Umfrage Ein Drittel der Betriebe will Flüchtlinge einstellen

Jedes dritte Unternehmen plant, bald Flüchtlinge einzustellen - viele Personaler fürchten aber den bürokratischen Aufwand. Eine Umfrage unter Firmen, die schon Asylbewerber beschäftigt haben, zeigt: zu Recht.

Alle Hürden gemeistert: Ein Asylbewerber mit Lehrlingsstelle in einer süddeutschen Tischlerei
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Alle Hürden gemeistert: Ein Asylbewerber mit Lehrlingsstelle in einer süddeutschen Tischlerei

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Wer aus einem fremden Land nach Deutschland kommt, kann sich leichter integrieren und sein Leben finanzieren, wenn er schnell einen Job findet. Doch viele Personalchefs, die Flüchtlingen eine Stelle anbieten könnten, klagen über bürokratische Hürden, sie können die ausländische Qualifikation der Bewerber oft nicht einschätzen oder legen besonderen Wert auf gute Deutschkenntnisse. Wie steht es also um die Bereitschaft der Wirtschaft, tatsächlich mit Flüchtlingen zu arbeiten?

34 Prozent der Unternehmen wollen in diesem oder im kommenden Jahr geflüchtete Menschen einstellen. Das geht aus einer Befragung des Ifo-Instituts unter rund tausend Personalleitern hervor.

Das wäre eine große Steigerung: In den vergangenen zwei Jahren haben laut der Umfrage nur sieben Prozent der Firmen schon Flüchtlinge beschäftigt. Leider fragten die Ifo-Forscher nicht ab, welche Unternehmen in den kommenden zwei Jahren überhaupt neues Personal einstellen wollen. Wären beispielsweise 90 Prozent der Firmen dazu bereit, wären 34 Prozent, die Flüchtlinge einstellen würden, eher wenig. Wären es dagegen nur 40 Prozent, die Neueinstellungen planen, läge der Wert sehr hoch.

Interessant ist ein anderer Zusammenhang, den die Studie aufzeigt: Zwar sehen die befragten Personalleiter durchaus die Hürden - so müssen die Unternehmen beispielsweise, wenn sie einen Nicht-EU-Bürger einstellen wollen, meistens in einer sogenannten Vorrangprüfung darlegen, dass für eine freie Stelle kein deutscher oder EU-Bewerber infrage kommt.

Aber offenbar machen sie dann gute Erfahrungen: Von den Chefs, die bereits Flüchtlinge beschäftigt haben, wollen in den kommenden zwei Jahren 68 Prozent weitere Geflüchtete einstellen.

In welchen Bereichen sehen die Firmen mögliche größere Hindernisse? Das größte Gewicht haben für sie die Sprachkenntnisse (86 Prozent), die Qualifikation der Bewerber (46 Prozent) und die rechtlichen Rahmenbedingungen (49 Prozent), zu denen unter anderem die Vorrangprüfung zählt. Die Personalleiter, die damit schon Erfahrung haben, klagen sogar noch öfter über die Bürokratie (55 Prozent).

Staatliche Maßnahmen könnten hier also helfen, sowohl den Flüchtlingen als auch den Unternehmen. So haben bereits im Dezember die Wirtschaftsminister der Länder beraten, ob sie auf die Vorrangprüfung verzichten könnten. Die IG Metall hat vorgeschlagen, betriebliche Integrationsjahre zu organisieren, in denen die Migranten begleitend zur Arbeit Sprachunterricht bekommen; die Ausfälle könnte die Bundesagentur für Arbeit den Unternehmen bezahlen. Außerdem könnten bereits bei der Ankunft der Flüchtlinge berufliche Fähigkeiten erfasst werden, um die Stellensuche zu erleichtern.

Die Ausgangsituation auf dem Arbeitsmarkt ist günstig: Die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Viele Unternehmen sind außerdem bereit, in die neuen Mitarbeiter zu investieren, auch das geht aus der Ifo-Umfrage hervor. 45 Prozent der Betriebe, die Geflüchtete einstellen wollen, planen auch mit deren beruflicher Weiterbildung.

Die Befragung des Ifo-Instituts ist Teil der vierteljährlichen Flexindex-Erhebung. Dabei fragen Ifo und der Personaldienstleister Randstad, wie sich der Einsatz von Instrumenten zur flexiblen Gestaltung von Arbeit entwickelt, zum Beispiel Überstunden, Arbeitszeitkonten, Fristverträge, Minijobs oder Zeitarbeit. Die Befragung wurde im vierten Quartal 2015 durchgeführt.

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