Deutsche Ärzte in Kalkutta "Eine andere Medizin, eine andere Welt"

Ärztemangel, Gesundheitsreform, Honorarklagen - Mediziner in Indien kennen ganz andere Sorgen. Einige deutsche Ärzte arbeiten mitten in Kalkutta in einer Slum-Ambulanz. Sie kämpfen gegen das Elend und gegen Krankheiten wie Tuberkulose.

dapd

Seit vier Wochen arbeitet Jacek Sternal, 34, nun schon mitten in Kalkutta in einer Slum-Ambulanz. Rund um den Arzt aus dem nordrhein-westfälischen Bad Salzuflen warten Mütter mit kleinen Kindern auf dem Arm. Lungenentzündungen, Hautausschlag, offene Wunden - wenn die Bevölkerung in diesem Stadtteil Hilfe braucht, kommt sie in die Hütte aus Strohmatten, direkt am Bahndamm. Und die Patienten in ihren bunten Saris stehen Schlange vor dem Eingang - ein krasser Kontrast zu all dem Dreck, Staub und Verfall um sie herum.

"Für immer hier zu bleiben, kann ich mir nicht vorstellen", sagt der Mediziner. Zwei Wochen hat er noch vor sich, dann endet sein unentgeltlicher Einsatz für die Hilfsorganisation "Ärzte für die Dritte Welt". Zuvor arbeitete er in einer Klinik auf Sylt. "Es ist eine andere Medizin hier, eine andere Welt", sagt Sternal.

Und doch hat das Elend, haben die verheerenden Zustände hier Auswirkungen bis nach Deutschland. Es geht um Tuberkulose. Sternal beobachtet, wie sein Kollege Hans-Peter Franken, ein Kinderarzt aus Münster, gerade auf einer provisorischen Liege in der schäbigen Behandlungshütte einen kleinen Jungen abhört. Schwindsucht nannte man die Erkrankung früher.

Viel Leid, aber auch viele kleine Erfolge

Tobias Vogt, Leiter der Slum-Ambulanz, kämpft bereits seit neun Jahren in Kalkutta gegen die Infektionskrankheit. Sein Fazit ist ernüchternd: "Hier ist die Tuberkulose außer Kontrolle." Eigentlich sei TBC ganz gut behandelbar, aber ein solcher Moloch wie Kalkutta mit geschätzt zwölf Millionen Einwohnern und ohne ein funktionierendes Gesundheitssystem sei leider eine ideale Brutstätte für die Seuche. Wenn Tuberkulose nicht bis zur vollständigen Heilung medikamentös behandelt wird, können sich die Keime anpassen und Resistenzen gegen gängige Arzneien entwickeln - ein Horrorszenario für Mediziner und Gesundheitspolitiker.

Vogt, 42, ist dankbar für die Hilfe. Seine Organisation "Ärzte für die Dritte Welt" behandle jedes Jahr allein in Kalkutta rund 100.000 Patienten, unentgeltlich natürlich. Finanziert wird die Arbeit aus Spenden. Auch Vogt war zunächst wie Sternal für sechs Wochen im Hilfseinsatz. Der Internist aus Düsseldorf kam danach immer wieder nach Nordindien - und blieb schließlich.

In Deutschland hat er lange auf einer Krebsstation gearbeitet. Doch die Tätigkeit in Indien sei viel befriedigender. "Hier hat man unendlich viele kleine Erfolge." Einen Sportwagen zu fahren, das sei ohnehin nie sein Motiv gewesen, Arzt zu werden.

Einmal pro Jahr kommt Vogt nach Düsseldorf, seine Eltern besuchen. Doch nach drei Wochen in der Zivilisation zieht es ihn immer wieder zurück nach Kalkutta. "Das ist sicher nichts für jedermann", sagt der Mann. In der Stadt des Elends, der Stadt von Mutter Theresa, hat er seine Aufgabe gefunden.

