Coaching für Sensible Raus aus der Kellner-Falle!

Feinfühlige Menschen dienen oft anderen statt sich selbst. Und am Ende sind alle unglücklich, beobachtet Karrierecoach Martin Wehrle. Deshalb: im eigenen Leben lieber Koch als Kellner!

Er ist der Kellner, nicht der Koch im Restaurant
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Er ist der Kellner, nicht der Koch im Restaurant


Könnten Sie Madonna erschüttern mit dem Satz: "Du bist erfolglos!"? Bill Gates mit: "Du bist arm!"? Papst Franziskus mit: "Du bist unbarmherzig!"? Egal, wie sensibel die Genannten sind: Diese Angriffe verpuffen. Und warum? Madonna weiß: Ich bin erfolgreich. Gates weiß: Ich bin reich. Franziskus weiß: Ich bin barmherzig.

Eine Attacke lässt uns kalt, solange wir sie für unberechtigt halten. Der Vorwurf ist nur die brennende Lunte, der Sprengstoff steckt in uns selbst. Sobald Sie eine Anschuldigung heimlich teilen, knallt es. Wer sich für schüchtern hält und dafür schämt, reagiert alarmiert, wenn ein anderer auf seine (vermeintliche) Schwachstelle zielt.

Prüfen Sie einmal, welche Äußerungen Sie in den letzten Jahren am meisten verletzt haben. Was fällt Ihnen spontan ein? Und dann fragen Sie sich: Warum war ich davon so getroffen? Könnte es sein, dass der Vorwurf von außen zugleich ein heimlicher Selbstvorwurf war?

Selbstakzeptanz wirkt wie ein Bad in Drachenblut: Die Speere der Angreifer verlieren ihre Bedrohlichkeit. Aber Selbstakzeptanz fällt schwer: Als Kleinkinder haben wir alle pausenlos gespürt, dass wir unzulänglich sind - nicht so perfekt wie die Erwachsenen.

Die Eltern wollten uns stubenrein, aber wir? Haben in die Hose gemacht! Die Eltern wollten uns still, aber wir? Haben wie am Spieß geschrien! Die Eltern wollten, dass wir unseren Brei aufessen, aber wir? Haben ihn ausgespuckt! Jedes Kind durchläuft eine solche Sozialisation, auch ohne Verschulden der Eltern.

Und je sensibler Sie waren, desto mehr wuchs in Ihnen der Wunsch: Ich will es meinen Eltern recht machen! Damit Papa wieder lächelt und Mama mir übers Haar streichelt. Sie aßen den Teller leer, obwohl Sie keinen Hunger hatten. Statt zu tun, wonach Ihnen war, taten Sie, was andere erwarteten.

Und fürs Leben blieb womöglich hängen: Wenn ich tue, was ich will, handle ich schlecht - ich muss mich nach dem Willen der anderen richten. Diese Haltung macht viele zu Kellnern im Lokal des Lebens: Sie erfüllen anderen jeden Wunsch, wie einst den Eltern. Sie versuchen, die Gedanken ihrer Mitmenschen zu erraten. Dann servieren sie, was die anderen mutmaßlich beglückt. Aber wo bleiben ihre eigenen Bedürfnisse?

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Vorauseilender Gehorsam kann zu gravierenden Fehlentscheidungen führen: Zum Beispiel bietet der sensible Einkäufer seinem Chef an, die nächsten Wochenenddienste zu übernehmen - obwohl er mit seiner Kraft selbst am Ende ist. Oder die Ehefrau bietet ihrem Mann an, dessen geliebte Mutter zu Hause zu pflegen - obwohl sie die Mutter nicht ausstehen kann. Oder die Tochter entscheidet sich für ein BWL-Studium, weil sie spürt, ihren Eltern damit eine Freude zu machen - in Wirklichkeit aber interessiert sie sich für Kunst.

Was passiert, wenn die Ehefrau die Schwiegermutter über Jahre pflegt? Sie sperrt ihre eigenen Gefühle im Keller ein, um einen Wunsch zu erfüllen, den ihr Mann so nicht geäußert hat. Und wenn sie es nicht mehr aushält? Dann kann sie nach Jahren schlecht sagen: "Ich habe deine Mutter noch nie leiden können, jetzt ist Schluss!"

Und auch der Einkäufer stellt sich eine Falle: Wie wird sein Chef es deuten, dass er sich freiwillig für die Wochenenddienste meldet? Er wird als Spezialist für Überstunden und Sondermissionen gelten. Schon hat der Einkäufer ein Bild von sich gezeichnet, das den Wünschen seines Chefs entspricht - aber völlig gegen seine eigene Natur läuft.

Und die BWL-Studentin wird ihr Studium vielleicht abschließen, nur weil sie es angefangen hat. Und dann wird sie einen Job nur deshalb übernehmen, weil ihr Studium sie dafür qualifiziert. Das ganze Leben gerät zur Irrfahrt. Die Eltern meinen, eine glückliche Tochter zu haben, bis sie ihnen irgendwann an den Kopf wirft: "Ihr habt mein Leben verpfuscht!"

"Wenn du damit beginnst, dich denen aufzuopfern, die du liebst, wirst du damit enden, die zu hassen, denen du dich aufgeopfert hast", beschrieb der Dramatiker George Bernard Shaw diesen Mechanismus, der am Ende alle unglücklich macht.

