TV-Trainer für Promis "Im Umgang mit Alphatieren braucht man viel Gelassenheit"

Politiker und Manager müssen gerade in Krisen den öffentlichen Auftritt beherrschen. Von selbst können das die wenigsten - obwohl es nicht am Selbstbewusstsein mangelt. Ein Coach erzählt.

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Ich coache und trainiere Politiker, Geschäftsführer, Unternehmer und Manager für Auftritte in der Öffentlichkeit. Das heißt für Pressekonferenzen, Hauptversammlungen, wichtige Reden und Präsentationen, Auftritte in Talkshows oder Statements in Krisensituationen.

Das Ziel ist, Höchstleistung zu bringen in Situationen, in denen der Stresslevel hoch ist und es um viel geht. Dafür stärke ich ihre Körpersprache und Rhetorik und bringe meinen Kunden bei, wie sie ihre Positivbotschaften platzieren können.

Hinterher gibt natürlich kaum einer zu, dass er mit mir zusammengearbeitet hat. Und ich muss unterschreiben, dass ich niemandem sage, wer meine Kunden sind. Die Verschwiegenheitsklauseln sind streng. Ich halte mich daran, immer, auch wenn es manchmal reizvoll wäre, Promis als Referenz anzugeben oder zu sagen, 'dass der so gut auftritt, liegt an mir'.

Geheim ist ein Synonym für wichtig

Ich kann nur so viel sagen: Meine Kunden kommen vor allem aus der Wirtschaft. Einige Politiker sind auch dabei, allerdings werden in der Politik oft nur Trainer mit Parteibuch engagiert, und ich bin unabhängig. Auf meinem Niveau ist die Luft jedenfalls dünn. Im Feld der Krisenkommunikation und als Medientrainer kenne ich keinen Konkurrenten mit ähnlichen Referenzen.

Da hat die Geheimnistuerei auch ihren Reiz: Viele mittelständische Unternehmen finden es gerade spannend zu denken, der arbeitet mit den ganz Großen und sagt es nicht. 'Geheim' ist da ein Synonym für 'wichtig'. Die Schweigepflicht hat viel mit Eitelkeit zu tun: Gerade Alphatiere müssen alles Mögliche von Natur aus drauf haben - so will es die Legende. Repräsentieren und im Fernsehen auftreten zum Beispiel machen sie scheinbar mit naturgegebener Souveränität.

Unter dieser Vorgabe leiden Chefs zwar oft, zugeben können sie es aber nicht. Die Kunden kommen also bei mir rein wie Siegfried: absolut unbesiegbar. Sie sind es gewohnt, sich so zu präsentieren. Erst nach Stunden bricht der Panzer auf und Persönliches kommt zum Vorschein. Gleichzeitig geht es beim Coaching auch viel um Aggressivität und Konflikte. Damit muss ich umgehen können.

Nach drei Tagen sind die Kunden fit

Einladungen zu Talkshows kommen meist kurzfristig. Deshalb gibt es zwei klassische Trainingsformen: Zum einen gibt es das kurze Training, mit dem der Kunde schnell auf eine bestimmte Sendung vorbereitet wird. Dann gibt es ein etwa dreitägiges Modul, mit dem er für Auftritte in der Öffentlichkeit trainiert wird.

Wie lange ich jemanden trainiere, hängt auch von dessen Fähigkeiten ab. Optimal sind drei Tage, danach sind die meisten Menschen fit und können das Wissen jederzeit abrufen. Langfristig lohnen sich Wiederholungen. Aber auch schon nach einem konzentrierten Trainingstag ist jeder Kunde auf einem merklich höheren Level.

Wenn ein Politiker oder Firmenboss in einer Talkshow seine Botschaften platzieren möchte, muss er in einem ungewöhnlichen Rahmen glaubwürdig auftreten. Wer sich einfach hinsetzt, macht zu viele Fehler und hat in der Diskussion keine Chance. Wer zu glatt oder sogar arrogant wirkt, hat auch verloren. Viele Leute denken, authentisch sei jeder von Haus aus. Das ist ein Missverständnis. Wer untrainiert in eine Show geht, ist nicht authentisch, weil die Aufregung zu hoch ist. Die meisten Menschen erstarren, haben keine Mimik und Gestik mehr und sind rhetorisch wenig überzeugend. Kurz: Nahezu jeder bleibt unter seinen Möglichkeiten.

Die Kraft des Adrenalins

Das Geheimnis eines guten Trainings besteht darin, dass der Kunde sich von der Nervosität nicht beherrschen lässt, sondern die Kraft des Adrenalins nutzt, um die Stärken seiner Persönlichkeit voll auszuspielen. Dafür analysiere ich, wofür eine Person steht, und welche Zielgruppe erreicht werden soll. Deswegen ist auch jedes Training unterschiedlich.

Ein Coach braucht Menschenkenntnis, ein gefestigtes Selbstbewusstsein und im Umgang mit Alphatieren eine Menge Gelassenheit. Einen klassischen Werdegang gibt es für den Beruf nicht, mir kommen meine journalistischen Erfahrungen zugute. Allerdings ist der Markt für Trainer, Coaches und Berater hart umkämpft.

