Alte Branche, neue Idee Die Crowd im Weinberg

Zwei Stuttgarter nehmen alte Weinberge wieder in Betrieb - als Start-up mit Crowdfunding. Die Unterstützer geben Geld und kraxeln zwischen den Reben rum. Den Wein kaufen Sternerestaurants.

Kendra T. Stenzel

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Der winzige Feind hat Verwüstung und beißenden Geruch hinterlassen. "Widerlich", flüstert Meike Nimmesgern, während sie konzentriert ein stinkendes lilafarbenes Klümpchen nach dem anderen auf den Boden schleudert. Seit zwei Stunden steht die Stuttgarterin mit rund 30 Leidensgenossen im Nieselregen am Weinhang, um zu retten, was zu retten ist.

Traubenlese klingt romantisch. Wäre da nicht die gemeine Essigfliege, die dafür verantwortlich ist, dass statt einfachem Pflücken für die Erntehelfer heute akribische Kleinarbeit auf dem Plan steht. Traube um Traube müssen sie untersuchen. Was gesund ist, kommt in die Kiste, der Rest wird weggeworfen. "In Jahren ohne so starken Befall erledigen wir die Lese mit halb so vielen Leuten doppelt so schnell", sagt Winzer Sebastian Schiller, während er mit kritischem Blick die mühsam befüllten Kisten wiegt.

An Helfern mangelt es Schiller und seinem Partner Dennis Keifer jedoch nicht. Ihre KSK Vintage Winery ist das erste Weingut Deutschlands, das sich nicht nur zu Beginn durch Crowdfunding finanziert hat, sondern im gesamten Prozess auf freiwillige Hilfe von Laien setzt. "Crowdproduction" nennen die beiden Stuttgarter ihr Konzept.

Pflügen, pflegen, pflücken

Rund hundert Investoren ermöglichen es den beiden ausgebildeten Winzern Keifer und Schiller seit 2013 eigene Trauben anzubauen und den kompletten Prozess vom Pflanzen bis zum Abfüllen selbst zu kontrollieren. Die Crowd bleibt dabei ständiger Begleiter - per Onlineplattform und Whatsapp. Und direkt vor Ort: Regelmäßig helfen die Unterstützer an den Weinhängen, pflügen, pflegen, pflücken. Manche reisen von weit her an, um Reben, für die sie eine Patenschaft übernommen haben, einen Besuch abzustatten - oder eben bei der Lese zu helfen.

Wein aus Stuttgart: Keifer und Schiller knüpfen an eine jahrhundertealte Tradition an, die Hänge reichen bis in den Stadtkern hinein. Doch viele Steilhänge verwildern inzwischen, weil der Anbau von Hand zu mühsam ist oder die Leidenschaft für den Weinbau nicht weitervererbt wird.

Keifer und Schiller verfolgen zwei Ziele: Sie wollen Menschen zum Mitmachen animieren, aber auch die "Kulturlandschaft erhalten und Wissen vermitteln", sagt Schiller.

Trollinger geht auch weiß

Ganz ohne ein bisschen Rebellion geht es allerdings nicht. Die bodenständige rote Traube der Region, Trollinger, keltern Keifer und Schiller kurzerhand weiß, um sie zur Cuvée zu verarbeiten. "Es geht darum, auch einfach mal Neues auszuprobieren", sagt Keifer. So entstand auch ein Lemberger/Cabernet, der seinen Höhepunkt erst nach 24 Stunden an der Luft erreicht. Und auch sonst experimentieren beide gern. So sollen pilzwiderstandsfähige Sorten langfristig den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln überflüssig machen.

Möglichst nachhaltig, gemeinschaftlich hergestellt, ein bisschen gegen den Strom: Mit Preisen von 10 bis 25 Euro pro wendet KSK sich an Käufer, die sich Konsum mit gutem Gewissen gern ein wenig mehr kosten lassen.

Wenn der Wein dann noch vom Gut um die Ecke kommt, umso besser: Nach wie vor sind heimische Weine laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) bei den deutschen Kunden mit Abstand am beliebtesten. Immer mehr Lebensmittelhändler erweitern ihr Sortiment um hochwertige Weine, die Preise ziehen an.

Winzer versuchen, sich mit reinen Bio- und Naturweinen neue Kundenkreise zu erschließen. Und auch der Vertrieb passt sich an. In Großstädten eröffnen immer mehr Vinotheken und urbane Weinkellereien. Neue Webseiten bieten Komplettservices an: für jeden Moment den passenden Wein. Die Entwicklung beschert dem deutschen Weinmarkt zwar noch keinen Boom, aber er hält sich relativ stabil.

Wein für Sternerestaurants

Schiller und Keifer können von ihrem Weingut allein bisher nicht leben. "Wer mit Wein arbeitet, muss Geduld haben", sagt Schiller, der hauptberuflich im Weinfachhandel arbeitet. Keifer ist Wirtschaftswissenschaftler. Zwar wächst ihre Anbaufläche stetig, aber dennoch wird es noch Jahre dauern, bis die beiden sich ausschließlich auf KSK konzentrieren können. Derzeit produzieren sie bei knapp einem Hektar Anbaufläche jährlich lediglich rund 5000 Flaschen - von denen einige in Sternerestaurants angeboten werden.

Bei der Weinlese engagieren sich gern junge Designer, Grafiker und Ingenieure - als Ausgleich zum Bürojob. "Die einen pflanzen Tomaten im Garten und freuen sich auf ihren Salat, die anderen helfen hier, lernen neue Leute kennen und bekommen am Ende eine Flasche Wein. Warum nicht?", sagt Stephanie Reichl. Matthias Helfert sieht das ähnlich: "Wir bekommen ja nicht nur ein bisschen meditatives Geschnippel im Weinberg. Hier wird Wissen vermittelt, das ansonsten langsam ausstirbt. Und spannender als der übliche Weintourismus ist es auch." Der Industriedesigner steht zum ersten Mal in einem Weinberg. "Das ist eines dieser Dinge, die man ewig abhaken will und nie tut - bis jetzt."

Nach vier Stunden am Hang sind die letzten Trauben sortiert, der Essigfliege ist der Garaus gemacht. Beim Gulasch mit den Helfern plant Schiller schon die Lese am nächsten Weinberg. Dort wartet ein weiterer Traubenfeind: Rehe. Doch das ist ein Problem für einen anderen Tag. Erst mal ein Glas Rotwein.



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