Deutscher in New York Currywurst vom Wirtschaftsprüfer

Er kam als Wirtschaftsprüfer, wurde Banker - und jetzt verkauft er Currywürste in New York. Besser hätte es nicht laufen können, findet Andre Wechsler. In Korea hat er sogar eine eigene Fangemeinde.

Von Katharina Finke

Alexa Hoyer

Wirtschaftsprüfer, Banker, Currywurstverkäufer - das ist die Kurzversion der beruflichen Laufbahn von Andre Wechsler, 42. Geld hat er jetzt weniger als früher. Sein Ziel hat er trotzdem erreicht: "Ich habe etwas gefunden, an dem ich Spaß habe und das mich glücklich macht." Es ist eine Currywurstbude, mitten im New Yorker East Village.

Der gebürtige Westfale wanderte vor zehn Jahren in die USA aus, damals arbeitete er für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte. Das Leben in New York gefiel ihm, doch das Arbeitsklima war mies. Also wechselte er den Job, wurde Banker. Und schob wieder 20-Stunden-Schichten, übernachtete im Büro, ärgerte sich über Vorgesetzte. "Das gab mir den Rest", sagt er, "ich hatte genug."

Passivhäuser wollte Wechsler bauen, das schien ihm ein Geschäft mit Zukunft - bis die Immobilienblase platzte. Ein neuer Plan musste her. Und weil er schon seit Jahren die Currywurst vermisste, lag die Idee nah: Er würde eine Currywurstbude gründen. "Damit bin ich aufgewachsen, und die gab es damals hier nicht." Der Businessplan war schnell geschrieben, die Restauranteröffnung aber schwieriger als gedacht. "Mit so viel Bürokratie hatte ich in den USA nicht gerechnet", sagt Wechsler. Alkohollizenz, Mietvertrag, Erlaubnis zur gewerblichen Nutzung - bis er alles beisammen hatte, vergingen Monate.

Empfehlungen in koreanischen Blogs

2009 war es endlich so weit: "Wechsler's. Authentic German Currywurst", schrieb er an seinen Laden. Der Slogan kam nicht so gut an. "Damit konnten die meisten gar nichts anfangen", so Andre Wechsler. "Viele achteten nur auf das Wort 'Curry' und dachten, es ginge um eine scharfe, indische Wurst." Ein Budget für Werbemittel hatte er nicht, Facebook und Twitter mussten reichen.

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Die ersten Gäste waren neugierige Nachbarn. Eine Currywurst bestellten sie nicht. "Darüber haben sich nur ein paar Deutsche gefreut, der Großteil suchte sich immer was anderes aus", erzählt der Wirt. Die Enttäuschung hört man ihm noch immer an - am Anfang stand er selbst stundenlang hinterm Tresen und in der Küche hatte er sich doch so viel Mühe mit der Soße gegeben. Dabei kann er über mangelndes Interesse schon lange nicht mehr klagen und ist mittlerweile Chef von acht Mitarbeitern.

Für den Aufwind sorgten ausgerechnet Touristen aus Japan und Korea, die massenweise Currywurst und Bier bestellten. "Ich war total überrascht", sagt Wechsler. Die Erklärung des Booms: Das Wechsler's wurde in den drei wichtigsten koreanischen Reiseblogs empfohlen. Die Begeisterung der asiatischen Touristen steckte auch andere Kunden an: "Currywurst wurde zum Verkaufsschlager. Und ist es auch noch heute."

Die Eckkneipe als zweites Zuhause

Die kritischsten Kunden seien die Deutschen, so Wechsler. Sie rümpften vor allem über die Preise die Nase. Eine Currywurst mit Pommes kostet bei ihm sieben Dollar, etwa 5,25 Euro. Für New York ist das noch untere Preiskategorie. "Die Mieten hier sind höher als in Deutschland, irgendwo muss sich das ja niederschlagen", sagt Wechsler. Ohne Alkohollizenz wäre er aufgeschmissen.

