Brautmoden-Designerin Maßgeschneidert in die Homo-Ehe

Eingetragene Lebenspartnerschaften gibt es längst. Aber kaum Hochzeitsmode für Homosexuelle. Damit hat die Mainzer Modedesignerin Helen Bender eine Marktlücke entdeckt. Sogar zur Fashion Week in New York wurde sie schon eingeladen.

Bernd Siegel/ Foto Rimbach

Von Steve Przybilla


Überm Schneidertischchen thront Marilyn Monroe. "Das war eine wahnsinnig ausdrucksstarke Frau", sagt Helen Bender, 27. "Bunt, schrill und immer passend gekleidet. Für mich ist sie eine echte Inspiration." Die Modedesignerin aus Mainz hat sich erst vor wenigen Monaten selbständig gemacht, wird aber schon mit Aufträgen überhäuft. Ihr Geschäftsmodell: maßgeschneiderte Hochzeitsmode für homosexuelle Paare.

"Ich habe schon zu Uni-Zeiten ein bisschen geschneidert", erzählt Bender, die Betriebswirtschaftslehre studiert und die Modefachschule Sigmaringen besucht hat. "Irgendwann fragte mich ein befreundetes lesbisches Paar, ob ich ihre Hochzeitsoutfits entwerfen würde." Bender fing an zu nähen - und stieß in eine Marktlücke vor, ohne es zu ahnen. "Das hat sich superschnell herumgesprochen. Ich war kaum fertig, da kamen schon die nächsten Kundinnen."

In Deutschland gibt es laut Lesben- und Schwulenverband derzeit rund 37.000 eingetragene Lebenspartnerschaften. Ein riesiger Markt, den bisher kaum jemand erschlossen hat. "In dieser Nische ist keines unserer Mitglieder tätig", sagt Tanja Croonen vom Modeverband German Fashion. Beim Gesamtverband Textil + Mode hat überhaupt noch niemand von dem Thema gehört.

Ab zur Modenschau nach New York

"Nicht alle Frauen wollen sich mit zwei Hosenanzügen zufriedengeben", so Helen Bender. Sie kennt höchst unterschiedliche Wünsche der Paare. "Den maskulinen Typen gibt es nicht in jeder lesbischen Beziehung. Manche stehen eher auf lange Kleider, andere auf etwas Schlichtes." Um das passende Outfit zu finden, trifft sich die Modedesignerin mehrmals mit ihren Kunden, bevor sie einen Prototypen anfertigt. "Der ist zwar aus billigem Ikea-Stoff, vermittelt aber einen guten ersten Eindruck."

Die Produkte unter dem Label "La Mode Abyssale" (grenzenlose Mode) haben mit klassischen Hochzeitsklamotten nicht viel gemein: Mal entwirft sie eng geschneiderte Seidenkleider, mal Hosenanzüge oder Kombinationen aus Röcken und Blusen. Brautpaare, die Chucks auf dem Standesamt tragen? Auch das gehört zur "grenzenlosen Mode".

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Anfang September fiel Bender aus allen Wolken, als sie eine Einladung zur Couture Fashion Week nach New York erhielt. "Ich hatte mich einfach mal beworben, ohne ernsthaft an eine Zusage zu glauben." Die kam prompt. In New York wurden gleichgeschlechtliche Ehen vor zwei Jahren legalisiert. "Vielleicht hat das den Ausschlag gegeben", sagt Bender. In nur sechs Wochen musste sie acht Stücke entwerfen, während zwei Kundinnen warteten: "Ich habe sogar im Flugzeug noch genäht."

Kurz vor der Modenschau zitterten der jungen Designerin die Knie. "Das war meine erste Show. Da komme ich aus meinem Mini-Atelier in Mainz und soll plötzlich Models für meine Kollektion in New York auswählen. Der Hammer." Selbst in den USA sei Homo-Ehe-Mode noch etwas Neues. "Das hat mich schon erstaunt, dass sich auch dort bis jetzt kaum jemand darauf spezialisiert."

Wo bleiben die Schwulen?

Inzwischen haben sich schon einige Paare ihr Ja-Wort in Helen Benders Entwürfen gegeben. So auch Nadine Lingemann, 37, und Susanne Jenz, 35, aus Köln. "Ich wollte unbedingt ein Kleid", erzählt Lingemann, "aber für meine Frau wäre das nichts gewesen. Zu ihr passt eher ein Einteiler." Nach einigen Treffen in Mainz waren die Entwürfe fertig - und die Kundinnen zufrieden. "Helen hat's einfach drauf", schwärmt Lingemann. "Sie hat sofort erkannt, welche Typen wir sind."

Ganz billig sind die maßgeschneiderten Kollektionen nicht. Zwischen 1400 und 2000 Euro kostet ein Outfit, hinzu kommt das Material. "In Brautläden ist es aber auch nicht wirklich günstiger", kontert Bender. Damit die Hochzeitskleidung rechtzeitig fertig wird, müsse man mindestens drei Monate im Voraus einplanen. "Das Nähen an sich geht relativ schnell, aber die Planung nimmt viel Zeit in Anspruch."

Während lesbische Paare das Angebot dankbar annehmen, wollen schwule Männer noch nicht so recht den Weg in Benders Atelier finden. "Vielleicht haben sie es leichter, weil sie zum Herrenausstatter gehen können", mutmaßt Klaus Jetz vom Lesben- und Schwulenverband. Dabei hätte Helen Bender schon so einige Ideen: "Ein langer, grafenmäßiger Anzug, das wär's."

Ein Kleid wird die Modedesignerin allerdings auf keinen Fall nähen: ihr eigenes. "Wenn ich meine Verlobte nächstes Jahr heirate, soll das eine Überraschung werden. Ich habe schon eine Freundin gefragt, ob sie sich darum kümmert." Und das ihrer Partnerin? "Weiß ich noch nicht", sagt Bender und verkneift sich ein Lachen. "Daran soll die Hochzeit bestimmt nicht scheitern."

  • Steve Przybilla (Jahrgang 1985) ist freier Journalist und lebt in Freiburg im Breisgau.

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