Banker wird Kneipenbesitzer "Wenn dich dein Job stört, warum hältst du daran fest?"

Das Leben ist hart, der Chef ungerecht? Schluss mit der Jammerei, sagt Antonio Fabrizi. Er hat seinen Job bei der Deutschen Bank gekündigt, um eine Bar zu eröffnen. Und trinkt jetzt weniger als früher.

Ein Mann, zwei Leben: Antonio Fabrizi heute (links) und als Banker
Joerg Lang

Ein Mann, zwei Leben: Antonio Fabrizi heute (links) und als Banker

Ein Interview von manager-magazin-Redakteurin


Zur Person
    Antonio Fabrizi, 46, hat die meiste Zeit seines Berufslebens bei der Deutschen Bank gearbeitet. Seit vier Jahren betreibt er eine Bar in der Hamburger Hafencity: den Club 20457, benannt nach der Postleitzahl des Stadtviertels. Er veranstaltet dort Konzerte, Stand-Up-Comedy und Lesungen.

Frage: Herr Fabrizi, wie ist Ihr Verhältnis zu Geld, so als Banker und Barmann?

Fabrizi: Total super. Ich mag Geld sehr gerne. Ich kann Ihnen genau sagen, wie ich meine Miete erarbeite, ich weiß, wo meine Cashcows sind. Geld verdienen fällt mir nicht schwer. Ich habe mich für den Laden hier von einer Eigentumswohnung getrennt - das war schon ein Schritt ins Risiko. Aber mein Verhalten hat sich komplett geändert. Als Banker bin ich die drei Kilometer zur Arbeit mit dem Dienstwagen gefahren, da hätte mich keiner auf dem Fahrrad gesehen. Jetzt bewege ich mich gar nicht mehr anders. Nach Berlin fahre ich mit dem Fernbus.

Frage: Verdienen Sie weniger als vorher?

Fabrizi: Es hält sich ungefähr die Waage. Klar, Annehmlichkeiten wie Urlaubsgeld oder Boni sind weg. Und ich frage mich zuweilen: Was passiert, wenn ich mir ein Bein breche? Oder wenn ich morgens aufwache und plötzlich denke: Ich habe keine Lust mehr, was jetzt? Als Angestellter ist das einfach: Man kündigt. Aber ich hoffe, dass dieser Moment für mich nie mehr kommt. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, wieder für jemand anderen zu arbeiten. Und die Menschen, die für mich arbeiten, kann ich nicht im Regen stehen lassen.

Frage: Viermal haben Sie bei der Deutschen Bank gekündigt. Erst beim vierten Mal waren Sie weg.

Fabrizi: Es gab halt immer wieder tolle Angebote. Ich war noch keine 25 Jahre alt, als ich Führungsverantwortung bekam. Nach drei Jahren führte ich 90 Mitarbeiter und neun Teamleiter, aber mir wurde langweilig. Ich stieg ins Firmenkundengeschäft ein, wurde Vertriebscoach und Trainer für Führungskräfte. Später übernahm ich die Filiale im feinen Blankenese. Es war eine tolle Zeit. Aber ich nahm 30 Kilo zu. Ich traf mich mit Kunden zum Frühstück, zum Lunch, zum Kaffeetrinken und zum Abendessen. Aber ich habe mich gefragt: Wer bin ich eigentlich, wenn man mir meinen Anzug wegnimmt? Meine Karten und mein Auto? Dann kam wieder ein Angebot: Ich sollte für die Deutsche Bank das Geschäft in der Hafencity aufbauen, dem neuen Hamburger Stadtteil. Damals waren wir hier alle Pioniere. Man lernte ständig neue Leute kennen, manche scheiterten, alle hatten Ideale - und dann ging ich zurück in die Bank, zu Meetings, Telefonkonferenzen. Da war mir schon klar: Das wird nichts mehr. Ich muss da raus.

Fabrizi hinter der Theke seiner Bar
Joerg Lang

Fabrizi hinter der Theke seiner Bar

Frage: Wie wurden Sie Klubbetreiber?

Fabrizi: Ich war immer extrem gut vernetzt. Ich war im Vorstand der Werbegemeinschaft der Hafencity. Beim ersten Weihnachtsmarkt drosch die Presse auf uns ein: Reichengetto, Friedhof, traurigster Weihnachtsmarkt Hamburgs. Ich habe dann eine Lounge in einem leerstehenden Laden angeboten. Wir haben in drei Wochen elf Liveauftritte gehabt, und die Sache kam in Schwung. Es war Halligalli. Großartig! Aus drei Wochen wurden acht Monate. Morgens Deutsche Bank, abends Klubbetreiber.

Frage: Lassen Sie mich raten: keine Familie, keine Kinder?

Fabrizi: (lacht) Genau. Habe ich heute auch nicht. Das ginge gar nicht. Es war eine mordsmäßige Belastung, aber es fühlte sich so verdammt gut an.

Frage: Was blieb auf der Strecke?

Fabrizi: Das Privatleben, natürlich. Aber wenn man etwas macht, und es macht einem Spaß, spielt das keine so große Rolle.

Frage: Wie lange haben Sie gebraucht, um sich von Ihrem sicheren Job zu trennen?

Fabrizi: Einen Tag. Acht Monate war alles gut gegangen, obwohl wir keine Konzession hatten. Dann aber gab es eine Kontrolle; eine Entscheidung musste her, weil es den Laden offiziell gar nicht gab. Ich hätte sagen können: Das war eine tolle Erfahrung, und jetzt zurück zum Finanzgeschäft. Oder man sagt: Scheiß drauf. Und macht weiter. Das habe ich getan.

