Frage an den Berufsberater Mein Chef hat mir die Kündigung nahegelegt

Alles lief gut - bis der neue Chef kam: Er kritisiert eine Mitarbeiterin scharf und rät ihr, zu kündigen. Warum die Angestellte trotzdem nicht auf ihrem Recht beharren sollte, erklärt Karrierecoach Matthias Martens.

Ärger im Büro
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Ärger im Büro


"Ich habe vor neun Monaten einen neuen Chef bekommen. Er hat mich jetzt zu sich ins Büro gebeten und meine Arbeitsweise kritisiert. Im Gespräch habe ich mein Unverständnis geäußert, weil ich von meiner alten Führungskraft immer gute Beurteilungen erhalten hatte. Daraufhin hat mir der Neue nahegelegt, einen neuen zu Job suchen, denn er plane künftig ohne mich. Wie verhalte ich mich jetzt?", fragt Angelika F., 43, Sachbearbeiterin im Einkauf.
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Karriereberater Matthias Martens antwortet:

Das klingt leider nach einer verfahrenen Situation. Zuerst die Fakten: Ihr Chef formuliert die Anforderungen und bestimmt den Beurteilungsmaßstab. Das gilt auch, wenn er die Abteilung erst wenige Monate leitet und Sie zuvor durchweg positive Beurteilungen erhalten haben. Klar ist auch: Eine verhaltensbedingte Arbeitgeberkündigung erfordert grundsätzlich eine dokumentierte Leistungskritik und Abmahnung. Demnach haben Sie arbeitsrechtlich zunächst nichts zu befürchten. Doch das ist nur ein Teil des Problems.

Die Kernfrage ist: Warum wird Ihr Chef bereits beim ersten Kritikgespräch so drastisch und legt Ihnen eine Kündigung nahe? Jetzt kann er nicht mehr zurück, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Eine kluge Führungskraft würde ihren Mitarbeitern zuerst die Erwartungen verdeutlichen, bei Bedarf Verbesserungen einfordern und Unterstützung anbieten. Dies wäre viel einfacher und günstiger, als sich von ihnen zu trennen. Denn es kostet ihn viel Zeit und Geld, bis ein neuer Mitarbeiter gefunden und eingearbeitet ist. Hier steckt vermutlich mehr dahinter.

Was sind die wahren Gründe?

Vielleicht haben Sie kritische Aussagen in den vergangenen neun Monaten überhört, falsch interpretiert oder gar ignoriert? Wie schätzen Sie die Arbeitsbeziehung zu Ihrem neuen Chef ein? War Ihre Zusammenarbeit bisher von gegenseitiger Wertschätzung, Offenheit und Vertrauen geprägt? Oder tritt nun ein unterschwelliger Konflikt zu Tage? Es ist auch möglich, dass Ihr Chef unter Kostendruck steht und Personalkosten senken will, indem er Sie hinausdrängt.

Weil so viele Fragen ungeklärt sind, empfehle ich Ihnen: Suchen Sie das direkte Gespräch mit Ihrem Chef. Dabei sollten Sie sich offen für seine Rückmeldungen zeigen - auch, wenn Ihnen nicht gefällt, was Sie hören. Nur so können Sie einschätzen, wo genau das Problem liegt und welche Strategie für Sie sinnvoll ist.

Theoretisch könnten Sie Ihre Energie in eine Verteidigungsstrategie und die Optimierung Ihrer Arbeitsweise stecken. Dafür müssen die neuen Anforderungen allerdings für Sie erreichbar sein. Vielleicht gelingt es Ihnen, sich mit Feedback, Training und Tipps von Kollegen zu verbessern. Ob sich dadurch die Arbeitsbeziehung wieder verbessert und Ihnen Ihr Chef eine echte Chance gibt, darf bezweifelt werden. Dafür ist er eigentlich schon zu weit vorgeprescht.

An manchen Jobs sollte man nicht festhalten

Sollten Sie im Gespräch merken, dass unüberbrückbare Differenzen bestehen, rate ich Ihnen dringend, sich nach einem neuen Job umzusehen. Ich erlebe immer wieder Menschen in der Karriereberatung, die versuchen, das Unvermeidliche aufzuhalten. Die Erfahrung zeigt, dass sie in den meisten Fällen verlieren. Zuerst die Freude an der Arbeit, dann die Erfolgserlebnisse und zuletzt den Job.

Ich sage Ihnen das nicht gerne, denn das ist alles andere als gerecht. Aber dieser Realität sollten Sie ins Auge blicken: Es ergibt wenig Sinn, an einem Job festzuhalten, der Ihnen keine Zukunftsperspektive bietet.

