Outing im Vorstellungsgespräch Ach übrigens, ich bin schwul

Für den Personaler war es Small Talk, für Stefan Dowe eine heikle Frage: Waren Sie mit Ihrer Freundin da? Er hat sich geoutet - und den Job gekriegt.

"Sind Sie homosexuell?" Die Frage ist im Bewerbungsgespräch verboten
Corbis

"Sind Sie homosexuell?" Die Frage ist im Bewerbungsgespräch verboten


Früher stellte sich die Frage gar nicht. Homosexualität war so geächtet - und in Deutschland bis vor 20 Jahren noch teilweise verboten -, dass bei einer Bewerbung auf eine neue Stelle wohl niemand auf die Idee gekommen wäre, sich vor dem potentiellen Chef zu outen. Aber wie sieht es eigentlich heute aus, in Zeiten eingetragener Lebenspartnerschaften, Diversity Management und Völklinger Kreis?

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Der erste Impuls vieler Homosexueller im Bewerbungsprozess ist immer noch: "Ich sage mal lieber nichts." Zu groß ist die Angst, die Stelle nicht zu bekommen. Oder schlimmer noch: Wegen des Outings in der ganzen Branche keinen Fuß mehr in die Tür zu kriegen.

Auf den ersten Blick scheint die Sorge unberechtigt: Viele Homosexuelle befinden sich heute in öffentlichen Positionen und haben das Geheimnis um ihre Orientierung trotzdem gelüftet. Ob Politiker in Berlin, Hamburg oder Zürich - es scheint kein Problem mehr zu sein. Auch zahlreiche Prominente leben offen homosexuell und haben dadurch beruflich offenbar keine Nachteile erfahren: Hape Kerkeling, Alfred Biolek, Dunja Hayali oder Anne Will. Auch viele aktive und ehemalige Sportlerinnen gehören dazu, die deutschen Fußballerinnen sind in dem Punkt deutlich weiter als die Männer.

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Jobmesse für Homosexuelle: Kannst ruhig fragen, ob ich schwul bin
Auf der Vorstandsebene von Konzernen sieht es anders aus. Es gibt dort kaum offen lebende Homosexuelle - vermutlich, weil viele befürchten, sich damit angreifbar zu machen. Lässt sich daraus eine Taktik fürs Bewerbungsgespräch ableiten? Offiziell darf die Frage nach der sexuellen Orientierung ohnehin nicht gestellt werden. Und wird sie es doch, liegen die Vorteile des Verschweigens auf der Hand:

• Wenn ich meine Homosexualität verschweige, muss ich nicht befürchten, die Stelle deswegen nicht zu bekommen.

• Ich werde aufgrund des Themas Homosexualität nicht während des Gesprächs in die Defensive gedrängt.

Im Kern geht es also um die Angst, die ich habe, die Stelle nicht zu bekommen. Aber was sind die Vorteile, wenn ich es doch dem Arbeitgeber mitteile?

• Ich muss keine Angst mehr haben, dass er es herausfindet. (Was heute über einen Social-Media- und Google-Backgroundcheck einfach sein kann...)

• Der Arbeitgeber weiß sofort, woran er ist.

• Ich kann aus der Reaktion des Arbeitgebers schließen, woran ich bin.

Möchte ich die nächsten Jahre acht Stunden am Tag in einem Unternehmen verbringen, in dem ein Vorgesetzter Probleme mit Homosexuellen hat? Ein klares: Nein.

Trotzdem plädiere ich als Bewerbungshelfer nicht dafür, gleich mit der Federboa um den Hals ins Vorstellungsgespräch zu laufen. Auch im Anschreiben rate ich vom Outing ab, was allerdings manchmal gar nicht so einfach ist: Homosexuelle können nicht "verheiratet" in den Lebenslauf schreiben, sondern müssten theoretisch "in einer eingetragenen Partnerschaft" angeben.

Ein Freund oder der Freund?

Aber es gibt auch Situationen, in denen das Outing zum Vorteil wird, zum beeindruckenden Beweis für Ehrlichkeit und Authentizität: Bei einem Vorstellungsgespräch in Zürich kam das Gespräch aufs Reisen, und ich erzählte von einer Reise nach Brasilien. Darauf fragte mich der Personaler, ob ich mit meiner Freundin dort gewesen sei. Was sollte ich tun? Lügen und "Ja" sagen? Oder ein "diese Frage möchte ich nicht beantworten" herausstottern?

