Start-ups in China Büro-Frauchen für Nerds gesucht

Sie müssen gut aussehen und mit sozial unbeholfenen Programmierern umgehen können: Chinesische Start-ups suchen nach weiblichen Angestellten - als Motivation für ihre männlichen Kollegen.

Shen Yue
GIULIA MARCHI/The New York Times/Redux/laif

Shen Yue


Shen Yue ist Seelsorgerin, Motivationscoach, Masseurin, Cheerleaderin und Sekretärin. Alles gleichzeitig. Die 25-Jährige arbeitet in einem chinesischen Start-up als "Motivatorin für Programmierer". Ihre Aufgabe: gestresste Kollegen beruhigen.

"Sie brauchen dringend jemandem, mit dem sie ab und zu reden können", erzählt Shen der "New York Times". Programmierer gelten in China als "zhai" - als Menschen, die kein soziales Leben haben. Deshalb suchen chinesische Start-ups nach Mitarbeiterinnen wie Shen. Wie groß der Bedarf ist, ist unklar. Laut der "New York Times" haben mindestens sieben Start-ups eine entsprechende Jobanzeige aufgegeben.

Fragwürdige Stellenanzeigen

Human Rights Watch zufolge prahlte der Versandhandelsriese Alibaba jedoch bereits zwischen 2011 und 2015 in mehreren Jobanzeigen mit seinen "gut aussehenden Mädchen" oder "Göttinnen". Außerdem habe die Firma in einem offiziellen Recruitment-Account Fotos von jungen Mitarbeiterinnen gepostet und sie als "Nachtzuschlag" bezeichnet. Alibaba hat sich inzwischen für die Stellenanzeigen entschuldigt.

Shen hat in Peking Bauingenieurswesen studiert und arbeitet nun bei dem Finanz-Start-up Chainfin.com. Dafür bekommt sie laut der Personalabteilung 950 Dollar im Monat, umgerechnet gut 780 Euro. Das entspricht in etwa dem Durchschnittsgehalt in China.

Die 25-Jährige soll dafür sorgen, dass sich die überwiegend männlichen Programmierer wohlfühlen. Zur Arbeit trägt sie blauen Liedschatten und roten Lippenstift. Ihre Kollegen nennen sie "Joy".

Zu ihren Aufgaben zählen auch Massagen. Als ihr Kollege Guo Zhenjie vor Kurzem erzählte, dass er seit Tagen bis zehn oder elf Uhr abends gearbeitet und auf einem Klappbett neben seinem Schreibtisch geschlafen habe, sagte Shen: "Es ist im Sinne des Unternehmens, wenn ich dir eine Massage gebe, auch wenn meine Technik nicht perfekt ist."

"Wohlproportioniertes Gesicht"

Ein anderer Kollege, Feng Zhiyi, schwärmt, das Arbeitsklima habe sich deutlich verbessert, seit Shen in dem Start-up arbeite. Er hätte auch kurz über männliche Motivatoren nachgedacht, sei aber skeptisch. "Das könnte sich so anfühlen, als würde man mit einem anderen Mann ausgehen. Das wäre doch komisch, oder?", sagt er.

Die zuständige Personalerin Zhang Jing betont, es sei wichtig, dass die Motivatorinnen gut aussehen. Die Bewerberinnen müssten ein wohlproportioniertes Gesicht, eine angenehme Stimme und ein ansteckendes Lachen haben.

Shen empfindet ihren Job nicht als sexistisch. "Feministische Ideen sind heute zu extrem. Ich finde, Frauen sollten unabhängig sein und Respekt vor sich selbst haben. Das reicht." Auch ihre weibliche Kollegin Xu Jiaolong hat nichts gegen die Motivatorinnen. Xu arbeitet selbst als Programmiererin bei dem Start-up. Sie hätte allerdings nichts gegen einen männlichen Motivator.

koe



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