Datenretter Wenn der Hund die Sim-Karte frisst

Urlaubsfotos, Telefonnummern, die Semesterarbeit: Wenn die Festplatte den Geist aufgibt, ist die Not groß. Aber manchmal ist nicht alles verloren - ein Besuch bei den Datenrettern.

Von Annick Eimer

Annick Eimer

"Hier ist nichts mehr zu holen", sagt Lars Müller kopfschüttelnd. Vor ihm liegt das offene Gehäuse einer Festplatte. Es glitzert wie in einem Schmuckkästchen. Die runde Platte ist in unzählige Stücke zersprungen.

Müller ist Datenretter. Bei ihm landen Festplatten und Flash-Speicherkarten, denen die verzweifelten Besitzer kein Foto und kein Dokument mehr entlocken können. Lars Müller arbeitet für eine kleine Leipziger Firma. Der Name ist Programm: Datarecovery.

Chef Jan Bindig hat das Unternehmen vor gut zehn Jahren gegründet. Heute beschäftigt er 25 Mitarbeiter und nennt die Branche ein Haifischbecken. Es gibt etliche Firmen, mit Datenrettung lässt sich viel Geld verdienen. Weil fast jeder Mensch mehrere Datenspeicher hat. Im Rechner, in der Kamera, im Handy. Und weil sie oft Schätze beinhalten. Persönliche Fotos, wichtige Dokumente, massenhaft Telefonnummern.

In einem Vorraum bimmelt bei zwei Mitarbeitern mit Headsets unablässig das Telefon. Die Notrufzentrale ist 365 Tage im Jahr rund um die Uhr besetzt. "Viele Anrufer sind mit den Nerven am Ende", sagt Bindig. Oft sind es Studenten wegen einer Semesterarbeit, die kurz vor Abgabetermin im Digitalnirwana verschwunden ist.

Schon ein Staubkörnchen kann Daten unlesbar machen

Einmal bangte ein Fotograf um seine Gesundheit, weil er die Bilder von der türkischen Hochzeit, für die man ihn engagiert hatte, nicht mehr finden konnte. Und ein Lehrer befürchtete, seine Schüler ohne Zeugnisse in die Sommerferien schicken zu müssen, weil er die Beurteilungen auf einer externen Festplatte gespeichert hatte. Sie überlebte einen holprigen Feldweg nicht, auf dem der Lehrer täglich zur Schule fuhr.

Die Festplatte ist Teil der Sammlung von Werkstattleiter Lars Müller. Lauter zerstörte Datenträger, so verkohlt oder völlig platt, dass keiner aussieht, als könne er noch irgendetwas preisgeben. Wie das iPhone, über das ein Lkw rollte. Müller gelang es trotzdem, die Informationen zu bergen.

  • Die Pannenparade: Zehn üble Daten-Desaster

Gegrilltes Notebook

Die Datenrettungsfirma Kroll Ontrack berichtet von einem besonders skurrilen Fall, bei dem ein Mann seine Daten ordentlich erhitzte: Als Versteck fürs Notebook hatte er den Ofen gewählt, vergaß dies leider über den Urlaub und machte den Ofen nach seiner Rückkehr an. Die Daten des gegrillten Rechners konnten gerettet werden. Deutlich häufiger passiert es, dass ein Brand Rechner zerstört. Die Überlebenschancen der Daten hängen davon ab, wie stark und wie lange sie erhitzt wurden - und davon, ob sie auch noch eine Ladung Löschschaum abbekommen haben.

Ab ins Klo

Hose runter, schon ist es passiert: Splash! - das Handy purzelt aus der Hosentasche in die Kloschüssel. Aber die Chancen, die gespeicherten Fotos und Telefonnummern wieder herzustellen, stehen für Datenretter gar nicht schlecht. Das gilt übrigens auch für Speichermedien nach dem Tauchgang in einem Fluss oder See. Salzwasser hingegen setzt dem Speicher meist schlimmer zu. Wichtig: Möglichst schnell den Akku herausnehmen, denn die Kombination Strom und Wasser ist verheerend.

Diktiergerät im Schleudergang

Nicht selten landen Diktiergeräte in der Waschmaschine. Oft sind es trottelige Anwälte, die damit ihre Plädoyers und Schriftsätze aufnehmen und die Taschen nicht ordentlich leeren, bevor sie die Hose in die Wäschetrommel stopfen. Den Waschgang können die Daten durchaus überleben, da die Geräte sich meist nach einer Weile selber ausschalten.

Zum Fenster hinaus

Computerforensiker von Kriminalämtern kennen diesen Fall: Bei der Hausdurchsuchung wirft der Beschuldigte den Rechner oder das Handy aus dem Hochhausfenster, um Beweismaterial zu vernichten. Hier gilt: Je tiefer der Fall, desto wahrscheinlicher die Zerstörung der Daten. Und: Eine Festplatte überlebt einen Sturz aus größeren Höhen eher selten. Die Daten auf dem Flash-Speicher eines Handys hingegen können häufig rekonstruiert werden.

