Deutsch-polnischer Grenzverkehr Makler am Ende der Welt

Sie kommen, kaufen ein Haus in Deutschland - verdienen aber weiter in der Heimat ihren Lebensunterhalt. Schon vor der neuen EU-Freizügigkeit gehört für viele Polen die Fahrt über die deutsche Grenze zum Alltag. Getragen vom eigenen Aufschwung, küssen Stettiner die verschlafene Uckermark wach.

Makler Popiela: "Unsere polnischen Kunden wollen weiter in Stettin arbeiten"
Ulrich Krökel

Makler Popiela: "Unsere polnischen Kunden wollen weiter in Stettin arbeiten"

Von Ulrich Krökel


Deutschland als Billigheimer - das ist eine ungewohnte Rolle. Jahrelang sah der deutsch-polnische Grenzverkehr so aus, dass Deutsche gen Osten fuhren, um ihre vergleichsweise üppigen Gehälter zu lachhaften polnischen Preisen zu verjubeln. Doch in der Gegend von Stettin läuft es genau umgekehrt: Polnische Grenzgänger lassen sich immer häufiger in der deutschen Uckermark nieder und pendeln zur Arbeit nach Stettin.

"Seit die Pass- und Zollkontrollen weggefallen sind, ist das zu einem alternativen Lebensmodell geworden", sagt Radoslaw Popiela und verweist auf Polens Beitritt zum Schengenraum im Dezember 2007.

Popiela, 33, ist so etwas wie Pionier und Nutznießer dieser Entwicklung in einer Person. Seit drei Jahren lebt er mit seiner Frau Dominika und den beiden kleinen Söhnen im uckermärkischen Rosow, nur einen Steinwurf von der Grenze entfernt. Seinen Lebensunterhalt verdient er dort als Immobilienhändler.

"2008 haben wir selbst nach einer größeren Wohnung in Stettin gesucht", erzählt er. Dort aber schnellten damals wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung die Mieten in die Höhe. "Dominika hat durch Zufall dieses Haus auf der deutschen Seite entdeckt. Es war zwar sanierungsbedürftig, aber das haben wir in Eigenarbeit erledigt", erzählt Popiela bei einem Rundgang über das 2000 Quadratmeter große Grundstück. "Der gesamte Komplex hat uns gerade so viel Geld gekostet, wie wir für eine Ein-Zimmer-Wohnung in Stettin bezahlt hätten."

"Für Deutsche das Ende der Welt, für Polen das gelobte Land"

Popielas Modell ging in Serie. "Immer wieder kamen Freunde und Bekannte und fragten, wie wir das gemacht haben", schildert er seine Anfänge als Makler. "Das war zunächst nur ein Hobby von mir."

Freizügigkeit - worum geht es?
Warum so freizügig?
Die Freizügigkeit der Arbeitnehmer zählt zu den vier Grundfreiheiten des Gemeinsamen Binnenmarktes der Europäischen Union (EU). Jeder Bürger der EU darf demnach eine Arbeit in jedem Mitgliedsland der Union aufnehmen, und zwar zu den selben Bedingungen wie die Einheimischen.
Ganz so frei doch nicht
Deutschland hat - wie Österreich - die Freizügigkeit für Arbeitnehmer wegen des hohen Einkommensgefälles zwischen alten und neuen EU-Mitgliedstaaten vorübergehend eingeschränkt. Dies sollte den ungezügelten Zuzug von Billiglöhnern aus den neuen EU-Ländern verhindern und damit auch Verwerfungen am Arbeitsmarkt. Vereinbart wurden deshalb Übergangsfristen von maximal sieben Jahren, in denen die Arbeitnehmerfreizügigkeit ausgesetzt werden kann. Dies betrifft derzeit noch zehn EU-Beitrittsländer. Ende April fallen die Beschränkungen für acht dieser Länder weg.
Osteuropäer jetzt freizügiger
Ab dem 1. Mai brauchen damit Arbeitnehmer aus den acht osteuropäischen EU-Beitrittsländern des Jahres 2004 - Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, die Tschechische Republik und Ungarn - keine Arbeitserlaubnis für Deutschland mehr.
Letzte Hürden bis 2013
Die Freizügigkeit gilt noch nicht für Bürger aus Bulgarien und Rumänien. Die Arbeitsmarkt-Einschränkungen für diese beiden Länder, die erst 2007 der EU beitraten, fallen aber Ende 2013 weg.
Text: mamk/dpa
Bis 2009 war Popiela Generalsekretär der kleinen linksliberalen "Partia Demokratyczna" und verbrachte viel Zeit in Warschau. Doch dann zerbrach das Wahlbündnis mit den Sozialisten. "Allein hatte meine Partei keine Zukunft. Außerdem haben wir zwei kleine Kinder. Also habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und bin Immobilienhändler in der Uckermark geworden."

