Tipps für Aufsteiger Stellen Sie sich doch mal dumm

Niemand wird gern belehrt, Vorgesetzte schon gar nicht. Was also tun, wenn Sie merken, dass der Chef keine Ahnung hat? Probieren Sie es mal mit naiven Nachfragen.

Schulterzuck-Smiley
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Schulterzuck-Smiley

Von "Karrierebibel"-Autor Jochen Mai


Sich dumm stellen? Auf der Arbeit? Das klingt nach Harakiri oder im besten Fall nach einem baldigen unbefristeten und unbezahlten Urlaub - also einer Kündigung wegen Unfähigkeit. Wer sich permanent blöd anstellt oder gar mit Absicht Fehler macht, begeht tatsächlich beruflichen Suizid. Allerdings gibt es in jedem Job Situationen, in denen es sich lohnen kann, sich strategisch und ganz gezielt dumm zu stellen.

Das kostet zunächst einmal Überwindung. Schließlich sind wir es gewohnt, uns im Büro von der Schokoladenseite zu präsentieren, Selbstmarketing zu betreiben und dabei möglichst kompetent und clever auszusehen. Aber wer allzu smart auftritt, schürt zuweilen Renitenz. Es ist leider so, dass sich manche Menschen automatisch klein und provoziert fühlen, wenn jemand in ihrer Nähe weilt, der klüger und besser ist als der Durchschnitt (und sie selbst).

Deshalb ist es manchmal clever, die eigene Cleverness zu verbergen - speziell dann, wenn Eitelkeiten, Egos und Narzissmus ins Spiel kommen. Hier ein paar Situationen, in denen Sie davon profitieren können, wenn Sie sich ein bisschen dumm stellen:

  • Sie sehen Verbesserungsmöglichkeiten

Einige Abläufe im Unternehmen sind Ihrer Meinung nach nicht optimal gelöst, und Sie sehen die Chance, diese zu verbessern? Statt die Kollegen oder den Chef zu belehren und den Besserwisser raushängen zu lassen, stellen Sie lieber clevere Fragen - nach den Hintergründen, warum die Dinge so gemacht werden, wie sie gemacht werden, ob alle mit dem Ergebnis zufrieden sind. Hören Sie sich die Erklärungen an und bringen Sie subtil Vorschläge durch weitere Fragen ein ("Warum ist das eigentlich nicht so?"). Dieses Vorgehen ist besonders Erfolg versprechend, wenn ein Vorgesetzter kein offenes Ohr für fremde Innovationen hat oder das Not-invented-here-Syndrom im Unternehmen grassiert ("Die Idee kann nicht gut sein, denn sie war nicht von mir").

  • Sie wollen nicht am Klatsch teilnehmen

Lästerei gibt es leider an jedem Arbeitsplatz. Wer sich daran beteiligt, tut jedoch selten Gutes für seine Karriere, sondern erarbeitet sich höchstens einen schlechten Ruf. Sich dumm stellen ist eine der besten Methoden, um nervige Klatschkollegen loszuwerden. Ein einfaches "Nein, keine Ahnung, davon habe ich nichts mitbekommen" reicht meist schon, um den Tratsch zu beenden. Wiederholen Sie den Satz ein paarmal, und Sie sind schon bald sicher vor neuen Anfragen.

  • Sie sind vollkommen anderer Meinung

Wohl jeder kennt das Gefühl: Man sitzt im Meeting und ein Kollege oder sogar der Chef selbst macht einen Vorschlag, der einem vollkommen absurd und dumm erscheint. Leider bringen Sie Ehrlichkeit und ein "Das ist doch totaler Schwachsinn" in solchen Fällen nie beruflich weiter - es sei denn, Sie zählen neue Arbeitgeber dazu. Klüger ist es, naiv nachzufragen: "Das ist ein interessanter Vorschlag. Ich glaube, ich habe das aber noch nicht ganz verstanden. Können Sie mir das bitte noch mal kurz erklären?" Oft werden auch anderen beim zweiten Mal die Schwachstellen bewusst und sie haken ebenfalls nach. In jedem Fall sind die Erfolgschancen so höher als bei einer offenen Konfrontation.