Zwei seiner treuesten Kunden sind Paul Singh, 36, und Lars Vogler, 37. "Ich habe hier das allererste Mal Currywurst probiert und war hin und weg", sagt Medienproduzent Singh. Mindestens einmal die Woche esse er im Wechsler's. Auch Vogler ist begeistert: "Es ist die beste Currywurst, die ich je gegessen habe, besser als in Deutschland." Er lebt seit acht Jahren in New York und kommt sogar mehrmals die Woche her - nicht nur wegen der Wurst. "Ich war nie ein Fan von Eckkneipen, aber hier fühlt man sich sofort wohl." In New York seien die Wohnungen so klein, da brauche man ein zweites Zuhause, ergänzt Singh.

Andre Wechsler sagt, er habe viele neue Freunde in seinem Lokal gefunden. "Das Team der Angestellten ist wie eine kleine Familie, die sich gegenseitig unterstützt." Trotzdem steht er selbst nicht mehr hinter der Theke. "Mit der Zeit wurde es einfach zu viel, du kannst nicht rund um die Uhr arbeiten und dann auch noch mit allen einen trinken", sagt er. Ein Jahr nach der Ladeneröffnung zog er nach Brooklyn. "Inzwischen läuft der Laden von allein."

Und zwar so erfolgreich, dass Andre Wechsler schon ein zweites Lokal plant. "Ich würde gerne die Produktpalette erweitern", sagt er. Bislang stehen bei ihm zwölf verschiedene Würstchen auf der Karte, drei davon vegetarisch, außerdem Kartoffelsalat und Pommes und, je nach Saison, Gulasch, Sauerkraut oder Grünkohl.

Kulturschock

  • Katharina Finke (Jahrgang 1985) ist freie Journalistin in New York. Sie berichtet aus den USA und anderen Ecken der Welt für Zeitungen, Magazine, Online-Medien und deutschsprachiges Fernsehen.

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insgesamt 9 Beiträge
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RogueFive 24.09.2013
1. zustimm
Wir waren schon da und koennen dem Laden eine ausgezeichnete weil authentische Produktqualitaet bestaetigen
objektivemeinung 24.09.2013
2. Dönertürke...
...wird man hierzulande beschimpft, wenn Türken das nachweislich beliebteste Fastfood anbieten. Wenn deutsche Auswanderer aber banale Bäckereien oder Würstchenbuden aufmachen wird es gleich als Erfolgsstory angepriesen. Dass deutsche Auswanderer sich kaum integrieren wollen und lieber unter sich bleiben, wird gerne in der Berichterstattung ignoriert...Doppelte Moral nennt man das
new-yorker 24.09.2013
3. Sehr gute qualitaet!
Ich sass vor Jahren bei Wechlers an der Theke, kurz nachdem der Laden aufgemacht hat, und seitdem haeufiger. Die Qualitaet ist super (Fleisch kommt von nem deutschen Schlachter) und das Bier recht frisch.Bin froh, dass sich der Laden halten kann und weiterhin laeuft.
BrunoGlas 25.09.2013
4. Reissdorf Kölsch in NY
Beim Blick auf die Preistafel (Bild 6 und 9) sehe ich, dass 0,2 L Reisssdorf-Kölsch in der Stange mit 3 Dollar so viel kostet wie in Berlin-Mitte, in der Torstrasse 65, in der Gaststätte W. Prassnik, nämlich dort genau 2 Euro. In der Kölner Südstadt, in der Severinstrasse, der ursprünglichen Heimat des süß-süffigen, obergärigen Bieres, kostet es jedoch nur um die 1,40 Euro. Summa summarum, New York ist so teuer wie Berlin-Mitte. Alle weiteren globalen Bierpreise können Sie direkt über mich erfahren, da ich überall schon war und an allen Ecken der Welt Kölsch getrunken habe, z b. auch in China.
dorfneurotiker 25.09.2013
5. Toll
er hat einen genialen Einfall gehabt, seinen bestimmt nicht schlecht bezahlen Job aufgegeben und sich selbst verwirklicht. Das ganze noch dazu in einem fremden Land. Ich finde es toll und wünsche Herrn Wechsler weiterhin viel Erfolg.
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