Es ging gut - trotz der Finanzkrise, die den Start überschattete. Das Geheimnis des Erfolgs ist denkbar einfach: "Der Preis zählt", sagt Popiela. "Eine Zwei-Zimmer-Standardwohnung in Stettin kostet derzeit knapp 100.000 Euro. Dafür ist auf der deutschen Seite problemlos ein renovierungsbedürftiges Haus mit großem Grundstück zu haben." Und leer stehende Altbauten gibt es in der Uckermark genug. "Für die Deutschen ist diese Gegend das Ende der Welt, die ziehen nicht hierher", sagt Popiela. "Für uns Polen dagegen ist es das gelobte Land."

Erhard Polzer gehört zu den Ausnahmen, die Popielas Regel vom "Ende der Welt" bestätigen. "Ich bin freiwillig in den Osten gegangen", sagt der weißhaarige Mann, der als 50-Jähriger kurz nach der deutschen Einheit aus Frankfurt am Main ins brandenburgische Eberswalde zog, um dort einen Gewerbepark aufzubauen. Seit kurzem arbeitet der Immobilienberater eng mit Popiela zusammen. "Ich führe die Gespräche mit deutschen Kreditgebern", erläutert Polzer, "und Radoslaw knüpft die Kontakte zu unseren polnischen Kunden." Die beiden unterhalten sich auf Englisch, obwohl Popiela gut Deutsch spricht. "So reden wir auf einer Ebene miteinander", sagt Polzer.

Arbeitnehmer-Freizügigkeit bringt keine Revolution

In den wenigen Jahren hat sich die ganze Familie zu Grenzgängern entwickelt. Dominika Popiela hat in Rosow eine Zierpflanzenzucht aufgebaut und verkauft die Blumen nun in der Region. Die Söhne mit ihren drei und fünf Jahren besuchen einen deutschen Kindergarten. "Da lernen sie auch Englisch, sie werden einmal Sprachgenies", sagt Vater Radoslaw.

Noch sind es kaum zwei Dutzend Kaufobjekte, die das Duo Popiela-Polzer im Angebot hat. "Aber die Nachfrage steigt rasant", sagt Polzer, "und zwar in allen Bereichen." Inzwischen suchen sogar polnische Unternehmen nach Grundstücken für Produktionsstätten in Deutschland. Die Banken haben den Kreditrahmen der beiden Immobilienhändler soeben verdoppelt.

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Von der neuen Arbeitnehmerfreizügigkeit erwarten Polzer und Popiela keine revolutionären Veränderungen. "Wer nur deshalb nach Deutschland wollte, um hier zu arbeiten, der ist längst da", sagt Polzer und erzählt von einem polnischen Kleinbetrieb, der seit Jahren in der Uckermark tätig sei. "Rechtlich besteht die Firma aus sechs eigenständigen Handwerkern, von denen jeder einzeln sein Gewerbe in Deutschland angemeldet hat." Selbstständige aus Osteuropa können ihre Arbeit dank der EU-Dienstleistungsfreiheit bereits seit 2004 in der Bundesrepublik anbieten.

Polzer und Popiela nehmen eine andere Klientel ins Visier. Der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre kommt in Polen zunehmend bei der Mittelschicht an. Vor allem junge Familien streben nach eigenen Immobilien. "Unsere polnischen Kunden wollen weiter in Stettin arbeiten", sagt Popiela, der gerade an diesem Tag ein Haus an ein Ehepaar vermittelt hat. "Sie arbeiten beide in einer großen Bank in Stettin." Mit dem Auto dauert die Fahrt in die Metropole gerade einmal 20 Minuten.

