Sprach-Protzer als Kollegen Hinterwäldler mit Ami-Akzent

Manche Kollegen flechten ein paar Englisch-Fetzen in ihren Redefluss - am besten mit US-Akzent. Der alberne Quatsch soll Weltläufigkeit demonstrieren. Und erreicht meist das Gegenteil, findet Matthias Nöllke.

US-Flagge am Brandenburger Tor: "Ick jlob, mir laust da Affe, wa?"
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US-Flagge am Brandenburger Tor: "Ick jlob, mir laust da Affe, wa?"


Zum Autor
  • Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Ich will mich aber aufregen!". Autor Matthias Nöllke (Jahrgang 1962) ist Vortragsredner, Journalist und schreibt Sachbücher, zum Beispiel zur Frage, was sich Manager von der Natur abgucken können ("Von Bienen und Leitwölfen").
Reden wir nicht drum herum: Um beruflich voranzukommen, musst du Englisch können. Möglichst "verhandlungssicher". Was so viel heißt, dass du den Unterschied zwischen "yes" und "no" kennen solltest und mindestens einen guten Witz erzählen kannst, um für eine entspannte Verhandlungsatmosphäre zu sorgen, ehe sie dich wieder über den Tisch ziehen, diese Amerikaner, Briten, Dänen und Chinesen. Aber so wäre es natürlich auch gekommen, wenn du in deiner Muttersprache verhandelt hättest.

Und doch lässt es sich nicht abstreiten: Wer gut Englisch spricht, der hat ein Ass im Ärmel, mit dem er seine Konkurrenten ausstechen kann. Und nicht nur die. Keine andere Sprache kann da mithalten. Mit Französisch gehst du vielleicht als Weinkenner oder Saarländer durch, Spanisch sprichst du, weil du spanische Freunde hast oder dich irgendwann nach Andalusien absetzen willst. Alle anderen Sprachen sind sowieso zu schwer, um damit Eindruck zu schinden.

Nur Englisch verleiht einem die Aura von Weltläufigkeit und Internationalität. Darum benutzen wir ja auch so gerne englische Begriffe. Weil wir zeigen wollen: So provinziell, wie wir wirken, sind wir gar nicht.

New Yorker Straßengangs und ich

Manche setzen noch eins drauf, indem sie lässig zwischen einem glasklaren Hochdeutsch und einem kennerhaft zerknautschten Amerikanisch hin und her "switchen": Holy shit, da haben die braven Kollegen mit ihrem Schul- und Crashkurs-Englisch das Nachsehen. Und auch die Sprachtalente, die sich auf ein akkurates Oxford-Englisch verlegt haben, können nicht dagegen annäseln.

Die Deutschen mit dem amerikanischen Akzent quatschen sie locker an die Wand. Auch weil sie gern Redensarten und Ausdrücke einstreuen, die außer ihnen und den Straßengangs von New York niemand versteht.

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Und das macht diese Leute so abstoßend. Mit ihrem Akzent wanzen sie sich an die Amerikaner heran und lassen ihre Landsleute alt aussehen. Sie sind keine doofen Deutschen mehr, sondern gehören irgendwie dazu, zur globalen Business-Community, in der nun mal die Amis den Ton angeben. Ob das die echten Amerikaner auch so sehen, wollen wir mal locker bezweifeln.

Ein leichter deutscher Akzent ist nämlich gar nicht schlecht, wenn du aus Deutschland kommst. Wir finden es ja auch ganz charmant, wenn Amerikaner, Engländer oder Franzosen mit ihrem landesüblichen Akzent Deutsch reden. Solange man sie versteht, ist doch alles in Ordnung. Und wir würden sie gewiss nicht ernster nehmen, wenn sie uns in gewolltem Berlinerisch anplärren würden: "Ick jlob, mir laust da Affe, wa?"

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 96 Beiträge
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koenigludwigiivonbayern 12.01.2015
1. We Gerrrmans
In einer Bar in New York fragte mich die Bartenderin, was ich trinken wolle. Ich antwortete: "What do you recommend?". Sie verstand es nicht wegen des Lärms und fragte noch zweimal nach. Beim dritten mal sagte ich: "What do you rrrrrecommend?". Sie antwortete: "Ey, you're German. I like how you guys are rolling your "r"'s". O.K., dachte ich, wenn's der Wahrheitsfindung dient!
ksail 12.01.2015
2. Deutscher Akzent
Die echten Profis bei Thema Internationalisierung wie z.B. die deutschen Exportfirmen kokettieren ja sogar mit ihrer Herkunft und streuen deutsche Worte und Akzente in Vorträge und Imageclips ein (VW, BMW, Maschinenbaufirmen). Meine Erfahrung ist, dass die Amerikaner sich über deutsche Kontakte freuen, weil die Deutschen branchenabhängig einen guten Ruf genießen und eben genau nicht amerikanisch-vermarktend, sondern deutsch-nüchtern auftreten. Mit dem Pfund kann man wuchern, wenn man es versteht.
fatherted98 12.01.2015
3. Vorgemacht...
...die Arbeitgeber machen es vor...es gibt ja noch nicht mal mehr Hausmeister heutzutage....nur noch facility manager...wen wundert es da, dass jeder mit seinem Schulenglisch protzen möchte...ist mir aber immer noch lieber die Leute sprechen wenigstens ein bißchen Englisch...in manchen Ländern Europas kommt man auch mit Englisch bei den meisten (die es in der Schule hatten) keinen Schritt weiter.
farnsworth 12.01.2015
4. Auf meine Frage...
...nach meinem Akzent, meinte meine Schwester (US-Amerikanerin) "You sound like Schwarzenegger", was zeigt, dass Arni in USA nicht - wie hier in D - peinlich synchronisiert wird, man steht zu seiner Herkunft, auch sprachlich.
hman2 12.01.2015
5.
---Zitat--- Die echten Profis bei Thema Internationalisierung wie z.B. die deutschen Exportfirmen kokettieren ja sogar mit ihrer Herkunft und streuen deutsche Worte und Akzente in Vorträge und Imageclips ein (VW, BMW, Maschinenbaufirmen). ---Zitatende--- Ach, wie schön wäre es, wenn diese Firmen mal ein paar _deutsche_ Worte in ihre Werbung einstreuen würden... Zwar sagt VW "Das Auto", differenziert dann aber gleich "Die neuen Club & Lounge Sondermodelle". E-Tron und X-Drive lassen grüßen...
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