Ab durch den Magen-Darm-Trakt

Hunde sind praktisch Allesfresser, und offenbar lieben sie Speicherkarten. Jedenfalls kommen bei den Datenrettern regelmäßig welche an, die ein Hund im Maul oder sogar verschluckt hatte. Das sind Speicherkarten erstaunlich robust: Ein Bad in Magensäure und ein bisschen Geschubse durch den rumorenden Darm einer Bulldogge schadet den Daten meist nicht.

Genüsslich zermalmt

Wie gesagt: Hunde lieben Speicherkarten. Verschlingt der Vierbeiner sie mit einem Haps, kann das den Daten oft nichts anhaben. Bei einem kraftvollen Biss jedoch kommt es auf die Größe des Zahns an und wo er getroffen hat: Hat er nur den Controller erwischt, lassen sich die Daten oft wieder herstellen. War's allerdings der Speicherchip, sieht es viel schlechter aus.

Stößchen!

Beliebt bei Outdoor-Freaks und Tolpatschen sind stoßsichere Festplatten, ummantelt mit einer festen Gummihülle. Stürze aus bis zu drei Meter Höhe halten sie aus, versprechen die Hersteller. Doch genau diese Festplatten landen besonders häufig bei Datenrettern, meist weil sie im laufenden Betrieb vom Tisch gefallen sind. "Head Crash" nennen die Spezialisten einen Datenunfall, bei dem der Lesekopf auf die Festplatte haut. Warum gerade diese Platten besonders häufig kaputt gehen, darüber lässt sich spekulieren - vielleicht macht das Prädikat "stoßsicher" übermütig.

Stete Belastung höhlt die Platte

Festplatten möchten einfach nicht spazieren getragen werden. Auch im Ruhezustand können permanente leichte Erschütterungen dazu führen, dass die Statik futsch geht. Die Platte hängt nicht mehr gerade, der Lesekopf gräbt Rillen in die Oberfläche.

Handy überfahren

Auch dieser Datenunfall ist recht gängig: Man legt das Handy aufs Autodach und fährt los. Landet es auf einer viel befahrenen Straße, kommt es schnell unter die Räder. Oder der Handy-Eigentümer fährt beim Ausparken gleich selber drüber. Was das mit den Daten macht, beeinflussen der Straßenbelag und das Fahrzeug, das darüber rollte. Aber selbst wenn das Handy völlig platt ist, besteht noch Hoffnung. Die Firma Datarecovery konnten die Daten aus einem Handy bergen, das von mehreren Pkw überfahren wurde, und die von einer kleinen Kamera, die ein Lkw zermalmt hatte.

Human Error

Profanes menschliches Versagen ist eine der häufigsten Ursachen für Datenverlust. Der Klassiker: Festplatte aufräumen und dabei Daten löschen, die sich darum nicht beworben haben. Hier gelten zwei Faustregeln: Bei Festplatten lässt sich meist mehr wieder herzaubern als bei Flash-Speichern. Wie viel, das hängt davon ab, wie häufig der Speicher wieder überschrieben oder ob er sogar neu formatiert wurde.

Eine Ausbildung zum Datenretter gibt es nicht. Firmenchef Bindig ist studierter Wirtschaftsinformatiker. Basteln und Reparieren lernte er schon vorher: In der Computer-AG der Pioniere in seiner Heimatstadt Chemnitz hat er die ersten DDR-Computer zerlegt und wieder zusammengebaut. Elektroniker Lars Müller schraubte hobbymäßig an Rechnern herum, bevor er Profi-Datenretter wurde. Sein erstes selbst repariertes Objekt: eine 10-Megabyte-Festplatte, deren Controller er austauschen musste, am heimischen Schreibtisch. "Da waren alle Bauteile noch richtig groß und handhabbar."

Bei den heutigen Speichermedien erreicht man mit haushaltsüblichem Werkzeug nicht mehr viel. Festplatten müssen im Reinraum geöffnet werden, denn schon ein winziges Staubkörnchen kann die Daten unlesbar machen. Speicherkarten, wie sie in Smartphones und Kameras zum Einsatz kommen, sind so kompakt und kleinteilig aufgebaut, dass die Datenretter mit dem Binokular arbeiten müssen, einem Spezialmikroskop. In minutiöser Kleinarbeit schleifen sie die Kunststoffe aus der Versiegelung ab oder ätzen sie weg, um an die Leiterbahnen zu gelangen und dort die Daten auszulesen. Für Speicherkarten gilt die Faustregel: je größer die Speicherkapazität und kompakter die Bauform, desto schwieriger die Datenrettung.

