Berufseinsteiger Die Legende von der anspruchsvollen Generation Y

Sie ist anspruchsvoll und diktiert Unternehmen ihre Bedingungen: So wird die Generation Y gern beschrieben. In Wahrheit lebt sie prekär - und soll sich über die Unsicherheit noch freuen.

Generation Y: Wie bringt man Ordnung in ein junges Berufsleben?
Corbis

Generation Y: Wie bringt man Ordnung in ein junges Berufsleben?

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Fast müsste man sie bemitleiden, die Personalchefs von heute. Da kommen junge Leute zu ihnen, frisch von der Uni, sitzen im Bewerbungsgespräch und fordern, fordern, fordern. Regelmäßige Auszeiten etwa. Ein Home Office. Selbstbestimmte Arbeitszeiten. Volle Flexibilität. Und wenn sie nicht bekommen, was sie wollen, dann ziehen sie eben zum nächsten Chef. Da kann eine Firma schon mal ins Schwitzen kommen.

Superflexibel. Superselbstbewusst. So sind sie angeblich, die jungen Berufseinsteiger zwischen Studienabschluss und erstem Job. Als Generation Y bezeichnen Personalmanager und Unternehmensberater seit einiger Zeit die Vorhut einer neuen Arbeitswelt. Die Ypsiloner wissen, heißt es, was sie wert sind. Sie wollen nicht länger dem Betrieb ihr Leben unterordnen. "Der Wettbewerb um Talente wird härter, und meine Generation ist die erste, die davon profitiert", schreibt etwa die Journalistin Kerstin Bund in ihrem Buch "Glück schlägt Geld". Wirklich?

Schön wär's, wenn die Jungen auf Augenhöhe mit den Personalchefs verhandeln würden. Wenn es wirklich eine Zeitenwende gäbe, eine historische Machtverschiebung von Kapital zu Arbeit.

Leider stimmt nichts an der Geschichte von der Generation Y. Schlimmer noch: Sie ist eine weitere Zumutung für junge Berufstätige, die nun nicht nur mit den Härten der Arbeitswelt, sondern auch mit dieser Legende zu kämpfen haben.

Die Generation Y ist in Wahrheit eine Generation Prekär

Der Berufseinstieg verläuft heute nicht einfacher, sondern schwieriger als früher. Befristete Arbeitsverträge unterschreiben überproportional häufig junge Arbeitnehmer. Unter den Unter-25-Jährigen haben 23 Prozent einen Zeitvertrag. Bei den Arbeitnehmern zwischen 25 und 35 Jahren sind es 13,8 Prozent. Das sind Zustände, die man sich in Westeuropa noch vor ein paar Jahrzehnten verbeten hätte. Inzwischen ragt Deutschland auch international heraus mit einer extrem hohen Befristungsquote bei jungen Berufstätigen: Nach Berechnung der Industrieländer-Organisation OECD werden junge Menschen lediglich in den Niederlanden noch häufiger mit einem Zeitvertrag abgespeist als in Deutschland. Selbst das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) spricht inzwischen von einer "Umverteilung von Beschäftigungsrisiken hin zu jüngeren Beschäftigten".

Der Widerspruch scheint den Ypsilon-Theoretikern immerhin nicht ganz entgangen zu sein - nur dass sie ihn kühn zu einem Beleg für ihre These der selbstbewussten Generation umdichten. Jugendforscher Klaus Hurrelmann etwa beschreibt die Ypsiloner als eine Generation der Krise, aufgewachsen in der Zeit zwischen dem Terroranschlag vom 11. September und dem Zusammenbruch des Finanzsystems, herangereift mit dem Gefühl, dass nichts mehr planbar, nichts mehr verlässlich, nichts vorhersehbar ist. "Mit der Ungewissheit groß zu werden, dass völlig offen ist, ob man nach Schule und Ausbildung wirklich einen passablen Job findet, wird zu einer Grunderfahrung", schreibt er zusammen mit Co-Autor Erik Albrecht in einem Buch über die "heimlichen Revolutionäre" der Arbeitswelt.

