Völlig verrücktes Büro Heute arbeite ich mal im Piratenschiff

Die spinnen doch! Baumhaus, Carrerabahn und Wasserfall - für seine Mitarbeiter baute ein US-Unternehmer den wohl schrägsten Bürospielplatz der Welt. George Davison ist sicher: Je irrer die Umgebung, desto kreativer der Mensch. Aber Perfektion aus Pappmaché kann auch nerven.

Aus Pittsburgh berichtet

Terry Clark/ Davison

Seit dem Wasserpistolen-Überfall versteckt Clay Carlino, 39, Ersatzklamotten unter dem Schreibtisch. "Man weiß nie, wann es einen wieder erwischt", sagt er. Alle paar Wochen verbünden sich die Kollegen und machen Jagd auf ein neues Opfer. 59 gegen einen.

Gewöhnlich schießen sie mit Schaumstoff-Munition aus sogenannten Nerf Guns. Manchmal holt auch einer eine Wasserkanone hervor und schüttet Schredderpapier über dem Durchnässten aus, wie bei Carlino. Dann kehren alle wieder an ihre Schreibtische zurück. Die einen klettern ins Piratenschiff, die anderen in den Schuh oder die Höhle hinter dem Wasserfall.

Was ein bisschen kindisch klingt, ist für Carlino Arbeitsalltag. In einer 5600 Quadratmeter großen Halle am Stadtrand von Pittsburgh hat sein Chef George Davison, 49, seinen Traum des perfekten Büros verwirklicht: eine eigene kleine Welt mit überdimensionierter Carrerabahn, Baumhaus mit Rutsche, blau gefärbtem See und weißem Kunststoffschloss. Ein Disneyland ohne Micky Maus. Ohne Kinder. Und ohne Tageslicht.

In der Halle ist es schummrig, es riecht leicht nach Chlor. Ein Förderband an der Decke surrt leise. Es fährt Hundeschuhe, faltbare Löffel und Schneeschuhstempel im Kreis herum. Zeug, das man noch nie gesehen, geschweige denn vermisst hätte, von dem man aber sofort glauben mag, dass es sich blendend verkauft: auf Shoppingsendern wie QVC oder in Katalogen, die "Moderne Hausfrau" heißen.

Geistesblitz im Freizeitpark

Carlino und seine Kollegen entwerfen diesen Krempel hinter den quietschbunten Fassaden. Ihre erfolgreichsten Erfindungen bislang: Eine Allzweckschraube, mit der sich Toiletten besonders fest im Badezimmerboden verankern lassen. Ein Coladosenverschluss, der verhindert, dass Kohlensäure entweicht; eine Pfanne zum fettfreien Braten von Fleischbällchen. Im Schnitt verlassen 145 Prototypen jeden Monat die Halle. George Davison ist davon überzeugt, dass seine Mitarbeiter dieses Pensum in einem herkömmlichen Großraumbüro nicht wuppen könnten: "Hier drin arbeitet man ganz anders."

Fotostrecke

20  Bilder
Ausgefallene Firmensitze: Bürojobs im Wasserturm und im Bunker
Auf den ersten Blick sieht man davon wenig. Ob in der Höhle, im Schuh oder im Roboter, in jeder der 15 Bürokulissen starren Menschen auf Monitore. Merken sie überhaupt noch, in welch surrealer Kulisse sie sitzen? "Man gewöhnt sich sehr schnell daran", sagt John Lanham, 28. Er entwirft unter der Carrerabahn in einer Pseudo-Autowerkstatt Gadgets für Motorliebhaber. "Ich glaube aber schon, dass die Umgebung zumindest unterbewusst eine Rolle spielt."

George Davison behauptet, die Leistung seiner Mitarbeiter habe sich seit dem Umzug in die Märchenwelt deutlich gesteigert. Den Effekt habe er zuerst bei sich selbst bemerkt: Vor acht Jahren habe er sich, nah am Burnout, müde und lustlos gefühlt. Im Urlaub reiste er mit Familie in die Walt Disney World, "auf einmal sprudelte ich vor Ideen". In der Woche im Freizeitpark habe er abends mehr Produkte entworfen als in den Monaten zuvor.

Zurück in Pittsburgh schmiss Davison alle Pläne für den damals geplanten Firmenanbau in den Papierkorb und baute sich einen Arbeitspark. Für wie viel Geld, verrät er nicht, aber "für einen Betriebswirt ist das ein Albtraum hier, pure Verschwendung", sagt er und lacht so laut, dass es vom Baumhaus aus durch die ganze Halle dröhnt.