Bei der Datensicherung sind viele leichtsinnig

Was noch geht, bestimmt vor allem der Unfallhergang. Die Daten von frisch gewässerten oder im Straßenverkehr überfahrenen Handys lassen sich häufig rekonstruieren. Weitaus schwieriger wird es bei mutwillig zerstörten Geräten. "Wenn Wut im Spiel ist, dann ist die Zerstörung meist sehr groß", sagt Müller. Wo ein Hund zuschnappte, kommt es ganz darauf an, ob er die Karte ganz verschluckt oder auch gründlich gekaut und den Speicherchip zerbrochen hat (siehe Pannenparade oben).

Schicken Kunden ein Foto des zermalmten Speichers, können die Datenretter meist schon sagen, ob es Hoffnung gibt. Dieser Service ist bei Datarecovery kostenlos. Erst nach Einsendung des Datenträgers werden 69 Euro für die erste Analyse fällig. Die Rettungsarbeit kann einige Hundert oder sogar Tausende Euro kosten - wegen des Datenaufwands und der rasanten Produktzyklen, so Bindig: "Für jeden neuen Speicher müssen wir wieder einen Weg erarbeiten, wie wir an die Daten kommen. Das kostet viel Zeit und Geld."

Rund 70 Prozent ihres Umsatzes machen die Leipziger Datenretter mit Firmenkunden. Sie sind oft bereit, für Notoperationen viel Geld auf den Tisch zu legen. Dazu kommen zum Beispiel Fotografen, Künstler, Studenten - "alles Menschen, die sich eher nicht so viel Gedanken über Datensicherung machen", so Bindig. "Meist lernen sie aus dem Vorfall, es passiert ihnen nicht noch einmal, dass sie alle Daten verlieren."

Und dann gebe es da noch jene Kunden, über denen ein Voodoo-Zauber liege müsse: "Diesen Stammkunden passieren ständig Missgeschicke mit ihren Daten. Richtige Pechvögel."

  • David Einsiedler
    KarriereSPIEGEL-Autorin Annick Eimer (Jahrgang  1975) ist freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
flaxom 08.05.2015
1. Gute Datenretter und schlechte...
Es gibt gute und schlechte Datenretter. Ich kann an dieser stelle nur Kroll Ontrack aus Böblingen empfehlen, da funktioniert sowas immer reibungslos!
firenafirena 08.05.2015
2. Kein Mitleid
Von jedem, aber auch absolut jedem gängigen Gerät mit Speicher lässt sich heutzutage selbstständig, ohne Aufwand und mit minimalen Kosten ein Backup erstellen. Einfach eine externe Festplatte kaufen, bzw. den Umweg über den eigenen PC und fertig. Wer ernsthaft wichtige Unterlagen auf nur einem einzigen Datenträger sichert und das gerade bei so verhältnismäßig kleinen Dateien wie Semesterarbeiten, etc. hat es wohl verdient, nochmal von vorne zu beginnen.
kickmeto 08.05.2015
3. Richtig, Backups, je nach Daten sogar mehrfach...
Und notfalls auch mal in die Cloud. Ich hörte von einer Diplomarbeit auf einem Notebook, der dann samt fast fertiger Arbeit bei einem Einbruch aus der Wohnung gestohlen wurde. Das ist schon echt bitter, aber eben auch leicht vermeidbar, Speichermedien kosten doch kaum noch was.
Alkyone 08.05.2015
4. Thema
Zitat von firenafirenaVon jedem, aber auch absolut jedem gängigen Gerät mit Speicher lässt sich heutzutage selbstständig, ohne Aufwand und mit minimalen Kosten ein Backup erstellen. Einfach eine externe Festplatte kaufen, bzw. den Umweg über den eigenen PC und fertig. Wer ernsthaft wichtige Unterlagen auf nur einem einzigen Datenträger sichert und das gerade bei so verhältnismäßig kleinen Dateien wie Semesterarbeiten, etc. hat es wohl verdient, nochmal von vorne zu beginnen.
Bild Nr6 sieht aber überhaupt nicht nach Reinraum aus. Geöffnete Festplatte in einem normalen Raum
archback 08.05.2015
5. Vanitas, vanitas
Meine Fotos sind dreimal auf drei verschiedenen Festplatten gesichert. Erst dann wird der Kamerachip neu formatiert. Ich habe es schon zweimal erlebt, dass eine Festplatte ohne erkennbaren Grund ihren Geist aufgibt, einmal sofort alles weg, bei der anderen konnten nach und nach mehrere Ordner nicht mehr gelesen werden. Ich frage mich, ob sowas den Unbedarften, die ihre Fotos nur auf dem Laptop haben, nie passiert? Zukünftige Archäologen werden übrigens kaum noch Informationen aus unserer finden. Ich habe Papierotos von meinem Großvater aus dem ersten Welkrieg. Meine Nachkommen werden in 100 Jahren bestimmt keine Jpgs mehr finden.
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