Die Mischung meiner Kunden lohnt sich für mich auch finanziell. Im politischen Bereich sind die Honorare gedeckelt, da werden Tagessätze von 1500 Euro gezahlt, mit Schwankungen. In der Wirtschaft kann ich Tagessätze bis 3500 Euro abrufen, je nach Größe des Unternehmens und Position des Kunden. Außerdem ist das Arbeiten mit Leuten aus der Wirtschaft meist fokussierter und lösungsorientierter. Das macht deshalb oft mehr Spaß."

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus
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ProbeersEinfach 28.10.2016
1.
Und was kommt dabei raus? Immer die gleichen Plattitüden. Phrasen die so austauschbar sind, dass sie sogar Linke und AFD Vertreter gleichermaßen verlautbaren lassen. "Wir müssen hier an die Bürgerinnen und Bürger denken" "Es kann nicht sein, dass...., hier müssen wir uns mehr einsetzen" "Zunächst einmal möchte ich sagen, dass..." "Wir haben hier eine Verantwortung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern" Man schämt sich richtig fremd, wenn man diese "Profis" in den Talkshows anschaut, weil man weiß, die schauspielern von A-Z und sagen ihre zuvor auswendiggelernten Sätzchen auf.
Nordstadtbewohner 28.10.2016
2. Kein Wunder.
"Dafür stärke ich ihre Körpersprache und Rhetorik und bringe meinen Kunden bei, wie sie ihre Positivbotschaften platzieren können." Und das wird langsam auffällig in den allabendlichen tagespolitischen Talkshows. Die Akteure, egal welche, sind beliebig austauschbar. Alles ist eingeübt und einstudiert.
Mynah 28.10.2016
3. Ist das Ziel...
nur, keine Fehler zu machen, nichts Falsches zu tun, darzustellen oder zu sagen, das nach der Show dann als SoundBIte durch die Medien gezogen wird? Interessant wäre ein echtes Gespräch, wenn nicht gar eine echte Diskussion, im Laufe derer ein Teilnehmer vielleicht sogar etwas Neues hören könnte. Aber mehr als Minuten der Offentlichkeit für vorgefertigte Botschaften gibt das Format nicht her. Niemand kann frei denken und sprechen, wenn jedes Wort zitierfähig sitzen muss. (Haben Sie eigentlich auch Frauen als Kundinnen, oder kommen die, wenn Sie das tun, was Sie den Männern raten, damit nicht gut an? Wenn zwei das Gleiche tun...)
upalatus 28.10.2016
4.
Aufmerksame Zuseher und Zuhörer, die sich nicht sofort von der Aura der Hierarchiestellung und des feinen Anzugs paralysieren lassen, merkens aber halt doch, dass zb. das Topmanagerverhalten nicht echt ist, sondern einstudiert, übergestülpt, mit beliebigen Formulierung in Dauerschleife. Trotz allem ausgefeilten und expensiven Coachtrainings. Und würde ich gerne als Kaputtautobesitzer lieber mit einem echten Mechaniker reden wollen, oder mit einem Mechanikerschauspieler von der Topschauspielschule actor's studio in NY, der mich in einem gestylten Bureau im Feintuch zuschwallt? Das Problem ist, dass diese Couchklientel offensichtlich erhebliche Schwierigkeiten mit der ureigenen Art der Artikulation, Mimik, Selbstbeherrschung etx. hat (und die in deren Vergangenheit und trotz allen Überstülpens auch in Zukunft hauptsächlich mit dem Kaschieren des Minus hauptbeschäftigt waren und sein werden. Abteilungsziel ade.). Die Beauftragung eines Coaches ist im Grunde schlicht ein Negativanzeichen. In welcher Art eines "höheren Levels" befindet man sich wohl nach einem Training? Alleine dieser bemühte Ausdruck des "höheren Levels" spricht Bände über den Kern der Coacherei und dem Eigenverständnis/-wahrnehmung von Führungsinhabern. Aber wie und warum kann man mit solchen Unzulänglichkeiten überhaupt an dotierte Positionen kommen (wo zb an jede medikamentengabeberechtigte Krankenschwester höhere Standards angelegt werden)? Weil das Haupttalent dazu gar im backstabbing und Herankriechen liegt, das man als Buddy einfach komfortabel verräumt und versorgt ist, und nicht in essentiellen fachlichen und sozialen Führungsqualitäten? Nach letzterem scheint kaum einer zu fragen im System, Schauspieler bevorzugen Schauspieler. Deswegen scheint es mancherorts für einen Fachbereich sehr zahlreich gegensichernde "Zuständige" mit ebenso zahlreichem Unterbau zu geben: um die Unfähigkeiten und nachfolgend die Verantwortlichkeiten unnachvollziehbar zu machen. Wer den hochdotierten Führungsjob nicht kann, dem wird man es bis zum selig Ende auch anmerken, trotz aller Schminke, Schuhcreme und Coach. Und in mancher Lokalität in wirtschaftlichen hotspots kann man einen Blick hinter die Fassaden werfen, die von Coacharmeen mit angemalt wurden.
seid-kritisch 28.10.2016
5. Wozu talkshows sehen?
Dort redet jeder nur, um sich, seine Partei oder sein Anliegen, gut zu verkaufen. Dabei wird auch schamlos gelogen. Denn die Fans, die Parteianhänger oder die bereits subjektiv Informierten glauben die Lüge gerne. Die Gegner lassen sich eh nicht überzeugen und so wird der Status Quo gehalten und alle sind zufrieden. Ich schaue schon lange keine Lügenschows.
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