CSU-Spitzenkandidat Überall dabei, nirgends Verantwortung. Herrlich!

Was ist schon eine Kanzlerkandidatin! In der Union gibt es einen Job, der viel besser ist: Spitzenkandidat der CSU. So könnte die Stellenanzeige aussehen.

CSU-Parteizentrale in München
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CSU-Parteizentrale in München

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Ja mei, natürlich hat die CSU auch dafür gestimmt: Angela Merkel ist die gemeinsame Kanzlerkandidatin der Unionsparteien. War klar, zur Chancenoptimierung.

Ansonsten bringt aber eine andere Personalie die Christsozialen in Wallung: die des eigenen Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl. Auf den ersten Blick eine reine Wahlkampffunktion, halt der Mensch, der auf Platz 1 der CSU-Wahlliste steht. Aber wer es dorthin schafft, darf hinterher meist einen Schritt weiter. Wenn er Pech hat, wird er Minister. Mit ein bisschen Glück aber kann er CSU-Landesgruppenchef im Bundestag werden.

Was ist daran so toll? In der CSU gilt das Amt als der "zweitschönste Job der Welt". Horst Seehofer, der den Posten nie innehatte, aber bayerischer Ministerpräsident ist (allerschönster Job - sorry, Franziskus), brachte es mal auf die knackige Formel: "Überall dabei, nirgends Verantwortung. Herrlich!"

Alexander Dobrindt ist derzeit als Spitzenkandidat im Gespräch. Selbstverständlich nur gerüchtehalber, neben Markus Söder, Joachim Herrmann oder Ilse Aigner. Oder Horst Seehofer höchstselbst.

Da stellt sich die Frage: Was muss man als Spitzenkandidat der CSU eigentlich machen? Außer da oben rumzustehen, auf der Liste? Wie sähe wohl eine Stellenbeschreibung aus? SPIEGEL ONLINE hat sich eine ausgedacht:


Die Christlich-Soziale Union (CSU) sucht zum nächstmöglichen Eintrittstermin einen

Spitzenkandidaten (m/w)

Sie sind gesellig, politisch interessiert und reden gern vor Publikum, ganz gleich ob am Stammtisch oder in der Dreifachturnhalle? Sie würden sich als sehr konservativ bezeichnen? Sie halten "Laptop und Lederhose" bis heute für ein spritziges Bonmot über den Charakter Bayerns?

Dann sind wir an Ihrer Arbeit interessiert! Wir, das ist die CSU, eine regional begrenzte Partei mit unbegrenztem Selbstbewusstsein.

Unsere Spitzenkandidaten sind vor allem der offenen Rede verpflichtet. Was leichtfällt, weil alles, was Sie verbreiten, nicht den Test einer politischen Umsetzung bestehen muss. Das bleibt auch so, sollten Sie als Spitzenkandidat Gebrauch machen von Ihrem Vorrecht auf eine Anschlussverwendung als CSU-Landesgruppenchef.

In erster Linie allerdings müssen Sie die Positionen der Partei vertreten, auch wenn die sich kurzfristig ändern. Das geschieht in der Regel auf Zuruf durch unseren Parteivorsitzenden Horst Seehofer.

Zu den Redeeinsätzen gehören Wahlkampfveranstaltungen jedweder Größe, Medieninterviews und Liveauftritte im Fernsehen. Schlagfertigkeit ist die Schlüsselqualifikation. Willkommen sind außerdem Bewerber, die Hochdeutsch mit leicht süddeutscher Einfärbung verbinden, sowie Mitglieder einer der christlichen Konfessionen. Wobei hier eine formelle Mitgliedschaft völlig ausreichend ist - christliche Werte dienen in unserer Partei lediglich der Brauchtumspflege.

Wir erwarten hohes zeitliches Engagement und Freude am Reisen. Alle Kosten einschließlich eines eigenen Büroapparats werden erstattet. Die Aufgabe selbst ist nicht eigens vergütet, aber offen für alle möglichen Nebeneinkünfte. Arbeitsort ist vorwiegend Berlin.

Wir empfehlen als Grundlage ein bereits bestehendes Landtags- oder Bundestagsmandat. Für die CSU, natürlich. Bitte kalkulieren Sie das theoretische Risiko mit ein, aus strategischen Erwägungen nach der Wahl unerwartet Minister zu werden.

Anders als Sie vielleicht gewohnt sind, werden Frauen bei gleicher Qualifikation nicht bevorzugt eingestellt. Wir freuen uns über Ihre ausschließlich mündliche Bewerbung im geschickt lancierten Vier-Augen-Gespräch.



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insgesamt 60 Beiträge
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Seite 1
lupenreinerdemokrat 06.02.2017
1.
Es wurde der CSU halt auch schon lange nicht mehr so einfach gemacht, besser als die CDU dazustehen. Wenn man sieht, was für die CDU schon wieder für die Kandidatur ins Rennen geht, kann man ruhig feststellen, dass JEDE andere Partei die bessere Wahl ist ;-)
zynik 06.02.2017
2.
Hehe...die CSU ist wirklich ein großer Witz. Aber da sie jetzt Merkel zu "ihrer" Kanzlerin gemacht haben, hört das Gepöbel vom CSU-Stammtisch bestimmt auf. ;-)
g0r3 06.02.2017
3.
"Willkommen sind außerdem Bewerber, die Hochdeutsch mit leicht süddeutscher Einfärbung verbinden, sowie Mitglieder einer der christlichen Konfessionen. Wobei hier eine formelle Mitgliedschaft völlig ausreichend ist - christliche Werte dienen in unserer Partei lediglich der Brauchtumspflege." Das trifft den Nagel so richtig auf den Kopf.
D. Brock 06.02.2017
4. Ja, ....
... könnte man selbst kaum besser formulieren, mit Humor auf den Punkt gebracht würde ich sagen! Letztendlich sind das unionsinterne Probleme. Es wäre sehr spannend zu sehen, wenn CDU und CSU getrennte Wege gehen würden. Persönlich halte ich die Chancen für die CDU für gar nicht so schlecht, man muss die Wähler im Auge haben, welche die CDU gerade wegen der CSU nicht wählen, denn mit Verlaub, seriöse Töne aus dem CSU-Bayern sind so selten, dass man berechtigt der Meinung sein darf, sie seien nicht vorhanden. Aber sicherlich wird's da ein großes Meinungsspektrum geben.
nönönönö 06.02.2017
5. Klasse ;-)
wunderbar und treffend (mit leichtem Augenzwinkern) beschrieben. Es meckert sich so leicht, wenn man keine Verantwortung hat.
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