Das ist ja der Hohn, wenn Sie Ihr Leben nach dem Kellner-Prinzip führen: Diejenigen, denen Sie es recht machen wollen, werden betrogen - Sie spielen Übereinkunft vor, wo keine ist. Zum Beispiel denkt die Ehefrau: "Wenn ich die Mutter meines Mannes nicht pflege, hält er mich für kaltherzig." Aber angenommen, sie würde sich selbst (als warmherzig) akzeptieren: Dann könnte sie ablehnen, ohne um ihr Ansehen oder ihre Beziehung zu fürchten - so wie Madonna locker den Vorwurf zurückweisen kann, sie sei erfolglos.

Können Sie Selbstakzeptanz lernen? Ja, lenken Sie den Blick von den Minus- auf die Pluszeichen. Ziehen Sie sich einmal pro Woche für 60 Minuten zurück und konzentrieren Sie sich auf Ihre eigenen Qualitäten: Ihre Stärken, Ihre Talente, Ihre guten Taten der Woche, alles, was Sie aus sich und Ihrem Leben gemacht haben. Was finden Sie gut an sich? Was gelingt in Ihrem Leben?

Das wichtigste Lob kommt nicht aus fremdem Munde, sondern aus Ihrem eigenen! Wenn Sie liebevoll und positiv über sich denken, macht Sie das selbstbewusst und bildet ein Gegengewicht zu den kritischen Stimmen aus der Kindheit in Ihrem Kopf. Allen Respekt, den Sie von anderen erwarten, müssen Sie sich zunächst selbst entgegenbringen.

Wer mit sich im Reinen sein will, muss zunächst seine eigenen Bedürfnisse erkennen und bedienen. Erst dann kann er als Kellner gute Dienste für andere leisten - und deren Wünsche erfüllen. Oder gezielt ablehnen.

Dieser Text stammt aus Martin Wehrles neuem Buch "Der Klügere denkt nach - Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein" (Mosaik, 15 Euro).



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
pille68 02.05.2017
1. Herr Wehrle erklärt die Welt..
Sorry, aber das ist das Platteste was ich seit langem zum Thema gelesen habe. Ich brauche mich nur selbst zu akzeptieren und schon bin ich immun gegen alle Kritik. Sorry Herr Wehrle, aber so einfach funktioniert das nicht mit dem Menschen.
jujo 02.05.2017
2. ....
Hilfreich ist die schnellstmögliche Abnabelung von den Eltern um ein selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben zu führen. Das birgt aber auch die Gefahr das man eigenverantwortlich (!) ist, anderen, den Eltern, dann Vorwürfe zu machen geht dann nicht mehr. Im Übrigen muss man ja nicht automatischen den "aufrechten Gang" aufgeben wenn man mal den Kellner macht, ein klein wenig berechnender Opportunismus kann auch schon mal hilfreich sein.
winterwoods 02.05.2017
3. Auf den Punkt getroffen!
"Sorry, aber das ist das Platteste was ich seit langem zum Thema gelesen habe. Ich brauche mich nur selbst zu akzeptieren und schon bin ich immun gegen alle Kritik." - Sie überziehen den Ratschlag des Autors hinein in ein Extrem. Der Autor behauptet nicht, dass damit sämtliche Kritik verpufft, die wir jemals empfangen werden, oder dass damit Welt und Menschheit gerettet werden. Sondern schlichtweg: Das Gefühl des Angegriffenseins liegt in einem selbst. Eliminiert man dies, verpufft die Wirkung, die der gehässig Kritisierende oft auslösen möchte. Das ist Fakt und der Artikel trifft es auf den Punkt. Ebenfalls sehr gut beschrieben: Der Unterschied zwischen Selbstaufopferung und richtiger Selbstaufopferung - letztere nämlich geschieht immer von echtem Herzen, aus wahrer eigener Überzeugung und ohne Erwartungen. Nur wenn diese Kriterien erfüllt sind, sollte man "opfern".
unaufgeregter 02.05.2017
4. Eigenverantwortung
Bin mit 18 ausgezogen in die eigene Wohnung und habe es nie bereut. Ich war immer Koch und diverse Vorwürfe, ich sei egoistisch, habe ich ignoriert. Letztlich ist niemand auf der Welt um die Ansprüche anderer Leute zu erfüllen. Heute sehe ich in meiner Verwandtschaft viele junge Menschen zwischen 20 und 30 die noch wegen jedem Kleinkram bei Mama oder Papa nachfragen. Die fühlen sich in der Regel noch irgendwie verantwortlich für die "Kleinen". Ob das gut für deren Zukunft ist?
kfp 02.05.2017
5. nicht ganz
In manchen Fällen mag das zutreffen, dass man sich besonders getroffen fühlt, wenn man sich insgeheim "ertappt" sieht. Wenn ich aber daran denke, wann mich selbst Vorwürfe am schwersten getroffen haben, war das nicht in solchen Fällen, sondern wenn ich "unbesehen" nach Vorurteilen be-/verurteilt wurde. Oft nachdem ich monatelang Arbeit und Ideen in mein Projekt gesteckt hatte und dabei auch nicht vernachlässigt hatte,dass meine Handschrift den Beteiligten bekannt war. Wenn man dann aber alles in einem Kommentar nach den absolut unzutreffendsten Stereotypen beiseite gewischt sieht, trifft das von der übelsten Seite. Vermutlich, weil hier alle Möglichkeiten zum Widerspruch bzw. Beweis des Gegenteils zwecklos sind, weil man erkennen muss, dass das. Gegenüber auf dem Auge sowieso blind ist und nichts abweichend von seinen Vorurteilen Chancen hat, zu ihm durchzudringen.
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