Von Ulrich Meyer, dapd/jol



insgesamt 11 Beiträge
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Si_iso, 25.04.2011
1. Indien ... Dritte Welt?
Indien ist Atommacht und einer der groessten Waffenimporteure weltweit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746468,00.html Zudem hat Indien ein riesiges Wirtschaftswachstum und strebt ein Weltraumprogramm an. So sehr ich "Ärzte fuer die 3. Welt" gut finde, frage ich mich, was die denn in Indien verloren haben. Zudem würde mich mal interessieren, ob das Engagement nicht im Zweifel eher kontraproduktiv ist; Solange internationale Hilfsorganisationen sich um die grundliegende Gesundheitsvorsorge kümmern, braucht der Indische Staat das nicht zu tun, sondern kann sein Geld in Waffen und Raketen stecken.
gorge11, 25.04.2011
2. So eine Medizinstudium in Deutschland
Zitat von Si_isoIndien ist Atommacht und einer der groessten Waffenimporteure weltweit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746468,00.html Zudem hat Indien ein riesiges Wirtschaftswachstum und strebt ein Weltraumprogramm an. So sehr ich "Ärzte fuer die 3. Welt" gut finde, frage ich mich, was die denn in Indien verloren haben. Zudem würde mich mal interessieren, ob das Engagement nicht im Zweifel eher kontraproduktiv ist; Solange internationale Hilfsorganisationen sich um die grundliegende Gesundheitsvorsorge kümmern, braucht der Indische Staat das nicht zu tun, sondern kann sein Geld in Waffen und Raketen stecken.
kostet so um die 300.000 Euro. Im Grunde ist nichts dagegen eizuwenden, dass sich die Mediziner auch in Indien betätigen, Robert Koch war ja auch da. Aber langsam könnte Indien damal für bezahlen. Unsre Deutscher Kunde zahlt ja auch für unsere Indischen Kollegen, 30% weniger, als für uns, aber ihr Arbeit ist maximal ein Drittel wert. Der Indische Manager der Tröten ist im Prinzip aber ganz gut. Aber er managt halt nur, gehört zur oberen Gesellschaftsschicht mit ziemlich hoher Kaufkraft. eine ganze Kundebateilung vom 10-20 Leuten muss nun alles in Englisch verfassen, damit er es versteht, er hätt ja auch mal Deutsch lernen können in 5 Jahren. Im Allgemeinen kommen natürlich noch Produktpriratierie dazu und Plagiatentum. Schwierige Geschäftspartner. Trotz der herausragenden gesellschaftlichen Stellung ist er jetz zum zweiten Mal hintereinander an Typhus erkrankt, diesmal mit Gelbsucht. Mein Firma könnet ihn hierhinholen, und mit Orginalmedikamenten heilen lassen, aber so weit geht die Liebe dann doch nicht.
Bärchen09 25.04.2011
3. eine andere Welt
Zitat von Si_isoIndien ist Atommacht und einer der groessten Waffenimporteure weltweit. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,746468,00.html Zudem hat Indien ein riesiges Wirtschaftswachstum und strebt ein Weltraumprogramm an. So sehr ich "Ärzte fuer die 3. Welt" gut finde, frage ich mich, was die denn in Indien verloren haben. Zudem würde mich mal interessieren, ob das Engagement nicht im Zweifel eher kontraproduktiv ist; Solange internationale Hilfsorganisationen sich um die grundliegende Gesundheitsvorsorge kümmern, braucht der Indische Staat das nicht zu tun, sondern kann sein Geld in Waffen und Raketen stecken.
Das hört sich zuerst mal ganz logisch an. Und eigentlich müßte eine Wirtschaftsmacht wie Indien wirklch in der Lage sein, seine Menschen selbst medizinisch zu versorgen. Passiert aber nicht. Es gibt keine GKV und die meisten indischen Ärzte behandeln nur gegen Bares. Das können wieder die armen Menschen nicht bezahlen. Hinzu kommt, was viele nicht wahrhaben wollen: seit Mahatma Gandhi ist das Kastensystem eigentlich verboten. In Wahrheit ist es immer noch voll da. Wer in einer niederen Kaste hineingeboren wird, hat einfach keine Chance. Oft versuchen christliche Schulen, gerade solchen Kindern eine Ausbildung zu geben. Darum werden sie dann von der fundamentalistischen Hindukpartei verfolgt und an der Arbeit gehindert. Wo käme es hin, wenn die Armen nicht mehr unterwürfig dort bleiben, wo man sie hinsteckt, sondern ein Wertgefühl entwickeln. Eine gute Bekantne war als Frauenärztin viele Jahre in eíner Stadt in Tamil Nadu tätig. Unvorstellbar! Frauen, die dort zur Behandlung kamen, waren oft am Rande des Todes. Am Ende hat man das Krankenhaus geschlossen, weil die Ärzte Christen waren. Denn indische Ärzt kamen nicht nach. Ich finde die Arbeit dieser Ärzte in Kalkutta sehr lobenswert. Denn solche Epedemien gehen auch an uns nicht spurlos vorbei. Kann man einfach die Augen verschließen, weil eigentlich ganz andere zuständig wären? Schön, wenn Indien endlich mal die Verantwortung auch für seine Armen übernehmen würde.
Softship 26.04.2011
