Fluent English Alles sehr dreadful!

Es ist schlecht bestellt um die britische Befindlichkeit: Inzwischen wird nicht mehr nur über das Wetter genörgelt, sondern über einfach alles. Kolumnist Peter Littger ist zutiefst beunruhigt - und wagt einen Blick in die Seele des Vereinigten Königreichs.

Regen in Ascot, da rennen nicht nur die Pferde
REUTERS

Regen in Ascot, da rennen nicht nur die Pferde


Falls Sie britische Kollegen haben, ist Ihnen bestimmt schon aufgefallen, dass diese in letzter Zeit etwas nörgelig geworden sind. They have become somewhat whingy. Früher waren sie das nur, wenn sie über den Nieselregen klagten: "The drizzle is dreadful, isn't it?" - "It is dreadful, indeed."

Heute ist es ein Trauerspiel, ihnen auch bei Sonnenschein zuzuhören:

  • Europe: dreadful!
  • Prices in London: dreadful!
  • The English language outside the UK: dreadful!
  • The English football team: dreaaaaaaaaadful!

Bei so viel Trübsal drängt sich die Frage auf, was los ist auf der Insel. Woher kommt die neue Unzufriedenheit? Es kann doch nicht sein, dass die Briten auf einmal alle wichtigen Themen auf eine Stufe mit dem Nieselregen stellen.

Ich kann mir zwei Erklärungen vorstellen:

1. Wir erleben ein neues Stadium der berühmten britischen Selbstironie - a new kind of British self-deprecation. Die Verfassung der konstitutionellen Monarchie befindet sich auf dem Weg in ihren Endzustand: die gekrönte Anarchie.

2. Das Selbstbewusstsein der stolzen Seeräubernation hat sich mitsamt ihrer Ironie in Luft aufgelöst.

Weil ich keine Zeit für ein Studium der Massenpsychologie habe, frage ich kurzerhand meine nörgelnden Kollegen - und bekomme verblüffend direkte Antworten über die Katerstimmung im Land:

"There is a hangover feeling in the UK. Not many people seem to think that they benefit from growth and prosperity. We are torn between capitalism and socialism. We cling to the stock market as much as we cling to the National Health Service. And we blame both sides. In fact, we blame everyone and anything. We even blame the weather!"

Ich weiß ja nicht wie es Ihnen geht:

Mir gefällt daran nur der letzte Satz, weil er traditionell ironisch ist. Ansonsten scheint sich Großbritannien mitten in einem Klassenkampf zu befinden. Etwas Ähnliches hatte ich schon von einem Lord namens Stephen Green gehört. Er war früher Direktor der Bank HSBC und danach britischer Handelsminister. Vor einem Jahr sagte er snobistisch verklausuliert: "50 percent of UK households are currently rearranging their financial setup." Das hieß im Klartext: Mindestens die Hälfte aller Briten ist pleite. Ich würde sagen: That's really dreadful!

Wie kritisch der Zustand der nationalen Psyche wirklich ist, hat der Londoner Journalist Rob Temple mit einem genialen Orakel herausgekitzelt, das er VeryBritishProblems nennt. Es bringt verbreitete Störgefühle ans Licht und öffnet faszinierende wie verstörende Einblicke ins britische Gemüt. Temple startete sein Projekt im Dezember 2012 bei Twitter. Seitdem folgen ihm dort unter @soverybritish mehr als 900.000 Menschen - das sind mehr als sich für Neuigkeiten der Queen @BritishMonarchy interessieren.

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Studie: So gut spricht die Welt Englisch
Bisher hat Temple rund 800 typische Problemsituationen beschrieben und verbreitet - ein Teil davon auch in einem Buch mit der treffenden Unterzeile: "Making Life Awkward for Ourselves, One Rainy Day at a Time" - wie wir uns jeden Tag zur Qual machen und einen Regentag nach dem anderen erleben.

Die alltäglichen Schilderungen muten an wie Witze, zum Beispiel: "Wie fühlt sich ein Brite, der glaubt, dass er ein besseres Essen bestellt hat als die anderen? Er schämt sich." Die sehr britischen Probleme zeigen, wie die Briten heucheln, aber unter der Heuchelei anderer leiden. Wie schüchtern sie sind und wie Schuldgefühle sie plagen. Wie sie sich in falsche Höflichkeiten verstricken und sich andauernd entschuldigen:

  • Was macht ein Brite, der in einen leeren Raum kommt, in dem das Licht brennt und der Wasserkocher brodelt? Er sagt "Sorry" - zuerst zum Raum, dann zum Licht und schließlich zum Wasserkocher.
  • Was macht ein Brite, der sich auf ein Sofa wirft? Er entschuldigt sich beim Sofa.
  • Was macht ein Brite, dem die Tür aufgehalten wird? Er bedankt und entschuldigt sich so lange, bis ihm keine Dankformeln und Entschuldigungen mehr einfallen: "Sorry. Thanks.", "Oops. Ta", "My fault. Cheers", "Apologies. Nice one."

Die Problemverdrängung führt so weit, dass sich die Briten ständig gegenseitig verarschen: "I might join you later" bedeutet: "Heute verlasse ich das Haus nicht mehr." Und in Bahnhöfen steht:

Train due: 18:00

Train expected: 18:04

Time now: 18:12

Status: On time

Längst ist Rob Temple zum Anführer einer großen britischen Bewegung geworden, die sich ausführlich mit den eigenen Psychosen und Neurosen, Ängsten und Komplexen beschäftigt. Auch die Großmeister britischer Ironie haben sich angeschlossen: Rowan Atkinson, John Cleese, Stephen Fry, Ricky Gervais, David Mitchell. Die Resonanz ist sensationell. Das Projekt hat einen Nerv getroffen.

