, in jeder Beziehung.
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