Zwischen Hundeknochen und Minizelt

Wie er so da oben über seinem Reich steht, mit zurückgekämmten silbergrauen Haaren, zugeknöpfter Weste und Wackelbauch, sieht er aus wie Marlon Brando in "Der Pate". Und fühlt sich wohl auch ein bisschen so. Sein Foto hängt im Flur neben den Bildern von Thomas Alva Edison, Albert Einstein und Henry Ford. Besucher lässt Davison im Vorzimmer erst vor einem weißen Regal stehen, dann fährt es zur Seite, und, oh Wunder, ein Torbogen aus Hartschaum weist den Weg in die wundersame Arbeitswelt. Die Mitarbeiter nehmen den Hintereingang.

Nathan Field, 33, hat schon für Davison gearbeitet, als es die Märchenhalle noch nicht gab. Monatelang suchte er 2006 auf Ebay und Craigslist nach Schatzkisten, Totenköpfen, Plastikhaien und anderen Bürodekorationen für die neue Bürowelt. "Ein Traumjob", sagt Field, es klingt nicht einmal ironisch. Wie fast alle hier hat er Grafikdesign studiert und vom Erfinderjob über fünf Ecken erfahren.

"Wir haben noch nie eine Stellenanzeige geschaltet und bekommen trotzdem jeden Tag zwei bis drei Bewerbungen", sagt George Davison. Die Arbeitsbedingungen scheinen auch ideal, zumindest auf den ersten Blick: Gearbeitet wird nur von Montag bis Donnerstag. Dann allerdings zehn Stunden am Stück, mindestens. Urlaub gibt es nur zehn Tage pro Jahr, was in den USA dem Standard entspricht. Und Arbeitsbeginn ist schon um sechs Uhr früh, weil Davison nicht will, dass seine Mitarbeiter morgens im Stau stehen.

Nathan Field hat an diesem Tag schon um fünf Uhr angefangen, vor 20 Uhr kommt er wohl nicht aus der Halle raus. Und sagt trotzdem: "Ich würde nirgendwo anders arbeiten wollen." Auch Clay Carlino ist ein großer Fan der Spielplatz-Architektur - "ein Großraumbüro wäre nichts für mich".

"Finanzleute wollen und brauchen das nicht"

Die beiden teilen sich die sogenannte Werkstatt, einen bunten Raum, der mit Klettband tapeziert ist. An der Wand kleben Stoffbälle, Notizen und Familienfotos. Es ist einer der gemütlicheren Arbeitsplätze: In der Fake-Küche sitzen die Kollegen zwischen Herd und Kühlschrank, in der Tierhütte zwischen Hundeknochen und Minizelten. Alle paar Monate werden die Plätze und Arbeitsgebiete getauscht: John Lanham etwa hat in der Autowerkstatt angefangen, wechselte dann ins Piratenschiff und wieder zurück. Sein Kollege kam vom Schiff in die Hütte. Dort erfindet er jetzt Hundespielzeug.

So verrückt die 15 Büros auch seien, jedes habe einen ernsthaften Hintergrund, versichert Davison: "Wer Produkte für Autofahrer entwirft, braucht mal ein Garagentor zum Testen, wer Kindersachen entwirft, braucht ein Kinderzimmer." Nur zum Piratenschiff fällt ihm keine wirklich überzeugende Argumentation ein: "Wenn man mal eines braucht, ist es gut, eines zu haben."

Dass Perfektion aus Pappmaché auf Dauer auch nerven kann, weiß jeder, der schon mal in einem Freizeitpark gearbeitet hat. George Davison sagt: "Manche Menschen lieben Walt Disney World, andere hassen es. Genau so ist es mit Inventionland. Es ist nichts für jeden."

Nicht einmal für jeden seiner Mitarbeiter. In der Märchenwelt arbeiten nur 60 der 250 Angestellten. Die anderen sitzen im Nebengebäude. In Großraumbüros brüten sie über Bilanzen, schreiben Rechnungen, beantragen Patente.

Ob sie gern mit den Designern tauschen würden? "Es ist noch niemand zu mir gekommen und hat sich beschwert", sagt Davison. "Finanzleute fühlen sich hier in der Regel auch gar nicht wohl. Sie brauchen diese besondere Arbeitsatmosphäre nicht und wollen sie auch nicht." Das habe biologische Gründe, meint er, linke und rechte Gehirnhälfte und so. Gefragt hat er seine Controller und Buchhalter nie.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
v.berzsin 26.08.2013
1.
Vollkommen bescheuert.
Kauzboi 26.08.2013
2. Soso
Zitat von v.berzsinVollkommen bescheuert.
Der Erfolg gibt ihm aber recht und lässt deinen Kommentar bescheuert aussehen.
Gorone 26.08.2013
3.
Zitat von v.berzsinVollkommen bescheuert.
Ja, am besten ein steriles, langweiliges Büro, wogegen sogar eine Knastzelle voller Lebensfreude sprüht...... Ich finde die Idee nett, solange nicht gänzlich übertrieben wird.
L!nk 26.08.2013
4.
Von 6 - 20 Uhr und 10 Tage Urlaub, Lebensfreude wäre dort bei mir immer nur gespielt ....
dennis x 26.08.2013
5.
was das wohl kosten mag...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.