Wettesser in China "Mit diesem Beruf ist es schwierig, eine Frau zu finden"

Über die Prüfungen im Dschungelcamp kann er nur müde lächeln: Lebende Würmer verputzt Pan Yizhong im Sekundentakt. Der Chinese verdient seinen Lebensunterhalt als Wettesser. Für seinen Job trainiert er im Fluss und am Selbstbedienungsbuffett.

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Wer essen will, muss zahlen. Für Pan Yizhong, 45, aus Hunan gilt diese Gleichung nicht mehr. Er wird fürs Essen bezahlt. Ob Nudeln, Teigtaschen oder lebende Würmer - der Chinese isst, was man ihm vorsetzt. Und zwar so viel, wie man ihm vorsetzt. Er ist professioneller Wettesser.

Das Wettessen hat in China Tradition. Schon im 18. Jahrhundert soll ein erster Rekord aufgestellt worden sein: Ein Armeegeneral schaffte 36 Schüsseln Reis. Im vergangenen Jahrhundert machte ein chinesischer Justizbeamter Schlagzeilen, als er hintereinander 50 Brötchen und 100 Eier hinunterschlang. Pan Yizhong hat den Sport nun auf eine neue Ebene gebracht: Er verdient damit seinen Lebensunterhalt.

Gebucht wird er von Restaurants, die sich von seinen Rekordversuchen mediale Aufmerksamkeit versprechen, außerdem kämpft er bei Wettessen im ganzen Land um die Siegerprämien. "König des großen Magens" ist sein Spitzname.

Pans jüngster Wettkampf fand in einer Kung-Fu-Schule statt. Nach 25 Schüsseln Nudeln stiegen seine Mitbewerber aus. Das Publikum feuerte ihn an: "Weiter, König des großen Magens!" Fast 40 Schüsseln Nudeln schaffte er, und als Nachtisch verputzte er noch einen Teller voll lebender Würmer. Da waren selbst die Rivalen begeistert: "Der König des großen Magens ist unser Held", jubelte einer der unterlegenen Esser. "Er hat magische Kräfte."

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Kurioser Job in China: Für vier Euro bin ich dein Freund
Pan Yizhongs persönlicher Rekord liegt bei 40 Schüsseln Nudeln in 15 Minuten, auch 147 Teigtaschen hintereinander schaffte er schon. Sein Fähigkeit zum Viel-Essen erkannte er 2006, als er gegen eine japanische Wettesserin antrat. Damals verputzte er einen Berg Nudeln, gefolgt von 36 Stück Reiskuchen. "Das war der Moment, als ich wusste, ich könnte drei Kilogramm Nudeln essen", sagt er. "Seither baute ich meine Fähigkeit noch aus, ich trainiere extra bei Selbstbedienungsbuffets."

Früher arbeitete Pan in einer Fleischfabrik, mittlerweile konzentriert er sich nur noch aufs Essen - und Schwimmen. "Wir Wettesser müssen eine Menge Kalorien verbrauchen, sonst werden wir fett", sagt er. Das Trainingsprogramm im nahegelegenen Fluss scheint zu wirken: Pan ist überraschend schlank. Vor Wettbewerben isst er 24 Stunden nichts, "damit mein Magen leer ist und ich Hunger habe".

Für seinen kuriosen Job wird er allerdings nicht von allen bewundert. Seine Wettesserei habe ihn die Ehe gekostet, sagt Pan: "Ich lebe allein. Mit diesem Beruf ist es schwierig, eine Partnerin zu finden." Einen Bericht über einen Esswettbewerb kommentierte ein Leser vor kurzem online mit den Worten "total eklig". Andere finden Wettessen generell schlicht geschmacklos: Nur ein Jahrzehnt vor Pans Geburt starben 45 Millionen Menschen in den Hungersnöten nach Mao Zedongs katastrophaler Industrialisierungskampagne.

10.000 Dollar Preisgeld für 69 Hotdogs

Pan selbst erinnert sich daran, dass er als Kind die Reste aß, die sein Lehrer übrig ließ: "Ich wuchs in der Planwirtschaft auf, als es gutes Essen und Fleisch nur zu besonderen Gelegenheiten gab." Inzwischen gelten nach staatlichen Medienberichten 30 Prozent der Erwachsenen in China als übergewichtig und fast 13 Prozent als fettleibig.

Schon vor Jahren wiesen Mediziner auf die Gefahren des Wettessens hin: Der Magen werde allmählich zu "einem riesigen Beutel gedehnt, der nicht wieder auf seine Originalgröße schrumpfen kann", hieß es 2007 in einem Beitrag im US-Fachmagazin American Journal for Roentgenology.

Hochburgen des umstrittenen Sports sind die USA und Japan. Dort finden jedes Jahr dutzende Ess-Wettkämpfe statt, bei denen die Herausforderer enorme Mengen Hotdogs, Hamburger, Kuchen und Pfannkuchen in sich hineinstopfen. Bei den chinesischen Wettkämpfen geht es etwas filigraner zu: Gegessen wird grundsätzlich mit Stäbchen, auch wenn es schnell gehen muss.

Mit US-Stars wie Joey Chestnut, der im Juli beim Wettessen in New York 69 Hotdogs in zehn Minuten verschlang, könne er es aber wohl nicht aufnehmen, befürchtet Pan. In China gebe es einfach nicht genug Wettbewerbe. Auch von den amerikanischen Preisgeldern kann Pan nur träumen: Chestnut gewann beim Hotdog-Wettessen 10.000 Dollar. Zum siebten Mal in Folge.

afp/vet

insgesamt 3 Beiträge
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Namal 05.02.2014
1.
Es hat nichts mit dem Beruf zutun. Dank der Ein-Kind-Politik gibt es so einen extremen Frauenmangel, wie niergends auf der Welt.
saiber 06.02.2014
2. @namal
Die Ein-Kind-Politik wurde bereits gelockert. Man kann jetzt auch 2 Kinder haben.
renee gelduin 11.03.2014
3.
... bzw. wegen der Bevorzugung von Jungen gegenüber Mädchen.Da Letzteren eine relativ hohe Mitgift mitgegeben werden muss, während Erstere die Eltern versorgen (können). Das führt zu vielen selektiven Abtreibungen.
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