Aus deutscher Sicht ist das Ganze bemerkenswert, weil wir in fast allen Situationen anders denken und handeln würden. Dass wir uns manchmal gegenseitig anrempeln ohne nur ein Wort der Entschuldigung, ist der peinliche Teil. Beruhigend finde ich hingegen, dass wir einen reservierten Sitz in der Bahn nicht aufgeben würden, nur weil bereits ein Mann auf ihm sitzt, der wohlhabend aussieht - wie es offenbar viele Briten machen.

Beim schwedischen Bekleidungskonzern H&M erklärte mir einmal der Boss, dass Deutsche die niedrigsten Preise in Europa zahlen und alles umtauschen, was ihnen nicht gefällt oder was kaputt ist. Briten zahlen im Vergleich die höchsten Preise und tauschen nichts um. Inzwischen ahne ich, warum das so ist.

Klassenkampf hin oder her - ich glaube, das Orakel von Rob Temple sagt viel mehr über den geistigen Zustand unserer britischen Freunde als jede soziale Theorie. Zum Glück steckt viel heilsame Selbstironie dahinter. Aber leider liegt ihm auch die wahre geistige und seelische Krise eines Volkes zugrunde, das im Moment allem Anschein nach sehr komplexbehaftet durch die Welt und vor allem durch Europa stolpert. Es bleibt spannend, das Orakel weiter zu verfolgen. Demnächst, wie ich höre als TV-Sendung.

"The compleX factor" wäre ein passender Titel.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Peter Littger sammelt in seiner "Fluent English"-Kolumne die schönsten Englisch-Patzer und Beispiele für sprachliche Kreativität. Ihn beschäftigt seit der Schulzeit, wie wir Deutschen im Ausland ankommen und mit fremden Sprachen und Sitten umgehen. Er ist Co-Herausgeber der soeben in englischer Sprache erschienenen Essaysammlung "Common Destiny vs. Marriage of Convenience. What do Britons and Germans want from Europe?"

    .
  • Das Buch bei Amazon.

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
sound67 10.12.2014
1. Unwahr
Hier wird für etwas selbstgefälligen Humor die Wahrheit strapaziert: "Train due: 18:00 Train expected: 18:04 Time now: 18:12 Status: On time" Ich reise sehr oft mit dem Zug in Großbritannien, und diese Kombination auf Hinweistafeln GIBT ES NICHT. Entweder(!) steht dort "on time" oder "expected" (bei Verspätungen). Das soll wohl witzig sein. Die Wahrheit ist (und die Engländer wissen das selbst nicht): Im Mittel sind die Züge pünktlicher als in Deutschland.
bonngoldbaer 10.12.2014
2. Gute Nachricht
Nachdem die schlimmste Feindin, die die Briten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten, endlich unter der Erde ist (thanks to God and his Holy Mother), entdecken sie also jetzt endlich den Klassenkampf wieder, den dieses Weib aus unedlem Metall ihnen abgewöhnen wollte. Wenn das kein Grund zur Freude ist...
mangeder 10.12.2014
3. Lol
Zitat von bonngoldbaerNachdem die schlimmste Feindin, die die Briten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten, endlich unter der Erde ist (thanks to God and his Holy Mother), entdecken sie also jetzt endlich den Klassenkampf wieder, den dieses Weib aus unedlem Metall ihnen abgewöhnen wollte. Wenn das kein Grund zur Freude ist...
Dazu fällt mir nur ein: Ding Dong! The Witch Is Dead!
Bashir001 10.12.2014
4. So true
sound67, volle Zustimmung! Die Bahnverbindungen auf der Insel funktionieren nach meiner Erfahrung sehr gut. Cheers, Bashir
ajf00 10.12.2014
5.
Zitat von sound67Hier wird für etwas selbstgefälligen Humor die Wahrheit strapaziert: "Train due: 18:00 Train expected: 18:04 Time now: 18:12 Status: On time" Ich reise sehr oft mit dem Zug in Großbritannien, und diese Kombination auf Hinweistafeln GIBT ES NICHT. Entweder(!) steht dort "on time" oder "expected" (bei Verspätungen). Das soll wohl witzig sein. Die Wahrheit ist (und die Engländer wissen das selbst nicht): Im Mittel sind die Züge pünktlicher als in Deutschland.
Haben Sie eine Quelle fuer diese Behauptung? Als Deutscher in England faellt es mir sehr schwer das zu glauben. Als Network Rail hier mal Stolz plakatiert hat, das laut Umfragen die Englaender am Zufriedensten in Europa mit ihrem Bahnsystem sind, musste ich wirklich laut lachen, da es wirklich mehr ueber die Englaender sagt als ueber die englische Bahn. Mag sein das die Briten momentan vieles dreadful finden, aber sie sind auch extrem hartnaeckig darin Unzulaenglichkeiten einfach hinzunehmen, ohne sich darueber zu beschweren. Was hier teilweise noch als Zug durchgeht, sind wahrscheinlich alte Bundesbahnwagons die in Deutschland in den 1980er Jahren ausrangiert wurden (automatisch schliessende Tueren sind keineswegs eine Selbstverstaendlichkeit, kann ja auch jemand bei jedem Stop einmal den Zug langlaufen und die Tueren von Hand schliessen!).
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