  • Sie haben es mit einem schwierigen Kunden zu tun

Ein neuer Kunde hat den Ruf, ein Dauernörgler zu sein, der nie zufrieden ist? Mit dem Gedanken im Hinterkopf wird es Ihnen schwer fallen, den Kunden tatsächlich zu überzeugen. Unbewusst gehen Sie ohnehin davon aus, dass es nicht klappt. Verdrängen Sie diese Gedanken und verhalten Sie sich, als hätten Sie bisher noch nie etwas von ihm gehört. So agieren Sie unvoreingenommen und können Ihr Bestes geben.

insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
hairyballs 29.05.2017
1.
naja, als ob der Tip so richtig funktioniert. Sollte ich mich herablassen und "dumm stellen", würde ich ja meinem Vorgesetzten eindeutige Konkurrenz machen und würde dann doppelte Mühe haben, meinen Job und all das Drumherum stehende, zu erledigen. Besser wäre es, die Trottel zu kennzeichnen und aus der "Fertigunglinie" ziehen... vor mir aus, als Autobahnauffahrt-Säuberer....
klowasser 29.05.2017
2. Überrascht
Ich bin ein wenig überrascht über diese Tipps. Verbesserungsvorschläge sollte man möglichst gar nicht machen, es zählt "Dienst nach Vorschrift". Man macht sein Ding und gut ist, für Verbesserungen sind andere zuständig. Auch an Lästerei beteiligt man sich nicht, es sei denn es geht gegen den Chef. Generell sollten Gespräche mit anderen Mitarbeitern vermieden werden, da man so Angriffsflächen bietet. Ich versuche daher jedes Gespräch auf das Geschäftliche zu reduzieren. Und andere Meinungen sind nach meinen Erfahrungen sowieso nicht erwünscht. In jedem Meeting kamen die Ja-Sager am Besten weg. Schon kleinste Abweichungen führten zu Entlassungen (wenn auch nicht auf dem offiziellen Weg, sondern indem man der Person nur noch die Schrott-Aufgaben gab). Fazit: Nichts Neues, was hier steht, aber ich weiß nicht, was es mit dumm stellen zu tun hat.
Analog 29.05.2017
3. Persönlich fand ich einen
"Schwachen" Vorgesetzten immer recht angenehm. Schwierig sind die jungen wilden BWLer, die das Rad jede Woche neu erfinden wollen und immer alles in Frage stellen.
schneapfla 29.05.2017
4. @klowasser
Vielleicht nicht vom eigenen Arbeitsplatz auf alle schließen? ;)
ellenbetti 29.05.2017
5. Ja, dumm stellen hilft
aber bitte nicht auf ganzer Linie sonst wird man auch für dumm gehalten. Bei Meetings kann man sich auch vorab über die Lage informieren und vor dem geistigen Auge Fragen formulieren die Ihrem Interesse dienen. Aber, dazu muss die Person ( ggf. Chef ) durch ( dumme ) Fragen selbst dahin gebracht werden. Immer mit einem Lob beginnen, Anwesende überzeugen gleicher Meinung zu sein aber es ist irgendwie nicht rund. Bei schwierigen Kunden mache ich es ähnlich. Zuerst hat der Kunde immer recht, wir haben die Bringschuld nicht den Kunden zu überreden sondern an Hand von Fakten zu überzeugen, Ja Ja und nochmal Ja. Ich arbeite hier nur um Ihnen zu dienen, Garantie ? Ganz sicher ( gemeinsame Klärung muss jedoch erfolgen ) - Gutschrift ? Wird sofort veranlasst weil....der Kunde recht hat, langjährig dabei ist, ein neuer Mitarbeiter bzw.Neukunde ist oder die Gutschrift das Haus nicht verlässt ( Kompensation ) . Immer das Weh und Wohl beider Parteien im Auge zu haben. Man findet schnell heraus was dem Gegenüber wichtig ist.
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