Frage: Was haben Sie in den vergangenen vier Jahren gelernt?

Fabrizi: Die Theke ist ein Spiegelbild des Lebens. Eine eigene Welt - und auch eine Bühne. In gelockerter Atmosphäre und mit etwas Alkohol wagen es manche Leute erst, sich echte Sinnfragen zu stellen. Mir rechnen hier 30-Jährige vor: Ich muss jetzt noch 20 Jahre durchziehen, dann habe ich fünf Jahre bis zum Vorruhestand, und wenn dazwischen was kommt, kriege ich eine Abfindung. Die sitzen hier und jammern, dass ihr Chef so scheiße ist, das Leben so hart, und ich denke: Mimimimi! Du könntest jetzt auch auf dem Mittelmeer in einem Schlauchboot sitzen mit zwei kleinen Kindern, worüber jammerst du? Wenn dich dein Job stört, warum hältst du daran fest? Aber ich war ja genauso in diesem Konstrukt drin. Heute würde ich darüber lachen.

Frage: Sie mögen es aber nicht, wenn man Sie als Aussteiger betrachtet.

Fabrizi: Nein. Ich arbeite diszipliniert. Das habe ich als Banker getan, das tue ich jetzt. Ich halte bis morgens um vier Uhr durch, weil ich keinen Alkohol hinter der Theke trinke. Ich habe als Banker mehr getrunken als jetzt. Ein Ex-Banker übt auf viele Leute irgendwie dieselbe Faszination aus wie ein Ex-Knacki: Die andere Welt macht viele neugierig. Aber man kann auch als Banker moralisch sauber arbeiten und Dienstleister sein, genau wie in meinem neuen Geschäft. Beides hat mit Vertrauen zu tun. Bei mir gilt das Thekengeheimnis genauso wie vorher das Bankengeheimnis.

Frage: Warum ist der Club 20457 ein Raucherlokal?

Fabrizi: Das passt zu meiner Lebensauffassung. Rauchen gehört dazu. Und ich kann ja nicht in meinem eigenen Laden immer rausgehen, wenn ich mal eine rauchen will. Wenn Veranstaltungen sind, wird hier aber nicht geraucht. Ich denke oft: Wie cool ist das, du hast deinen eigenen Laden, du hast viel mit Musik zu tun, du kannst Künstler ausstellen, alles, was du willst. Herrlich!

Das Interview erschien zuerst auf der Webseite des manager magazin. Unsere Fassung ist leicht gekürzt.



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Seite 1
a.totok 12.07.2016
1.
weil nur ein bruchteil der menschen genügend boni auf dem rücken der gesellschaft anhäufen kann, um daraus dann genug freies kapital für eine erfolgreiche geschäftsidee zur verfügung zu haben.
torgrun 12.07.2016
2. So.
Und was will uns dieses Interview sagen? Was ist der Sinn? Soll man jetzt staunen über diesen Mut? Risiko bei einem "Karriere"wechsel sieht anders aus. Macht doch mal was über einen Gießereiarbeiter oder eine Krankenschwester, die OHNE finanziellen Backround, OHNE achtmonatige, bezahlte Probezeit, OHNE Yuppie-Netzwerk sich umorientieren (oder umorientieren müssen). Ja, Glückwunsch an den Mann, der seinen Traum erfüllen konnte. "Wenn Dich Dein Job stört, warum hältst Du daran fest?" Kurzes, trockenes Auflachen, denn bei den meisten Leute geht das an der Lebensrealität völlig vorbei.
monoman 12.07.2016
3.
Ich weiss nicht, ob das so gut wäre, wenn 95% der arbeitenden Bevölkerung eine Kneipe eröffnen würde. So hoch dürfte wohl realistisch gesehen die Rate der Beschäftigten sein, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind ;-)
katzenbär85 12.07.2016
4.
Wenn der Weg in die Selbstständigkeit für alle so einfach wäre, dann wäre hier wohl keiner mehr Angestellter. "Er musste sich von einer Eigentumswohnung trennen" -- wieviel noch da sind wird natürlich nicht erwähnt. 5, 6 oder 7? Mit genügend Eigenkapital, und null Risiko, kann jeder schreiben: "Wenn dich dein Job stört, warum hältst du daran fest?" Auf wieviel % trifft das zu - 0,05 bis 0,3?
alsterherr 12.07.2016
5.
Zitat von torgrunUnd was will uns dieses Interview sagen? Was ist der Sinn? Soll man jetzt staunen über diesen Mut? Risiko bei einem "Karriere"wechsel sieht anders aus. Macht doch mal was über einen Gießereiarbeiter oder eine Krankenschwester, die OHNE finanziellen Backround, OHNE achtmonatige, bezahlte Probezeit, OHNE Yuppie-Netzwerk sich umorientieren (oder umorientieren müssen). Ja, Glückwunsch an den Mann, der seinen Traum erfüllen konnte. "Wenn Dich Dein Job stört, warum hältst Du daran fest?" Kurzes, trockenes Auflachen, denn bei den meisten Leute geht das an der Lebensrealität völlig vorbei.
Ich kenne einen ehemaligen Arbeiter bei BASF, der nebenher an alten günstigen Motorrädern geschraubt hat, er hat dann seinen Job gekündigt und restauriert jetzt als sein eigener Chef Motorräder und Autos aus den 1950er Jahren ... Wille, ein klares finanzielles Konzept und wahres Interesse und Herzblut für eine Sache, dann klappt das!
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