Überlegen Sie sich einmal in Ruhe, worin Ihre Stärken bestehen. Was ist Ihnen in der Vergangenheit immer wieder besonders gut gelungen? Woran haben Sie Spaß? Welche Themen interessieren Sie? Welche Arbeitsbedingungen benötigen Sie, um produktiv zu sein? Wenn Sie unsicher sind, ob Ihre Fähigkeiten am Arbeitsmarkt oder in anderen Abteilungen des Unternehmens gefragt sind, dann gleichen Sie die Anforderungsprofile interessanter Stellenausschreibungen mit Ihrem eigenen Profil ab. So können Sie mit kühlem Kopf abwägen, ob Sie für Ihren Job kämpfen wollen oder die Energie in die Suche nach einer neuen Aufgabe investieren.

Ein Jobwechsel beinhaltet immer Unsicherheiten und Risiken - doch er bietet auch Chancen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten wieder unbelastet, mit Freude und frischer Energie arbeiten, Erfolge erzielen und neue interessante Menschen kennenlernen. Wie wäre das? Und außerdem können Sie sich den Abschied mit etwas Verhandlungsgeschick durch eine Abfindungszahlung versüßen lassen.

insgesamt 43 Beiträge
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Seite 1
Luna-lucia 28.04.2016
1. mit 43?
einen andern Job suchen, das wird nicht einfach werden! Aber vielleicht lässt sich ihr Chef, falls sie keine Schwierigkeiten hinsichtlich der Kündigung machen, zumindest auf ein gutes Zeugnis ein? Ein Zeugnis, mit einer super Empfehlung für ihre Zukunft in einer neuen Arbeitsstelle - erst wenn er auch das verweigert, also wir würden dann auf jeden Fall den Klageweg beschreiten. Fragt sich, ob ihr Chef sich das (vielleicht in einem kleineren Ort) geschäftlich / moralisch / und mit einer guten "Ortsbekanntschaft", überhaupt leisten kann!?
ludna 28.04.2016
2. Mein Rat,
wenn es geht zur Gewerkschaft, eventuell Betriebsrat. Auf jeden Fall Anwalt nehmen, natürlich nicht kündigen. Zur Not die Abfindung mit nehmen. Wer weiss, vielleicht ist der neue Chef schneller wieder weg als die Angestellte. Und der Rat von Herrn Martens könnte auch vom Chef kommen. Wenn er dem Chef helfen will, bitte, aber dann soll er es auch zugeben.
rst2010 28.04.2016
3. wenn man es nicht schafft, vorgesetzter des chefs,
der einen loswerden will, zu werden, kann man gehen. es bringt nichts mehr. ein kleinkrieg kostet beide seiten gesundheit und nerven.
hamburg2001 28.04.2016
4. Manchmal hilft warten
Zitat von ludnawenn es geht zur Gewerkschaft, eventuell Betriebsrat. Auf jeden Fall Anwalt nehmen, natürlich nicht kündigen. Zur Not die Abfindung mit nehmen. Wer weiss, vielleicht ist der neue Chef schneller wieder weg als die Angestellte. Und der Rat von Herrn Martens könnte auch vom Chef kommen. Wenn er dem Chef helfen will, bitte, aber dann soll er es auch zugeben.
Hatte ziemlich das gleiche Gespräch. Ich mag meinen Job und habe gesagt, dass ich nicht freiwillig gehe (auch nicht mit Abfindung). Ein Jahr später war er weg und ich bin immer noch da.
friespeace 28.04.2016
5. Recht hat er
Der Rat ist doch sinnvoll! Noch hat die Dame zum Einen ausreichend Zeit (Sie ist ja noch nicht gekündigt worden!) und kann sich aus einer starken Position heraus umschauen/bewerben. Wenn Sie zudem noch eine gute Abfindung rausverhandelt: doppelt gut. Natürlich kann man den harten Weg nehmen, aber fest steht doch tatsächlich, dass sie nun jeden Tag ins Büro zu einem Chef kommen muss, von dem sie weiß, dass er wenig von ihr hält. Das ist extrem belastend, mehr noch für sie als für ihn. Und am Ende des Tages besteht dann sogar noch die Möglichkeit (wenn auch eher theoretisch), dass der Chef tatsächlich abmahnbares Verhalten bei ihr entdeckt und sie dadurch rauskegelt. Also: zumindest intensiv den Markt (und den eigenen Marktwert) überprüfen sollte die gute Dame in jedem Fall. Und wenn sie ein Angebot hat, dann schön das finanziell beste aus der Situation machen!
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