Ich entschied mich für die offensive Variante: "Fast, aber nicht ganz", sagte ich. "Ich war mit meinem Freund dort, er hat Familie in Brasilien." Ich konnte sehen, wie es im Personaler arbeitete. Dann fragte er höflich nach, ob ich "einen" Freund oder "den" Freund meinte. Ich antwortete: "den Boyfriend". Damit war das Thema abgehakt - und zwei Tage später bot er mir die Stelle an. Und er ist übrigens nicht homosexuell.

Sicher sollte man ein Gespür dafür entwickeln, wie und wann man solche Nachrichten im Gespräch übermitteln kann. Und eines ist klar: Ob sich ein Homosexueller überhaupt outen möchte, kann nur er selbst entscheiden. Manchmal wird sich auch keine Situation ergeben, in der ein Outing gewinnbringend eingesetzt werden kann. Und ein verlorenes Vorstellungsgespräch wird ein Outing eh nicht mehr retten.

Aber warum sollten es Homosexuelle nicht einfach mal probieren, wenn sie den Eindruck haben, offenen und klugen Personen gegenüberzusitzen? So bleiben Sie Ihrem Gesprächspartner auf jeden Fall im Gedächtnis.

Unternehmen sind in der Regel an einer langfristigen Beziehung zu ihren Angestellten interessiert. Und wenn diese Mitarbeiter auch in unbequemen Situationen dem Unternehmen gegenüber mit offenen Karten spielen, kann das diesen Firmen für die Zukunft nur recht sein.

  • Aufgewachsen am Rande des Ruhrgebietes, studierte Stefan Dowe nach Abschluss seiner Lehre zum Industriekaufmann Betriebswirtschaftslehre an der FH Gelsenkirchen. Nach Studienaufenthalten in Spanien und China verschlug es ihn in die Schweiz, wo er einige Jahre als Personalberater und für eine Unternehmensberatung tätig war. Dann gründete Dowe, der homosexuell ist, Bewerbungspate.de. Dort können Jobsuchende ihre Bewerbungsunterlagen kontrollieren, optimieren oder erstellen lassen.
  • Bewerbungspate.de

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Udo Buschmann 02.05.2014
1. optional
Ich finde es trotzdem bedauerlich, dass in der heutigen Zeit überhaupt die Frage nach eingetragener Lebenspartnerschaft, klassische Heteroehe oder ledig gestellt wird. Dies ist und sollte privat bleiben. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Aber zu begrüßen ist doch, dass sich die Situation für Homosexuelle insgesamt verbessert hat. Die Akzeptanz ist heute eine größere als vor 20 Jahren.
kopp 02.05.2014
2. Wenn das alles so normal ist, verstehe ich nicht, warum...
... solche Ereignisse immer noch einen Artikel wert sind.
Mimimat 02.05.2014
3. Sehr gut!
Zitat von sysopCorbisFür den Personaler war es Small-Talk, für Stefan Dowe eine heikle Frage: Waren Sie mit Ihrer Freundin da? Er hat sich geoutet - und den Job gekriegt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/coming-out-im-vorstellungsgespraech-wann-ein-outing-sinn-macht-a-965822.html
Ich finde, wer mit seiner Homosexualität so umgeht, wie der Autor, der hat auch kein Problem mit dem Umfeld, dafür aber Respekt verdient. Ich sehe es ähnlich: Es sollte für das Umfeld zweitrangig sein, ob man nun hetero- oder homosexuell ist. Schlimm sind nur diejenigen, die ab dem Zeitpunkt ihres Outings herumstolzieren und es allen ständig zeigen müssen: "Sehr her, ich bin homosexuell!". Denn das nervt dann gewaltig. Ich kenne beide Varianten aus dem Berufsleben: ein Kollege lud eines Tages zur Hochzeit mit seinem Freund ein. Leichte Überraschung allenthalben, weil er keinem seine Ausrichtung auf die Nase gebunden hat. Ansonsten war das Thema durch und es war ne hübsche Feier. Der andere machte ein riesen Trara um sein Outing. Und er bewegte und sprach ab da völlig anders. Und DAS nervte dann.
Nr43587 02.05.2014
4. Immer schön bei der Wahrheit bleiben.
Homosexualität ist offiziell seit 1969 nicht mehr verboten, also seit 45 Jahren und nicht wie im Artikel fälschlich behauptet erst seit 20 Jahren.
zzyzzx 02.05.2014
5. Familienstand
Sollten Sie verpartnert sein, wird Sie der Familienstand auf dem Lebenslauf automatisch outen. Wäre mal spannend zu erfahren, ob hier "verheiratet" als falsche Angabe zu werten ist.
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