4. Ganz schön vermessener Beitrag!
Zitat von Bärchen09Das hört sich zuerst mal ganz logisch an. Und eigentlich müßte eine Wirtschaftsmacht wie Indien wirklch in der Lage sein, seine Menschen selbst medizinisch zu versorgen. Passiert aber nicht. Es gibt keine GKV und die meisten indischen Ärzte behandeln nur gegen Bares. Das können wieder die armen Menschen nicht bezahlen. Hinzu kommt, was viele nicht wahrhaben wollen: seit Mahatma Gandhi ist das Kastensystem eigentlich verboten. In Wahrheit ist es immer noch voll da. Wer in einer niederen Kaste hineingeboren wird, hat einfach keine Chance. Oft versuchen christliche Schulen, gerade solchen Kindern eine Ausbildung zu geben. Darum werden sie dann von der fundamentalistischen Hindukpartei verfolgt und an der Arbeit gehindert. Wo käme es hin, wenn die Armen nicht mehr unterwürfig dort bleiben, wo man sie hinsteckt, sondern ein Wertgefühl entwickeln. Eine gute Bekantne war als Frauenärztin viele Jahre in eíner Stadt in Tamil Nadu tätig. Unvorstellbar! Frauen, die dort zur Behandlung kamen, waren oft am Rande des Todes. Am Ende hat man das Krankenhaus geschlossen, weil die Ärzte Christen waren. Denn indische Ärzt kamen nicht nach. Ich finde die Arbeit dieser Ärzte in Kalkutta sehr lobenswert. Denn solche Epedemien gehen auch an uns nicht spurlos vorbei. Kann man einfach die Augen verschließen, weil eigentlich ganz andere zuständig wären? Schön, wenn Indien endlich mal die Verantwortung auch für seine Armen übernehmen würde.
Meine Güte! Die meisten Länder dieser Erde haben keine GKV. Nicht mal die USA hat eine GKV und kann seine Menschen selbst medizinische versorgen. Wie kommen Sie denn dazu, alle anderen Ländern Ihre Maßstäbe anlegen zu wollen!? Was Sie wohl nicht wahrhaben wollen: das Kastensystem ist überhaupt nicht verboten. Es gibt auch so was wie eine Kastenzugehörigkeitsbescheinigung. Keine Ahnung, wie Sie auf die Idee gekommen sind, dass es anders wäre. Die meisten christlichen sind Privatschulen, die die Eltern der Kinder teuer bezahlen müssen – immerhin sind besser als die staatlichen Schulen. Vereinzelt, aber nicht generell. Viele Hindus, aber auch Moslems, schicken ihre Kinder in christliche Schulen – also Vorsicht mit solchen Verallgemeinerungen. Tja, anders als in Deutschland, wo sie für jedes Wehwehchen hinrennen. Das glaube ich schlicht nicht. In den zwei Jahren in Indien habe ich jedenfalls nie gehört, dass so was passiert wäre. Wenn Indien nicht restlos ausgeplündert worden wäre, wären sie darin wohl viel weiter. Aber letztlich ist es so, dass es schön wäre, wenn alle Länder sich um ihre Armen kümmern würden. Indien ist keine Ausnahme.
Koda 26.04.2011
5. inwiefern...
Zitat von SoftshipMeine Güte! Die meisten Länder dieser Erde haben keine GKV. Nicht mal die USA hat eine GKV und kann seine Menschen selbst medizinische versorgen. Wie kommen Sie denn dazu, alle anderen Ländern Ihre Maßstäbe anlegen zu wollen!? Was Sie wohl nicht wahrhaben wollen: das Kastensystem ist überhaupt nicht verboten. Es gibt auch so was wie eine Kastenzugehörigkeitsbescheinigung. Keine Ahnung, wie Sie auf die Idee gekommen sind, dass es anders wäre. Die meisten christlichen sind Privatschulen, die die Eltern der Kinder teuer bezahlen müssen – immerhin sind besser als die staatlichen Schulen. Vereinzelt, aber nicht generell. Viele Hindus, aber auch Moslems, schicken ihre Kinder in christliche Schulen – also Vorsicht mit solchen Verallgemeinerungen. Tja, anders als in Deutschland, wo sie für jedes Wehwehchen hinrennen. Das glaube ich schlicht nicht. In den zwei Jahren in Indien habe ich jedenfalls nie gehört, dass so was passiert wäre. Wenn Indien nicht restlos ausgeplündert worden wäre, wären sie darin wohl viel weiter. Aber letztlich ist es so, dass es schön wäre, wenn alle Länder sich um ihre Armen kümmern würden. Indien ist keine Ausnahme.
ausgeplündert? Indien ist seit Ende der 1940er unabhängig, hat seitdem einige Kriege mit Pakistan über standen und Bangla-Desh in die Unabhängigkeit geholfen. Sie sind Atommacht und streben in den Weltraum. Nichts für ungut, aber Deutschland hat vor kurzem erst die letzte Rate der Reparationszahlungen aus dem ersten Weltkrieg bezahlt, nach dem zweiten Weltkrieg war Deutschland komplett am Boden und sicher, man kann zwei Länder nur schwer miteinander vergleichen, aber trotzdem ist die Entwicklung auch an Indien in den nunmehr 70 Jahren nicht vorbeigegangen und es sollte wundern, dsass ein Land einerseits so modern sein kann, andererseits gleichzeitig noch archaische Normen wie Kastendeskriminierung vorherrschen.
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