"Die großen und teuren Autos haben alle polnische Kennzeichen"

"Zu unseren Kunden zählen Polizisten, Unternehmer - und sogar ein Priester", sagt Popiela und zeigt auf ein Anwesen: "Dieses Haus habe ich an einen polnischen Priester vermittelt, der es renoviert und eine Kapelle für unsere Landsleute einrichten will." Die Gemeinde dürfte schnell wachsen. Rund 1500 polnische Familien haben sich seit dem EU-Beitritt Polens im Jahr 2004 im Grenzgebiet zwischen Schwedt im Süden und Uckermünde im Norden niedergelassen.

"Anfangs kamen viele Arbeitslose, es war eine Einwanderung in die Sozialsysteme", berichtet Popiela. Das habe sich aber in den letzten drei bis vier Jahren grundlegend geändert, ergänzt Polzer. "Schauen Sie sich die Autos an, die hier herumfahren. Die großen und teuren Wagen haben alle polnische Kennzeichen."

Inzwischen hätten auch die Deutschen gemerkt, "welche Chancen der Zustrom aus dem Osten bietet", sagt Polzer. Kommunalpolitiker zeigten sich immer aufgeschlossener, wenn es um den Verkauf gemeindeeigener Immobilien an polnische Interessenten geht. "Ohne Polen läuft kaum noch etwas", überschrieb kürzlich die "Märkische Oderzeitung" einen Bericht über das Leben in der Uckermark, deren Städtchen der Autor "deutsche Vororte von Stettin" nennt.

In der polnischen Metropole ist der Wirtschaftsaufschwung ungebrochen. Und so ist es nicht ausgeschlossen, dass sich dank der Polen am deutschen Ende der Welt doch noch blühende Landschaften entwickeln.

Ulrich Krökel (Jahrgang 1968) arbeitet seit dem Jahr 2000 als Osteuropa-Korrespondent für verschiedene Tageszeitungen und Online-Medien.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Grenzgänger":

Dienstag - Ab Mai überrollen uns die Billig-Jobber -: stimmt's?
Mittwoch - Zum Schlachten nach Dänemark
Donnerstag - "Tschechien ist gut für meine Karriere"
Freitag - Makler am Ende der Welt

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
herbert 29.04.2011
1. die Vermischung Polen und Deutsche ist groß
mich würde mal eine Studie interessieren, wo man ersehen kann, wieviel Polen in Deutschland leben, bzw Deutsche in Polen. Wie die verwandtschaftliche Vermischung ist und auch die Besitzverteilung, also Eigentum. Es gibt ja Unmengen an deutsche Männer, die mit einer Polin verheiratet sind. Könnte mir vorstellen, dass in 30 Jahren die Vermischung so gross ist, dass man aus Polen und Deutschland einen Staat machen kann oder?
Adran, 29.04.2011
2. Wow
Hat Spon endlich auch gemerkt, wie die Realität ist? *kopfschüttel* Spon hat echt eine lange Leitung. Das sehen wir schon seid Jahren, und es ist positiv.. Alles in allem kann man hoffen, dass es mit der Freuzügigkeit auch endlich eine verbesserung bzgl mancher Hürde gibt.. Es muss einfacher werden, damit die Regionen zusammenwachsen..
geoskript 29.04.2011
3. immerhin eine Perspektive
Immigration ist eigentlich die einzige Perspektive für die trostlosen, depressiven Grenzregionen, die bisher eigentlich nur Abwanderungsgebiete waren. Ohne die polnischen Ärzte und das Pflegepersonal würde die Entvölkerung noch schneller gehen. Also viel Glück!
brux 29.04.2011
4. Klar
Leider sind viele Journalisten auch heute noch EU-blind und -taub und schmoren im eigenen nationalen Saft. Deshalb diese "Überraschungsartikel". Man könnte z.B. auch berichten, dass es mittlerweile spezielle Verwaltungsregeln für Deutsche gibt, die im deutsch-belgischen Grenzland siedeln. In Belgien sind Häuser viel billiger, weil hier nicht der deutsche Baurechtswahnsinn wütet. Man arbeitet also in Aachen oder Düren und wohnt in Eupen. Die Meldestelle in Aachen hat sich dem schon angepasst, wenn z.B. Personalausweise beantragt werden. Das ist das gelebte Europa, dass von der EU möglich gemacht wird. Aber Anti-EU-Hetze verkauft sich eben besser.
Rooo 29.04.2011
5. gute Erfahrungen
Ich habe mit Polen bisher meistens gute Erfahrungen gemacht. Die haben noch Anstand und Ehre und wollen einem nicht noch den letzten Cent aus der Tasche stehlen.
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