Chef-Coaching mit Tieren Führt der Esel, oder führe ich?

Esel sind eigentlich wie Mitarbeiter: Sie sind halsstarrig, wollen gelobt werden und mögen es nicht, wenn der Chef am Halfter zerrt. Wird man deshalb bei einem Esel-Coaching eine bessere Führungskraft? Ein Selbstversuch im Streichelzoo für Manager.

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Peter Müller/ Artmexx.com

Da stehen wir, morgens auf einer Weide im Nirgendwo, und alle haben dasselbe Problem: Wie, verdammt, setzt man einen Esel in Bewegung? Der Esel ist ein Zwergesel und heißt Lottie.

Es ist ein Tier wie aus dem Streichelzoo, das auch dann gutmütig bleibt, wenn Fremde ihn am Kopf kraulen. "Du bist ein Lieber", sage ich, vielleicht hilft das ja. Um mich herum stehen sechs Leute. Wir sind für ein "Esel-Coaching" in einem Dorf bei Lüneburg, es ist eine Mischung aus Seminar und PR-Event.

Die Teilnahme ist heute gratis, normalerweise kostet es 490 Euro pro Person und Tag. Mit dabei sind: Die Geschäftsführerin eines Start-up-Unternehmens, ein Zahntechnikermeister, eine Zahnarzthelferin, ein Wirtschaftsingenieur, eine Studentin und eine Wirtschaftspsychologin, man duzt sich.

Unsere Sparringspartner sind zwei Esel. Diese Tiere können den Stress der Teilnehmer spiegeln, werben die Veranstalter. Esel sind schlau, haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit und seien "unbestechlich". Es gibt auch Seminare mit Wölfen und mit Hunden, aber die sind eher etwas für Anfänger.

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Ein Esel verharrt, prüft und analysiert die Situation. Manchmal hört er nicht, tut etwas anderes, fordert Klarheit und Präsenz. Er hat alle Eigenschaften eines guten Mitarbeiters und solche, die einen Chef nachts um den Schlaf bringen. Hier kann man also eine ganze Menge lernen.

Erster Eselkontakt: Diese Kreativität, dieses Zusammenspiel

Endlich bewegt sich der Esel - nur nicht in die Richtung, in die wir ihn führen sollen. "Komm, Lottie, komm", haucht Sophie, die Jüngste in der Gruppe. "Nehmen wir sie in die Mitte", schlägt Sascha vor. Er ist 28 Jahre alt, Wirtschaftsingenieur in einem Großunternehmen. Er leitet dort Projekte wie die Verbesserung des Arbeitszeitsystems.

Inzwischen müsse er dort auch unangenehme Entscheidungen durchsetzen, sagt Sascha. Das funktioniere aber nur, wenn er die Kollegen überzeuge. "Ich bin ja nicht deren Chef." Deshalb ist er hier.

Bei der Analyse im Bauernhaus nebenan wird anschließend über den ersten Eselkontakt geredet. Es fallen Begriffe wie "Pionierphase" und "Entscheidungsfindung". Das Ergebnis der Entscheidungsfindung war der Beschluss, gemeinsam loszulaufen und zu warten, bis die Esel hinterhertrotten.

"Das war toll", lobt Gaby, eine der zwei Coaches, diese Kreativität, dieses Zusammenspiel der Gruppe. Anschließend sollen wir uns auf einer Skala gegenseitig einschätzen. Es geht um Führungstypen, Selbstdarstellung und darum, wie man Entscheidungen fällt.

Gaby heißt eigentlich Gabriele Duchek und ist 51 Jahre alt. Sie hat eine angenehm ruhige Art. Das Seminar leitet sie mit ihrer zwölf Jahre jüngeren Schwester Andrea, Theaterpädagogin und Beraterin für Studenten.

"Wenn du den Hof kaufst, kriegst du einen Esel"

Gaby ist Betriebswirtin, arbeitete elf Jahre lang als Geschäftsführerin vom Nordverbund des Deutschen Verbands für Physiotherapie. Sie hatte beruflich viel mit Gründern zu tun, da lag es nahe, ihr Wissen mit Nebenjobs als Beraterin zu versilbern. Im Jahr 2000 gründet Gabriele Duchek die Firma C3 Consulting Coaching Concept, Schwerpunkt: Hilfe für mittelständische Unternehmen.

Sie macht Fortbildungen, schreibt für Fachmagazine und versucht, die Seminare so gut zu machen, dass die Kunden sie weiterempfehlen. "Anzeigen nutzen in der Branche nichts", sagt Duchek - das hat vermutlich damit zu tun, dass sich in Deutschland jeder mit dem Titel des Business-Coach schmücken darf.

Auf die Idee mit den Tieren kamen die Ducheks, als Gabriele vor zwei Jahren aufs Land zog. "Wenn du den Hof kaufst, kriegst du einen Esel", versprach Andrea vergnügt. Wenig später hörten die Schwestern davon, dass in Österreich Manager von Eseln lernten.

Das können wir auch, sagten sie sich; im Frühjahr fingen sie selbst an, mit Freiwilligen zu trainieren und starteten eine eigene Website ("Sei ein Esel!"). Inzwischen kommen die ersten zahlenden Teilnehmer.

"Der nächste, bitte!" Auf dem Feld ist jetzt jeder auf sich allein gestellt. Wir sollen die Esel durch einen Parcours führen: Halfter anziehen, über eine Decke, an einem Apfel vorbei, Halfter wieder abnehmen. Gerade müht sich der Zahntechniker mit Lottie ab; er hat den jüngeren Esel gewählt, den rebellischen, was er jetzt wohl bereut.

Etwas zu spät gestreichelt

Wenn sie vor der dunklen Decke stehen, bekommen die Tiere Angst. Sophie versucht es dann mit Streicheln und Flüstern, Sascha zieht leicht am Zügel, um sie herum stehen die anderen im Halbkreis mit Mappen. Erbarmungslos notieren die Zuschauer jeden Seufzer und analysieren, ob einer das Tier als Belohnung zu früh oder zu spät gestreichelt hat.

Ich habe etwas spät gestreichelt, sagt jemand, und Gaby findet völlig zu Recht, es sei nicht ganz klar gewesen, ob ich den Esel geführt habe oder der Esel mich.

Ganz natürlich hätte ich gewirkt, verteidigt Andrea. Andere gaben ihren Eseln angeblich "total viel Vertrauen" oder "super Feedback". Manchmal werden die Parallelen zwischen Esel und Mensch arg strapaziert.

Am frühen Nachmittag verabschieden wir uns. Das Seminar habe ihr gut gefallen, sagt Christina, Geschäftsführerin einer kleinen Firma für Obst-Chips. Vor allem eine Sache hat sich bei ihr eingebrannt: Sie hätte nie gedacht, dass die Decke für den Esel eine Hürde darstellen würde. "Da habe ich gelernt, nicht von mir auf die Bedürfnisse von anderen zu schließen", sagt Christina.

Sascha sagt, er habe einige Inhalte des Seminars schon gekannt, er fand es aber gut, alles auf praktische Weise zu wiederholen. Wem ein Coaching allerdings zu teuer ist, der kann es ja mal im Streichelzoo versuchen.

  • Jonas Nonnenmann (Jahrgang 1986) ist Redakteur in der digitalen Redaktion der Frankfurter Rundschau. Zuvor besuchte er die Zeitenspiegel-Reportageschule.



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