Studie Gleichberechtigung in Deutschland stagniert

Gerecht geht anders: Das Weltwirtschaftsforum bescheinigt Deutschland kaum noch Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung. Besonders in der Politik und in der Wirtschaft hakt es.

Handwerkerin bei der Arbeit
Corbis

Handwerkerin bei der Arbeit


Die Gleichberechtigung in Deutschland kommt kaum voran: Der Frauenanteil in den Parlamenten hat abgenommen, zudem haben Frauen weiter deutlich schlechtere Bildungschancen als Männer. Das hat eine neue Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) ergeben.

Der "Global Gender Gap Report" des WEF wird jährlich veröffentlicht. In der aktuellen Ausgabe rutscht Deutschland in der Gesamtwertung auf Rang 14 ab, zwei Plätze niedriger als im vergangenen Jahr. Beim ersten Ranking 2006 hatte die Bundesrepublik noch auf Platz 5 gestanden. Spitzenreiter bleibt Island.

Das WEF untersuchte für den Bericht in 149 Staaten, wie gut die Gleichberechtigung in vier Bereichen vollzogen wurde. Als Vergleichswert wird berechnet, wie stark die Gerechtigkeitslücke zwischen Männern und Frauen bereits geschlossen ist.

  • Wirtschaft: Faktoren sind beispielsweise die Gehälter von Frauen und ihre Chancen auf Führungspositionen. Hier bescheinigt der Bericht, die Geschlechterlücke in Deutschland sei zu 73 Prozent geschlossen - Platz 36 im Ranking.
  • Beim Zugang zu Bildung sieht es besser aus: Hier attestieren die Autoren der Bundesrepublik, die Gerechtigkeitslücke zu fast 98 Prozent geschlossen zu haben. Zahlreiche andere Staaten kommen hier allerdings auf noch bessere Werte, sodass Deutschland in diesem Feld nur auf Platz 97 des Rankings landet.
  • Bei den politischen Mitwirkungsmöglichkeiten kommt Deutschland mit einem Wert von knapp 42 Prozent im weltweiten Vergleich immerhin auf Platz 12.
  • Im Feld Gesundheit wird etwa die Lebenserwartung gewertet. Die Lücke sei zu 97 Prozent geschlossen, schreiben die Autoren - trotzdem reicht es international nur zu Platz 85.

Insgesamt stagniere die Gleichberechtigung, in einigen Bereichen wachse die Kluft sogar wieder, warnt das WEF. So habe das Gefälle zwischen Männern und Frauen in den Bereichen Gesundheit und Bildung zugenommen. Lediglich bei der wirtschaftlichen Chancengleichheit sei die Kluft verringert worden, allerdings sei der Frauenanteil an der weltweiten Erwerbsbevölkerung zurückgegangen.

Im Vorjahr hatten die Autoren erstmals seit Veröffentlichung der Studie 2006 eine weltweite Vergrößerung der Kluft zwischen Frauen und Männern festgestellt. Vor diesem Hintergrund sei die - wenn auch marginale - Verbesserung in diesem Jahr begrüßenswert. Weltweit ist die Geschlechterkluft demnach zu 68 Prozent geschlossen.

Westeuropa als Region führend

"Mehr denn je können es Gesellschaften sich nicht leisten, auf die Fähigkeiten, Ideen und Perspektiven der Hälfte der Menschheit zu verzichten", kommentierte WEF-Gründer Klaus Schwab den Bericht. Nur mit gleichberechtigter Teilhabe der Frauen lasse sich das Versprechen einer wohlhabenderen und menschlich orientierten Zukunft umsetzen.

Probleme gibt es fast überall. Auch Spitzenreiter Island wurde mit einer zu 85,8 Prozent geschlossenen Lücke schlechter bewertet als im Vorjahr (88 Prozent). Dort habe sich die Kluft bei weiblichen Abgeordneten sowie Beamtinnen und Managerinnen vergrößert.

Es folgen Norwegen, Schweden und Finnland sowie das mittelamerikanische Nicaragua und das ostafrikanische Ruanda. Die USA fallen um zwei Plätze auf Rang 51. Westeuropa bleibt die Region mit der höchsten Gleichstellung (75,8 Prozent), Schlusslicht sind der Nahe Osten und Nordafrika (60,2 Prozent).