Generation... wie bitte?
Talkin' 'bout my Generation
Selbstverständlich kann man nicht einfach eine ganze Generation über einen Kamm scheren. Aber gewisse Moden und Strömungen gibt es schon, die für eine Altersgruppe zumindest typisch sind.
Generation X
Damit sind - zumindest heute - alle gemeint, die zwischen den frühen Sechzigerjahren und frühen Achtzigerjahren geboren sind. Der Begriff wurde durch den gleichnamigen Roman von Douglas Coupland bekannt. Die Generation wuchs ohne Kriegserfahrung auf, aber auch ohne das Versprechen permanenten Wachstums, das noch die Entscheidungen der Vorgängergeneration geprägt hatte.
Generation Y
Auf X folgt Y, in der englischen Aussprache klingt Y aber auch wie "Why?", also die Frage: "Warum?" Dieser Generation, geboren zwischen den frühen Achtzigern und späten Neunzigerjahren, wird eine hinterfragende Haltung zugeschrieben. Sie ist in einer Wohlstandgesellschaft aufgewachsen, zu den ersten prägenden politischen Erfahrungen gehört der Anschlag auf das New Yorker World Trade Center vom 11. September 2001.
Generation Z
Geboren nach 1999, kommt bald die nächste Generation ins Erwachsenenalter. Sie prägt nach ersten Einschätzungen nicht nur der Wohlstand der Gesellschaft, sondern auch die Digitalisierung mit all ihren Umbrüchen. Außerdem könnte sie von der Unsicherheit beeinflusst sein, die seit der Finanzkrise von 2008 die Wirtschaft weltweit kennzeichnet.
Doch gerade aus der Erfahrung der Instabilität als Dauerzustand würden die Jungen die Souveränität gewinnen, mit der sie ihren Arbeitgebern gegenübertreten - und eben Sabbaticals, Heimarbeit und sonstige Annehmlichkeiten für sich heraushandeln. Die Generation Y habe keinen Plan und sei stolz darauf, schreiben Hurrelmann und Albrecht.

Diese Argumentation ist abenteuerlich unlogisch. Warum sollte ausgerechnet aus einem Leben in Ungewissheit ein neues Selbstbewusstsein entstehen? Und sie ist empirisch nicht zu halten: Laut Robert-Koch-Institut beispielsweise sind prekär Beschäftigte häufiger krank, unzufriedener mit ihrem Leben und anfälliger für psychische Leiden als Normalarbeitnehmer; andere Studien weisen in eine ähnliche Richtung.

Der Soziologe Pierre Bourdieu hatte vor Jahren analysiert, wie die Prekarisierung jedes Aufbegehren erstickt. "Indem sie die Zukunft überhaupt im Ungewissen lässt, verwehrt sie den Betroffenen vor allem jenes Mindestmaß an Hoffnung und Glauben an die Zukunft, das für eine vor allem kollektive Auflehnung gegen eine noch so unerträgliche Gegenwart notwendig ist", schrieb er.

Etwas weniger sperrig: Selbst für die Proletarier des Industriezeitalters waren die Voraussetzungen im Kampf um bessere Arbeit günstiger als für junge Berufstätige, die sich mit Minijobs, Werk- und Zeitverträgen durchschlagen müssen und nie wirklich wissen, wie und wo es weitergeht.

Die Legende von der Generation Y deutet raue Bedingungen in etwas um, was junge Arbeitnehmer sich angeblich selbst wünschen: Ein mieser Vertrag erscheint dann als einer, der in Wahrheit nur die eigenen Bedürfnisse nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung vorwegnimmt. Wer es trotzdem anders empfindet, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Da nimmt man doch lieber augenzwinkernd hin, dass die Arbeitswelt eben nicht so ist wie damals bei den Eltern, aber irgendwie ganz kommod. Laut zu klagen würde nicht zum hippen, selbstbestimmten Generationenporträt passen, das Bücher und Zeitschriften jetzt so gerne zeichnen.

Anpassung statt Veränderung

Die Y-Legende empfiehlt die Anpassung an die Verhältnisse - die man stattdessen auch ändern könnte. Denn warum werden Werkverträge nicht einfach eingedämmt? Warum werden Mini-Jobs immer noch staatlich subventioniert? Und warum erlaubt das Zeitvertragsgesetz sogar Befristungen, für die es keinerlei Sachgrund gibt? Es könnte durchaus anders sein, nur dafür müsste man es erst einmal klar als Problem anerkennen.