Im jetzigen Tempo werde es länger dauern, die globale Lücke zwischen den Geschlechtern zu schließen, schreiben die Autoren. Sie rechnen für die 106 Länder, die bereits 2006 untersucht wurden, mit 108 Jahren - verglichen mit 100 beim vorigen Bericht.

Anders gesagt: Wer Gleichberechtigung will, muss beim aktuellen Veränderungstempo geduldig sein. Bis zur Gleichstellung am Arbeitsplatz würde es demnach noch 202 Jahre dauern.

him/dpa

insgesamt 70 Beiträge
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thefoolonthehill 18.12.2018
1. Sehr schade
Aber deckt sich mit meinem Gefühl. Zu viele Leute halten den Prozess der Gleichstellung schon für abgeschlossen oder glauben gar, dass es in der Summe schon in die umgekehrte Richtung überschlagen würde. Das Problem sehe ich insbesondere in Deutschland darin, dass man nur versucht, an den Symptomen rumzudoktorn, anstatt an den einzigen Schrauben zu drehen, die etwas verändern können: Erziehung und Bildung. Verbietet sexistische Webung im Kinderfernsehen. So lange da läuft, was da jetzt läuft, wird es keine Gleichberechtigung geben. Hinterfragt Geschlechterrollen im Schulunterricht und gebt sie der Lächerlichkeit preis. Eine Frage, die die Studie bei mir aufwirft ist, was mit Lebenserwartung gemeint ist. Die liegt eigentlich überall bei den Frauen höher als bei den Männern. Wie wird da was woran gemessen?
Ein_denkender_Querulant 18.12.2018
2. Ein Dank an die AfD
Was steht im Programm? " Das klassische Familienmodell soll gefördert werden", aha, Frauen also wieder an den Herd, dazu das ewige Rumgehacke auf sinnvollen Optionen zur Gleichstellung, die stumpf als "Gendermainstream" abgelehnt wird. Frauen, Homosexuelle, Behinderte und Randgruppen sollten verdammt Acht geben, wie es sich weiter entwickelt, und die Rote Karte für unsere Neurechten Mitbürger immer griffbereit haben. Wir stellen die Mehrheit, warum also nicht weiter für unsere Rechte kämpfen?
stefan.martens.75 18.12.2018
3. Gleichberechtigung?
Oder Bevorzugung bis zur Gleichheit? Was die Politik zum Beispiel anbelangt entspricht die Frauenquote nahezu exakt dem politischen Engagements der Frauen. Wenn nur 30% der Parteimitglieder Frauen sind, was soll daran Gleichberechtigung sein das 50% der Spitzenposten mit Ihnen besetzt werden? Oder gibt es irgendwelche Hemmnisse für Frauen sich ein Parteibuch zu besorgen?
Fuxx81 18.12.2018
4. Übersetzungsfehler?
---Zitat--- Die Gleichberechtigung in Deutschland kommt kaum voran: Der Frauenanteil in den Parlamenten hat abgenommen, zudem haben Frauen weiter deutlich schlechtere Bildungschancen als Männer. ---Zitatende--- Das ist zwar bedauerlich, hat aber nichts mit der rechtlichen Situation zu tun. Es gibt kein Gesetz, dass es Frauen verbietet, sich in die Parlamente wählen zu lassen. Generell hat wohl entweder der Autor des Artikels, oder die Quelle nicht verstanden, was das Wort "Gleichberechtigung" bedeutet und gebraucht es dementsprechend falsch. Wenn es vom englischen (Gender-)Equality übersetzt wurde, wäre "Gleichheit" das passendere Wort. Eventuell auch Chancen-Gleichheit, wobei darunter auch jeder etwas anderes versteht.
nach-mir-die-springflut 18.12.2018
5.
Vielleicht sollten sich mal die Frauen hier äußern und ihre Erfahrungen und Wünsche mitteilen? Es hat ja jeder nur seine limitierte Perspektive auf die Welt und seinen beschränkten Erfahrungsbereich.
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