Das ist das eigentlich Hinterhältige am Loblied auf die Generation Y: Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Bestärkung für eine neue Riege junger, selbstbestimmter Arbeitnehmer, die um ihren Wert weiß und dafür eintritt, die Veränderung als ihre Chance begreift. In Wirklichkeit dient es nur den Interessen der Arbeitgeber an einem flexibel nutzbaren Arbeitskräftematerial, das nicht mehr zu jammern wagt.

  • Bernd Kramer (Jahrgang 1984) ist Redakteur bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Uni-/ SchulSPIEGEL.

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insgesamt 146 Beiträge
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Seite 1
mictann 30.11.2015
1. Wie soll ich das deuten?
Berufseinsteiger sollen sofort eine weitgehende Sicherheit ihres Jobs beanspruchen können? Im Osten können das nicht einmal gut qualifizierte Arbeitnehmer mit 10-15 Jahren Berufserfahrung. Und dabei wird von uns die gleiche Flexibilität und noch mehr gefordert wie bei Einsteigern (Überstunden, Wochenendarbeit, lange Fahrzeiten zum Arbeitsort, wechselnde Einsatzorte ... etc. ohne Gehaltsausgleich wohlgemerkt) Mit dem kleinen Unterschied, dass wir Familie haben und das oft beide Partner betrifft. Das Rumgeheule kann ich jetzt nicht wirklich verstehen.
WirtImBerger 30.11.2015
2. Hört, hört, ...
... sie sprechen mir aus der Seele. Die Generation Y Legenden kommen aus der selben Ecke wie das ständige gefasel vom Fachkräftemangel. Qui bono muss man sich fragen. Hinzu kommt, falls man es endlich geschafft hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu ergattern, staunt man Bauklötze wenn man erfährt welche Vertragsbedingungen zehn bis 15 Jahre ältere noch für sich in Anspruch nehmen können. Seit 2000 wurde in meinem Betrieb zwei mal das Vergütungsmodell geändert - sprich verschlechtert. Vor zwei Jahren schließlich die Betriebsrente "modernisiert" - sprich verschlechtert. Statt 5% Garantieverzinsung vom Betrieb gibt's jetzt eine Lebensversicherung bei der vor allem das Versicherungskonsortion verdient. Schöne neue Welt.
pr@ 30.11.2015
3. treffender Artikel
Ich gehöre wohl auch zur gesagten Generation Y und kann das beschriebene Szenario bestätigen. Zum Berufseinstieg nach Studium und sogar Ausbildung davor - angeblich ja ach so förderlich - habe ich nur durch lange Suche und sehr viel Glück eine unbefristete Stelle bekommen. Stattdessen wären sicherlich hier und da auch Zeitarbeitsversträge möglich gewesen. Aber je nach Region ist das auch nicht allzu einfach. Passend zur Generation Y gibt es nämlich eine Anpassung der Personaler ebenfalls: auch die wissen genau, was sie suchen. Oder sie glauben es. Da ist man offensichtlich ähnlich unflexibel, wie es einer Generation (Y,...) vorgeworfen wird. Möglicherweise doch nur eine Projektion frei nach Freud?
DMenakker 30.11.2015
4.
Ein Arbeitgeber erlaubt es sich, keinen Vertrag mehr anzubieten, der ggf. bis zur Rente geht, sondern einen zeitlich befristeten, ohne sich dabei in unbeherrbaren Bürokratendickicht zu verlieren. Er sagt ganz einfach, wie lange er den Angestellten beschäftigen will. Da muss man doch zur Revolution aufrufen. Was denn auch sonst?
mdew 30.11.2015
5. Erschreckend, aber wahr
genau so ist es. Als Ausgleich dürfen sie noch die höchsten Rentenbeiträge bezahlen und die geringsten Renten bekommen. Wir nehmen unsere Jugend aus wie 'ne Weihnachtsgans. Aber irgendwie bekommt die Jugend es nicht mit und wehrt sich nicht. Sind wir Deutschen so stinkfaul geworden oder daddeln die die ganze Zeit mit dem Smartphone herum? Ich verstehe es nicht, dass die sich das gefallen lassen.
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